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Rezensionen

Jürgen Schäfer: Kurt Gerstein – Zeuge des Holocausts.

Fräulein Regina Jonas, Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden?

Fritz A. Rotschildt (Hg.): Christentum aus jüdischer Sicht

Jürgen Schäfer: „Kurt Gerstein – Zeuge des Holocausts. Ein Leben zwischen Bibelkreisen und SS“, Beiträge zur Westfälischen Kirchengeschichte Band 16, Luther-Verlag Bielefeld 1999, 260 Seiten, 38,00 DM; ISBN 3-7858-0407-5

Kurt Gerstein (1905–1945) ist die wohl rätselhafteste Gestalt in der Widerstandsgeschichte des Dritten Reiches. Er war engagierter Mitarbeiter der evangelischen Schülerbibelkreise, aktives Mitglied der Bekennenden Kirche, Bergassessor und Autor sexualpädagogischer Schriften–und: Parteigenosse, der wegen öffentlicher Proteste gegen den neuheidnischen „Deutschglauben“ aus der NSDAP ausgeschlossen und später für kurze Zeit in ein KZ verbracht wurde. Er trat in die SS ein, um detaillierte Kenntnisse der Ausrottungsaktionen an Geisteskranken und Juden zu erlangen. Als Offizier im Hygiene-Institut der Waffen-SS wurde er im August 1942 Augenzeuge von Massenvergasungen in Belzec und Treblinka. Innerlich aufgewühlt berichtete er auf der Rückreise dem schwedischen Diplomaten Göran von Otter, mit dem er zufällig in vertrauensvollen Kontakt kam, von seinen grauenvollen Erfahrungen, wenige Tage später auch Otto Dibelius und anderen Freunde aus der Bekennenden Kirche. In der Päpstlichen Nuntiatur in Berlin wurde er abgewiesen, als er den Versuch machte, auch die Kurie in Rom zu informieren. In den letzten Kriegstagen, Anfang Mai 1945, schrieb er in Tübingen einen detaillierten Zeugenbericht in mehreren Fassungen (deutsch und französisch) über die Vergasungsaktionen nieder. Er wollte sich den Alliierten als Kronzeugen bei Prozessen gegen die für Euthanasie und Holocaust Verantwortlichen zur Verfügung stellen. Dazu kam es nicht. Stattdessen wurde gegen ihn selbst vor einem französischen Militärgericht ein Prozess vorbereitet. Am Nachmittag des 25. Juli 1945 wurde er im Pariser Militärgefängnis Cherche Midi in seiner Einzelzelle erhängt aufgefunden. Ob es Suizid oder Mord war, wurde niemals zureichend aufgeklärt.

Der „Gerstein-Bericht“ wurde als Dokument in den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen verwandt und im Jahre 1953 durch den Historiker Hans Rothfels in „Vierteljahrshefte zur Zeitgeschichte Nr. 2“ veröffentlicht und danach vielfach in Quellenbüchern zur Geschichte des Dritten Reiches oder des Holocaust abgedruckt. Er ist bis heute allen bekannt., die sich um eine Aufarbeitung des Dritten Reiches bemühen. Denn es ist der ausführlichste Report eines Augenzeugen des Holocaust, der die Uniform der Täter trug. Im Gegensatz zu distanzierten Schilderungen von SS-Leuten aus den Vernichtungslagern ist Gersteins Zeugnis von hilflosem Mitleid mit den Opfern geprägt. Seine Aktionen, die eines einzelnen, sind Konsequenz seiner elementaren ethischen Empörung und existentiellen Erschütterung.. Ich selbst las den „Gerstein-Bericht“ schon 1956 als Student.

1963 erschien Rolf Hochuths vieldiskutiertes Theaterstück „Der Stellvertreter–ein christliches Trauerspiel“ mit Obersturmführers Gerstein als einer der zentralen Personen.

Wer war Kurt Gerstein? Welche bewussten Motive, welche unbewussten Kräfte trieben ihn zu seinem vielseitigen, im Wortsinn exzeptionellen Engagement? Welche Auswirkungen hatte es auf seine fromme Seele, als er bewusst im Dienste einer mörderischen NS-Organisation stand und als „Spion Gottes“ (Pierre Joffroy) ein Doppelspiel betrieb bis hin zur pflichtmäßigen Beschaffung größerer Mengen des „Entwesungsmittels“ Zyklon B, das er wahrscheinlich zum Teil verschwinden ließ? Solche und viele andere Fragen haben sich nicht nur Historiker, sondern auch seine Freunde aus den evangelischen Schülerbibelkreisen gestellt.

