Wo Predigt drauf steht muss auch Predigt drin sein
Eine Kontroverse nicht nur um die Kölner Stadtpredigten
Die Person Gregor Gysi ist immer für eine Kontroverse gut. Er braucht gar
nicht zu reden: Allein die Ankündigung oder eine Einladung dazu im kirchlichen
Raum, gar zu einer Predigt, ruft seine Gegner auf den Plan. So zuletzt geschehen
in Köln.
Was war passiert: Gregor Gysi war zum 18. Juni 2000 eingeladen worden, im Rahmen
der Kölner Stadtpredigten Antoniterkirche eine Predigt zu Thema
Politik und Moral halten. Dies hatte nicht nur den Unmut von Kölner
Gemeindegliedern hervorgerufen: Wenn Gysi auftritt, trete ich aus!,
sondern durch die Information seitens eines Mitgliedes des Stadtkirchenverbandes
auch die Aufmerksamkeit der Landeskirche. Später wurde die Kontroverse dann
nicht mehr intern sondern, zunehmend über die Medien geführt.
Wo Predigt drauf steht, muss auch Predigt drin stehen, wird Präses
Manfred Kock, jahrelang Stadtsuperintendent von Köln in diesem
Zusammenhang zitiert. Dass der bekennende Atheist, wie Dr. Gregor Gysi häufig fälschlicherweise
unterstellt wird, auf der Kanzel der Antoniterkirche im Rahmen der Kölner
Stadtpredigten das Wort ergreift, war der Kirchenleitung sehr suspekt und sie
verwies in einer Sitzung Ende April das Thema an das Kollegium des
Landeskirchenamtes.
Gregor Gysi ist dieser Vorgang wohlbekannt, denn es ist nicht das erste Mal,
dass er in einem kirchlichen Raum sprechen sollte. In Rostock wurde der
Mietvertrag für die Rostocker Nicolaikirche für ein Überparteiliches Forum
zum Thema Soziale Gerechtigkeit mit dem Hinweis, das sei eine
parteipolitische Veranstaltung, am 19. Januar 98 gekündigt.
Bundesweite Beachtung hatte der sogenannte Thüringer Kanzelstreit erregt.
Hier war er im Rahmen einer 52-wöchigen Predigtreihe von der Evangelischen
Akademie Thüringen zu einer Predigt eingeladen worden. Landesbischof Roland
Hoffmann und die Mitglieder des thüringischen Landeskirchenrates hat diese
Predigtreihe dann per Dekret verboten, was den Vorsitzenden der Weimarer
Kreissynode Rolf Hofmann zum Rücktritt veranlasste: Dr. Gysi wurde vom
lutherischen Landesbischof Roland persönlich ausgeladen. Es haben aber auch
andere Eingeladene ihre Zusage zurückgenommen, als sie hörten, dass Gregor
Gysi ebenfalls zu Wort kommen sollte. Wer den christlichen Glauben nicht
teilt, kann ihn auch nicht bezeugen, das heißt, er kann nicht predigen. Die
Kirchenkonferenz bittet die Gliedkirchen, dafür Sorge zu tragen, dass diese
Klarstellung im gottesdienstlichen Leben beachtet werden, äußerte sich die
Kirchenkonferenz der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) im Zusammenhang
mit der thüringischen Auseinandersetzung um die Einladung an Dr. Gysi. (Zur
Erinnerung: Manfred Kock ist Vorsitzender eben dieser Konferenz.)
Aber zurück ins Rheinland. Eine Zeitlang sah es so aus, als ob die rheinische
Landeskirche von ihrem Recht Gebrauch macht, den entsprechenden Beschluss des
Presbyteriums der Gemeinde Köln vom 5. Mai 2000 aufzuheben und auf die
Ausladung von Gregor Gysi zu drängen. Oder hätte Manfred Kock das dann selber
getan? Kurt Werner Pick, Citypfarrer der Antoniterkirche und als solcher zuständig
für die Stadtpredigten, hätten dies dann für den eigentlichen Skandal
gehalten.
Sicher könne Gregor Gysi sprechen, wo er wolle, so die Kirchenleitung, aber es
ginge nicht an, dass er eine Predigt halte, denn gemäß geltendem Kirchenrecht
dürfen keine Personen (außer katholische Geistliche im sogenannten
Kanzeltausch und bei Veranstaltungen im christlich-jüdischen Dialog)
predigen, die nicht als Pfarrer bzw. Pfarrerin oder als Predigthelfer ordiniert
sind, oder als Mitglied der evangelischen Kirche einmalig von der Kirchenleitung
mit einer Predigt in einem Gottesdienst beauftragt werden.
