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Aus AMOS 3/1999 dokumentiert Transparent einen Aufsatz von Dr. Heinrich Vokkert, ev. Pfarrer i.R., Umweltexperte, Finanzfachmann und langjähriges Mitglied im ständigen Finanzausschuß der EkvW.

Die Kirchensteuern steigen – Land in Sicht?

Nach all den Erschütterungen und Depressionen, die die Beschlüsse der letzten Landessynoden in Sachen Finanzen ausgelöst haben, ist ein Stimmungsumschlag zu registrieren: Die Kirchensteuereinnahmen steigen. Ob wirklich der „untere Wendepunkt" erreicht ist, lässt sich erst am Jahresanfang 2000 einigermaßen gesichert feststellen. Ein weiterer Hinweis dürfte ebenfalls für Interesse sorgen: Der Hauptzuwachs resultiere aus der Einkommensteuer. Vor einiger Zeit hat AMOS (3/97 usw.) bereits auf das eklatante Auseinanderdriften der Kirchensteuer aus der Lohnsteuer einerseits und der Einkommensteuer andererseits hingewiesen. Erst zu Jahresanfang kann die damals veröffentlichte Kurve auf gesicherter Datenbasis weitergezogen werden, Eine Ursache dafür sind steuerpolitische Maßnahmen der neuen Regierungskoalition, die die steuerlichen „Gestaltungsmöglichkeiten" (O-Ton Finanzbehörden) eingeschränkt haben, damit auch Einkommens- wie Vermögensmillionäre zur Finanzierung unseres Gemeinwesens ihren angemessenen Beitrag leisten. Damit könnte der „Marsch in den Lohnsteuerstaat" (vgl. Frankfurter Rundschau Nr. 185, 12.8.98, S. 14) eine Wende genommen haben – und die Ehrlichen müssen nicht länger die Dummen sein.

Aber angesichts der bekannt prekären und im Vergleich mit den übrigen westdeutschen Landeskirchen exzeptionellen Finanzlage der EKvW, die bei einem vorstellbaren, wenn auch noch nicht üblichen EKD-„ranking" den letzten Platz belegen dürfte, ist keine Entwarnung zu geben.

Eine erste Lehre aus diesem Debakel sollte sein, den Modus für die Erhebung von Kirchensteuern zu ändern, um nicht weiterhin - und das seit Jahrzehnten – in der babylonischen Gefangenschaft der staatlichen Steuerpolitik, die ja auch eine Wähler-Bestechungskomponente enthält, zu verharren. Es ist traurig und beschämend zugleich, dass der theologische Vizepräsident der EKD derartigen Überlegungen eine vorschnelle Absage erteilt hat, u.a. mit der kurzsichtigen Begründung, dass die Finanzlage in der Kirche insgesamt (Westfalen ausgenommen, Anm.d.Verf.) nicht so dramatisch sei, dass hier dringender Handlungsbedarf bestehe. Er verkennt, dass neben der klientelorientierten Einkommenssteuer-Gestaltung eine generelle Verlagerung von den direkten zu den indirekten Steuern begonnen hat, dem sich die Kirchen schon aus ökologischen Gründen nicht verschließen dürften. Die Erhebung der Kirchensteuer vom Bruttoeinkommen, wie u.a. in Finnland seit längerem praktiziert, wird die Kirchensteuer-Strategie sein müssen (vgl. dazu die Ausführungen von Herbert Koch: Rechenexempel Alternative Bezugsgrößen für die Kirchensteuer; in: Ev. Kommentare 5/1999, S. 38 - 39).

Eine zweite Lehre wird sein müssen, das Rechnungswesen der Kirchen grundlegend neu zu strukturieren. Das kameralistische System mit seiner (allzu) schlichten Gegenüberstellung von Einnahmen und Ausgaben, das in kleineren Gemeinden vor wenigen Jahrzehnten noch im Taschenkalender des Finanzkirchmeisters Platz fand und vom Lokomotivführer während der Ruhezeiten geführt werden konnte, muß dringend von einem modernen Rechnungssystem abgelöst werden, wie es 1498 ein Priester bereits entwickelt hatte, aber ekklesiologisch nicht approbiert und rezipiert wurde. Erst die kaufmännische „doppelte" Buchführung ermöglicht eine umfassende Übersicht über die Finanzlage eines Unternehmens, wie sie die äußerst primitive kameralistische Buchführung ohne umfangreiche Ergänzungen nicht ansatzweise erreichen kann und allenfalls für gut geführte private Haushalte – mit nicht zu vielen Kindern wg. Ausbildungsrückstellungen – ausreichend ist. Viele öffentliche Unternehmen sind inzwischen dazu übergegangen, das aus der kaufmännischen Buchführung abgeleitete Doppik-System einzuführen, um z.B. sonst unsichtbare „Schulden", wie z.B. unterbliebene Bauunterhaltungs- oder Bauersatzmaßnahmen, sichtbar zu machen. Es ist mit der Kameralistik möglich, trotz beträchtlicher Haushaltsüberschüsse in Wirklichkeit defizitär zu sein.

Die Landessynode sollte deshalb möglichst bald beschließen, das kirchliche Rechnungswesen in Westfalen auf das Doppik-System umzustellen und ab sofort alle Auszubildenden in der Verwaltung damit vertraut zumachen. Alle übrigen Verwaltungsangestellten und -beamten, vom Vizepräsidenten bis zum Haushaltssachbearbeiter, werden darin nachgeschult - und auch auf dem Lehrplan der Vikariatsausbildung sollte dieses Pflichtfach sein. Mit Hilfe dieses Systems wird es auch einfacher sein, Verantwortliche für ein evtl. Missmanagement, was gelegentlich unter dem ‘Stern’ wie unter dem ‘Kreuz’ vorkommt, zu benennen und zu behaften - im ersteren Fall sogar zu belohnen.

Ein anderes ökonomisch-systemisches Denken muß in die Kirche einziehen, vielleicht auch in Form eines „Ökonomicums" für Theologiestudenten. Jedenfalls darf auf die kirchliche Finanzwirtschaft nicht weiter das Jesuswort zutreffen: „…die Kinder dieser Welt (der doppelten Buchführung) sind klüger als die Kinder des Lichtes (der Kanteralistik)…" (Lukas 16,8). Damit erhielte die EKvW die Chance, beim EKD-Ranking auf den vorderen Plätzen zu landen, was implizit immer westfälisches Kirchenbewußtsein ausgemacht hat.

Dazu eine provokative fachspezifische Konnotation: Was eine historisch-ökonomische Exegese für biblische Theologie, dargestellt an Lukas 16,1 ff leisten kann, belegt eindrucksvoll Dieter Pauly: Gott oder Mammon: Die Wiederherstellung der Ökonomie. Bibelarbeit zu Lukas 16,1-13; in: Einwürfe Nr. 6, Kaiser München 1990, S. 124 -156.

Vielleicht könnte das Stoff für ein Prüfungsgespräch im Examen sein.

Heinrich Vokkert, ev. Pfarrer und Umweltexperte i.R., im ersten Beruf Finanzfachmann und langjähriges Mitglied im ständigen Finanzausschuß der Ev. Kirche von Westfalen.

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Letzte Aktualisierung: 18.12.03

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