1964 erschien EVZ-Verlag Zürich (Polis Nr. 18) „Kurt Gerstein–Außenseiter des Widerstands der Kirche gegen Hitler“ des Theologen und Mediziners Helmut Franz, einem engen Freund aus der Schülerbibelkreis-Arbeit. Er schildert und deutet darin den Lebensweg Gersteins, berichtet von persönlichen Begegnungen und dokumentiert theologische Diskussionen, die die beiden wohl heftig führten, mit einigen erhaltenen Briefen. 1967 veröffentlichte Saul Friedländer in Frankreich und kurz darauf in Deutschland „Kurt Gerstein oder die Zwiespältigkeit des Guten“ (Gütersloh 1968), eine erste umfassenden Rekonstruktion des Lebensweges Gersteins unter Verwendung aller verfügbaren Dokumente. Seit 1995 liegt im Aufbau Verlag Berlin (ATV 8017) als erweiterte Neuausgabe die 1971 erstmals erschienene, engagierte, empathisch erarbeitete Gerstein-Biographie von Pierre Joffroy: „Der Spion Gottes–Kurt Gerstein–ein SS-Offizier im Widerstand“ wieder vor–spannende und ergreifende 561 (!) Seiten, die ich parallel zu dem akribisch recherchierten wissenschaftlichen Arbeit von Jürgen Schäfer zu lesen empfehle.

Auf das Werk des Hagener Pfarrers haben wir lange warten müssen. Das Manuskript lag bereits 1990 fertig vor. Schäfer hatte es auf Drängen von Heinz Eduard Tödt in der „Heidelberger Forschungsgruppe zu Widerstand, Judenverfolgung und Kirchenkampf im Dritten Reich“ erarbeitet.

Jürgen Schäfers Gerstein-Biographie lässt die bisherigen Veröffentlichungen, Forschungsergebnisse und offenen Fragen zu Kurt Gerstein vor Revue passieren, wertet die vorliegenden Dokumente und Erinnerungen seinerseits erneut kritisch und scharfsinnig aus und ordnet sie in umfassenderen Maße, als das bisher andere Forscher getan haben, in den zeitgeschichtlichen und kirchlichen Kontext ein. Er zeigt Gersteins Lebensweg als ein Stück kirchlicher Zeitgeschichte aus der Perspektive eines engagierten protestantischen Christen, der kein kirchlicher Amtsträger war. Er beschreibt das besondere Milieu in den teilweise illegal arbeitenden Schülerbibelkreisen. Besonders akribisch versucht er die vielschichtigen Motive herauszuarbeiten, die Gerstein zu einem Arrangement mit den Machthabern und in eine bewusste Doppelexistenz führten. Er geht dem Problemfeld „Beschaffung und möglicherweise Vernichtung der Zyklon B-Lieferungen“ nach; ob Gerstein hierbei erfolgreich Sabotage betrieb, bleibt letztlich offen. Und er untersucht sorgfältig die verschiedenen Textfassungen des „Gerstein-Berichtes“ hinsichtlich ihrer Entstehungsgeschichte und ihrer Authentizität und dokumentiert abschließend die Textfassung IIa vom 4. Mai 1945.

Jürgen Schäfer äußert sich zum Ertrags seiner Arbeit unter anderem so (Seite 30f)–und wer sich mit seinem gründlichen Werk befasst, wird ihm zustimmen:

„Kurt Gersteins Widerstand wirkt faszinierend und erschütternd zugleich. Er zeugt von einem hohen Maß an Zivilcourage und nimmt zugleich das Risiko der Kompromittierung und Selbstzerstörung auf sich. Aus diesem Grunde taugt Gerstein wohl kaum zum Vorbild für nachwachsende Generationen. Während seine Bedeutung als Zeuge für das schrecklichste Verbrechen dieses Jahrhunderts fest steht, wird sein Platz in der Reihe der Widerstandskämpfer umstritten bleiben.

Hat Kurt Gerstein standgehalten? Wäre er enttarnt und hingerichtet worden, so würden wir diese Frage nicht stellen. Doch so sind wir versucht, die Beantwortung dieser Frage an eine weitere Frage zu knüpfen: Hat er sich allen verbrecherischen Befehlen und Absichten widersetzen oder entziehen können? Auf diese Frage werden wir keine Antwort geben können, weil sein Leben, sein Handeln und Tun nicht wie ein aufgeschlagenes Buch vor uns liegen. Denn die ‚weißen Flecken‘ in seiner Biographie werden bleiben, und es wird Raum bleiben, ihn Belastendes zu vermuten.