Nach vielem Hin und Her hat das Presbyterium der Kirchengemeinde Köln am 26.
Mai 2000 erneut über die Einladung an Gregor Gysi beraten und dann beschlossen,
an der Einladung an Gregor Gysi festzuhalten und dem Artikel 17 Absatz 2,1 der
KO dadurch genüge zu leisten, dass City-Pfarrer Kurt-Werner Pick diesen
Gottesdienst leitet, in diesem Gottesdienst einen Bibeltext lesen und auslegen
wird, und Gregor Gysi anschließend eine Vortrag zum Thema Politik und
Moral halten wird.
Diesem Beschluss hat das Kollegium des Landeskirchenamtes dann am 30. Mai
zugestimmt.
Gregor Gysi wird also nicht predigen, aber er wird kommen und eine Rede halten.
Offen bleibt nach dieser Kontroverse die Frage: Wer darf eigentlich auf den
Kanzeln unserer Kirchen predigen? Und was macht die Aneinanderreihung von mehr
oder weniger sinnvollen Sätzen und Gedanken eigentlich zu einer Predigt? Worin
besteht protestantisches Profil, und ist es richtig, alles zu tun was nicht
verboten ist. Wie ist unser Verhältnis zur PDS im allgemeinen und zu Gregor
Gysi im besonderen? Und: Wer hat schon einmal eine Predigt oder einen Vortrag im
gottesdienstlichen Namen gelesen oder gehört.
Dem Ziel, Gregor Gysi sprechen zu lassen, wurde die Auseinandersetzung um das,
was denn eine Predigt sei, untergeordnet. Auf diese Weise wurde eine rheinische
Lösung gefunden mit der alle leben können. Die rheinische Lösung hat
eine inhaltliche Frage auf eine formale Ebene gehoben und dort gelöst. Die
Kontroverse war damit beigelegt. Die Kirchenleitung hat ihr Gesicht gewahrt und
ist ihrer Aufsichtspflicht nachgekommen. In Köln darf Gregor Gysi in der
Antoniterkirche sprechen.
Damit ist die Diskussion aber erst eröffnet. Entspricht die Kirchenordnung an
dieser Stelle der Wirklichkeit. Oder: Auf wie vielen
Kanzeln wird Sonntags und Werktags eigentlich gepredigt? Garantiert die
Ordination eine Predigt? Und was ist mit den unseligen Ergüssen von
Nazi-Pfarrern von der Kanzel? Können wir wissen, durch wen Gtt zu uns
spricht? Oder entsteht die Predigt eigentlich erst im Predigthörer? Was ist mit
dem Priestertum aller Gläubigen? Und wo bleibt der interreligiöse Dialog mit
dem Islam und allen anderen Weltreligionen? Kann man nicht jemanden, der sich
dazu bereit erklärt, im Rahmen eines Gottesdienstes zu predigen, das Augenmaß
und die Verantwortung zuerkennen, dass er den Ort und die Stelle, von der er
spricht, respektiert? Warum fängt bei Gregor Gysi das Geschrei an, aber beim
konfessionslosen, aus der katholischen Kirche ausgetretenen
Bundesarbeitsminister Riester kräht kein Hahn, wenn er auf die Kanzel steigt
so geschehen am 1. Mai 2000 in Friemersheim, Kirchenkreis Moers. Seine
Predigt ist sogar auf dem Server der ekir veröffentlicht.
Die Kontroverse um Gregor Gysi in Köln macht deutlich, dass es
Diskussionsbedarf gibt.
Gregor Gysis ist ein umstrittener Zeitgenosse. Seine Rolle zu DDR-Zeiten ist für
viele nicht genügend bis gar nicht geklärt. Ihm wird unterstellt, dass er den
Kirchen in unserer Gesellschaft keine Rolle zubilligt, ja dass er, weil er
aus dem Osten kommt? die Kirchen bekämpft. Ihm wird die Legitimation
abgesprochen zum Thema: Politik und Moral zu sprechen. Wobei Gregor Gysi
vielleicht nicht die Legitimation dazu hat, doch wer ist dazu berechtigt, ihm
dies abzusprechen? Die Kompetenz dazu hat Dr. Gregor Gysi auf alle Fälle.
P.S. Der Duden umschreibt Predigt als Rede im kirchlichen Raum!