Doch unsere Spekulation über seine mögliche Verstrickung wird nichts an dem aufheben können, was er an Sabotage tatsächlich hat leisten können, auch wenn wir davon kein sicheres Wissen haben.

Sein Zeugnis von dem schrecklichsten Verbrechen unseres Jahrhunderts hat uns erreicht. Er hat die Kunde von dem gestreut, was zum Schrecklichsten deutscher Geschichte gehört, ohne dessen Vergegenwärtigung es aber keine verantwortete Zukunft geben kann. Mit seinem Leben und seinem Beispiel hat er das auf seine Art beantwortet, was Bonhoeffer ‚die letzte verantwortliche Frage‘ nennt: ‚Die letzte verantwortliche Frage ist nicht, wie ich mich heroisch aus der Affäre ziehe, sondern wie eine kommende Generation weiterleben soll.‘ (In: Widerstand und Ergebung).“

Die Jugendbildungsstätte der Evangelischen Schülerinnen- und Schülerarbeit Westfalens in Hagen-Berchum trägt übrigens den Namen „Kurt-Gerstein-Haus“.

Paul Gerhard Schoenborn

Fräulein Regina Jonas, Kann die Frau das rabbinische Amt bekleiden? Ediert – kommentiert – eingeleitet von Elisa Klapheck, Hentrich & Hentrich Teetz 1999, ISBN 3-933471-12-5

Es ist Hitler und seinen willigen Vollstreckern trotz millionenfachem Mord nicht gelungen, das deutsche Judentum vollständig auszulöschen. Immer wieder tauchen Nachlässe auf, die ein Schlaglicht werfen auf Menschen mit ihren Lebensverläufen, ihren Hoffnungen, ihrem Denken und Handeln, mit ihrem Einfluss auf die Entwicklungen in Europa.

Dr. Hermann Simon, Direktor der Stiftung „Neue Synagoge Berlin – Centrum Judaicum“ erzählt im Vorwort, wie er erst Anfang der 60er Jahre von einer Berliner Rabbinerin erfuhr. 1996 erhielt die Stiftung die Bestände des Gesamtarchivs der deutschen Juden aus dem Deutschen Zentralarchiv in Potsdam und dort entdeckte er überrascht einen Nachlass von jener Regina Jonas. Kurz vor ihrer Deportation nach Theresienstadt am 6. November 1942 hatte die junge Frau einige persönliche Dinge deponiert, zusammen mit ihrer umfangreichen wissenschaftlichen Arbeit „Kann eine Frau das rabbinische Amt bekleiden?“.

Regina wurde am 3. August 1902 in Berlin geboren und starb im Oktober 1944 in Auschwitz. Aus den wenigen Lebensdaten erzählt ihre Biografin Elisa Klapheck die ergreifende Geschichte von einer armen Berliner Jüdin, die in den Hinterhöfen des schmuddeligen Berliner Scheunenviertels nahe dem Alexanderplatz mit Eltern und Bruder von einer armseligen Wohnung in die andere zieht, bis die Familie durch Mutters Fleiß eine etwas bessere Wohngegend wählen kann. ZeitzeugInnen berichten von dem glühenden gleichwohl unmöglichen Wunsch des kleinen Schulmädchens, Rabbinerin zu werden.

Wie sie sich dann zur Erfüllung ihrer Berufung durchkämpft, erfahren wir nun. Regina Jonas wird 1935 ordiniert. 1942 wird sie nach Theresienstadt verschleppt. Selbst dort wirkt sie als Predigerin und Seelsorgerin. Die Themen der Vortragsreihen im KZ liegen im Faksimile vor, sorgfältig in der Sütterlinhandschrift der deutschen Schulen erstellt, z. B.: Aus der Welt des jüdischen Brauchtums. Jüd. Jugend und Judentum – Vater- und Mutterprobleme in der Bibel. Die Frau in der Bibel. Die Frau im Talmud. Die Stellung der Frau in der jüdischen Geschichte. „Vorträge des einzigen weiblichen Rabbiners“ kündigte sie sich an (Seite 81). Womit sie damals inhaltlich in Theresienstadt die Freunde und Freundinnen angesichts des Elends und des nahen Todes stärkte und tröstete, dafür gibt es noch einige Zeitzeugen. Vor unseren Augen entsteht ein vielfarbenes Bild dieser ungewöhnlichen Frau.

Nach dieser 70 Seiten umfassenden biographischen Einleitung, die anschließend auf weiteren 20 Seiten Anmerkungen und umfangreiche Quellen anbietet, können wir den gesamten Text der Halachischen Arbeit der ersten Rabbinerin der Welt erarbeiten. Klapheck hat sich in Treue zu ihrer Autorin Jonas eines interessanten Vorgehens bedient, den LeserInnen die schwierige Materie zu vermitteln. Nach jüdischem Brauch erfolgt jegliche Erörterung zu Tora und Talmud bis in die Gegenwart in hebräisch. In Jonas Arbeit sind alle Textstellen im Original zitiert, mit denen sie sich auseinandersetzt. Klapheck liefert auf der jeweils gegenüberliegenden Seite eine deutsche Übersetzung. So kann auch die nicht kundige Leserin dem überaus interessanten Diskurs folgen, warum es nur folgerichtig ist, dass die gängige orthodoxe Auslegungstradition eine Frau als Rabbinerin zwingend notwendig macht. Die Gleichberechtigung wird aus den jüdischen Religionsgesetzen begründet. Bemerkenswert ist an dieser Stelle, dass sich die Autorin nicht der liberalen Auslegung bedient. Ihre religiöse Heimat hatte sie in der Synagoge in der Rykestraße, die im Ruf einer „Synthese zwischen Tradition und Gegenwart“ stand (bei Klapheck zitiert S. 23, Anm. 16). In ihrer Arbeit folgt sie streng der überlieferten Weise, nach der jeglicher Fokus in seinem Kontext betrachtet wird und dann an die Auslegungskette als nun erforderliche Neuerung für die jetzige politische, kulturelle und religiöse Situation angegliedert wird.

Interessant erscheint einer theologisch-feministisch denkenden Frau die Nachricht, dass jene Jüdin schon 1935 zur Rabbinerin ordiniert wurde und damit weltweit die erste Frau in diesem Amt war. Durch die Zerschlagung des deutschen Judentums gab es natürlich einen schmerzhaften Bruch dieser Entwicklung. Die öffentliche Anerkennung vom Rabbinat wurde ihr damals noch nicht zuteil. Ein Vergleich jedoch mit dem Kampf um die gleichberechtigte Ordination der Frauen in unserer Evangelischen Kirche zeigt, dass es bis in die 80er Jahre gedauert hat, bis sich alle Landeskirchen dazu entschließen konnten. Diese Arbeit bringt uns u. a. auf den frühen Stand der Entwicklungen der Frauenemanzipationsbewegungen der Jüdinnen, die wir überhaupt oft erst z. T. in den 80er Jahren begonnen haben wahrzunehmen. Gerade für die feministische Szene ist dieses Buch ein großer Schatz.

Friedel Geisler

Fritz A. Rotschildt (Hg.): Christentum aus jüdischer Sicht–Fünf jüdische Denker des 20. Jahrhunderts über das Christentum und sein Verhältnis zum Judentum, 380 Seiten, 39,80, Institut für Kirche und Judentum, Berlin, 1998, ISBN 3-923095-27-9; Presseverband der Evangelischen Kirche im Rheinland, Düsseldorf, 1998, ISBN3-87645-085-3

Unter den vielen Publikationen unserer Tage, die für christliches Umdenken in Bezug auf Israel sensibilisieren, ist dieses ein besonderes Buch. Es kommen darin fünf jüdische Theologen mit ihre Gedanken zum Christentum und seinem Verhältnis zum Judentum in sorgfältig ausgewählten, umfangreichen Texten zu Wort: Leo Baeck (1873–1956), Martin Buber (1878–1965), Franz Rosenzweig (1886–1929), Will Herberg (1901–1977), Abraham Joshua Heschel (1902–1972). Fünf christliche Theologen geben jeweils eine gründliche Einleitung über Leben und Werk und der jüdischen Denker und über die Grundgedanken der Texte.

Den Herausgeber Fritz A. Rotschildt, der jüdische Philosophie in der USA lehrt, motivierte nicht nur die enge Beziehung zwischen Judentum und Christentum, zur Konzipierung dieses Buches: Freilich, so zitiert er Heschel (der auch im folgenden noch weiter zu Wort kommen soll und dessen Texte übrigens eine treue Transparent-Leserin übersetzte): „Das Judentum ist die Mutter des christlichen Glaubens. Es ist am Schicksal des Christentums interessiert. Sollte eine Mutter ihr Kind verleugnen, selbst ein eigensinniges, aufsässiges?“ Vor allem bewegt ihn jedoch ein urjüdisches, nämlich heilsgeschichtliches Motiv: „Das Judentum ist eine Religion, die Gottes Offenbarung … in der Geschichte sieht, die sich von der Schöpfung zur messianischen Erfüllung bewegt. Durch die Entstehung des Christentums wurde die Hebräische Bibel und ihre Glaubensbotschaft … über den Erdball verbreitet. Dieser Prozess war eines der revolutionärsten und schicksalhaftesten Ereignisse der Weltgeschichte. … Juden, die Geschichte als den Ort ansehen, an dem Gott und Mensch nach endgültiger Erlösung streben, fällt es schwer anzunehmen, dass die Verwandlung der griechisch-römischen Welt in die christliche (und islamische) reiner Zufall und nicht Teil von Gottes heilsgeschichtlichem Plan war.“ (Seite 16f)

Mit großem Verständnis, aber auch mit scharfer Kritik sichten die fünf jüdischen Denker das Christentum. Christliche Leser lernen, ihre Glaubensansichten zu hinterfragen, wenn zum Beispiel Abraham Heschel betont: „Gott ist Richter und Schöpfer, nicht nur Offenbarer und Erlöser. Ohne Bindung an die Hebräische Bibel fing man an, sich nur an eine Seite der Bedeutung Gottes zu halten, vorzugsweise an Sein Versprechen als Erlöser, und vergaß darüber seine fordernde Gegenwart als Richter, seine erhabene Transzendenz als Schöpfer.“ Heschel sieht als theologisch äußerst fragwürdig an, was unter Christen ein regelrechtes Glaubensaxiom zu sein scheint: „Dieses hartnäckige Festhalten an Seiner Liebe, ohne Seinen Zorn wahrzunehmen, die Lehre von Seiner Immanenz, ohne auch seine Transzendenz zu betonen, die Gewissheit Seiner Wunder, ohne die unendliche Dunkelheit Seiner Abwesenheit wahrzunehmen–dies alles sind gefährliche Verzerrungen. … Wenn Sie mir diese Bemerkung gestatten, möchte ich sagen, dass es für einen Juden schwer zu verstehen ist, wenn Christen Jesus als den Herrn verehren und dieses Herrsein an die Stelle der Herrschaft Gottes, des Schöpfers, tritt. Es ist für einen Juden schwer zu verstehen, wenn Theologie auf Christologie reduziert wird.“ (Seite 348)

Aber christliche Leser lernen auch, jüdische Existenz und jüdischen Glauben zu achten. Wer einmal im Ernst auf Abraham Heschel gehört hat, nimmt für immer Abstand von der angeblich christlichen Verpflichtung zur Missionierung von Juden. Denn: „Judenmission ist eine Aufforderung an einzelne Juden, ihre Gemeinschaft, ihre Würde, die heilige Geschichte ihres Volkes zu verraten. Nur sehr wenige Christen scheinen zu verstehen, was moralisch und geistlich auf dem Spiel steht, wenn sie solche Aktivitäten unterstützen;“ sagt Heschel, „wir sind Juden, wie wir Menschen sind. Die Alternative zu unserer Existenz als Juden ist geistlicher Selbstmord, Auslöschung.“ (Seite 336)

Man braucht viel Zeit, um den Reichtum dieses Buches auszuschöpfen, aber man wird reich belohnt mit Erkenntnissen und neuen Fragen. Hören wir noch einmal auf Heschel: „Die Hauptfrage der Theologie ist vortheologisch; sie betrifft die gesamte Situation des Menschen und seine Einstellung zum Leben und zur Welt. Die Fähigkeit zu preisen geht der Fähigkeit zu glauben voraus. Wenn wir unser Empfinden für das Unsagbare nicht beständig pflegen, wird es uns schwerfallen, offen zu bleiben für die Bedeutung des Heiligen. Bevor wir das Wort ‘Gott’ aussprechen, müssen wir jedesmal unseren Geist aus dem Gefängnis der Plattitüden und Etiketten befreien.“ (Seite 322)

Paul Gerhard Schoenborn

 

Letzte Aktualisierung: 18.12.03

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