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Tabita, steh auf!
Frauen in Namibia Eindrücke von einer Partnerschaftsreise
Zum dritten Mal besuchte eine Delegation des Kirchenkreises Essen-Nord vom 6.
21. April 2000 die Partner in Namibia. Seit 15 Jahren besteht diese
Partnerschaft zwischen Essen-Nord und dem Andreas-Kukuri-Zentrum in Okahandja.
das Angebote in der Frauen-, Männer-, Jugend- und Kirchenmusikarbeit im Bereich
der ELCRN (Evangelisch-Lutherische Kirche in Namibia) macht. Seit gut einem Jahr
leitet Pastor Ernst //Gamxamûb dieses Zentrum. Er hatte für uns ein sehr
interessantes Begegnungsprogramm vorbereitet. Die Reise hat unserer
Partnerschaft neue Impulse gegeben. Aus der Fülle der Eindrücke greife ich das
zentrale Thema heraus, auf das wir überall stießen, die Frage nach der
Situation der Frauen bzw. zugespitzt: das Thema Gewalt gegen Frauen.
Ich habe am 9. April in der lutherischen Kirche in Usakos über die Auferstehung
der Tabita gepredigt, vor einer Gemeinde, die wesentlich aus Frauen bestand. Es
war zu spüren, die Frauen haben sich in Tabita wiedererkannt; sie wurde eine
von ihnen. Tabita (Gazelle) eine Frau, die für andere springt, immer nur für
andere, die darüber krank wird und am Ende tot ist, tot mitten im Leben. Aber
es gibt einen Weg der Heilung. Es ist noch nicht zu spät, aufzustehen zu einem
neuen würdevollen und selbstbestimmten Leben. Immer wieder ist uns in den zwei
Wochen der Name Tabita begegnet und auch das, wofür er steht. Das Selbstverständnis
der Frauen beginnt sich zu verändern; sie stehen auf aus Unmündigkeit und
Unterdrückung; sie werden sich ihrer Situation bewusst, lernen, Gewalt nicht
mehr hinzunehmen und fordern ihre Rechte ein. Wir haben viele selbstbewusste und
engagierte Frauen getroffen, innerhalb und außerhalb der Kirche, sind
insbesondere immer wieder Gruppen und Initiativen begegnet, die mit dem Thema
Gewalt gegen Frauen zu tun hatten. Es war gut zu sehen, dass auch das
Andreas-Kukuri-Zentrum (AKZ) mit solchen Gruppen vernetzt ist und sich in seiner
Arbeit gesellschaftlich brennenden Themen wie z. B. Gewalt gegen Frauen und
Kinder und Aids öffnet.
In Okahandja arbeitet das AKZ z. B. mit der Sozialarbeiterin Ms. Andrew
zusammen, die Koordinatorin einer Stop the violence womens group ist,
also einer Unterstützungsgruppe für missbrauchte und vergewaltigte Frauen.
Ziel dieser Gruppe ist es, häusliche Gewalt zu bekämpfen. Das bedeutet,
Info-Programme über das Ausmaß häuslicher Gewalt und ihre vielfältigen
Formen durchzuführen, sichere Räume anzubieten, in denen Frauen über ihre
Erfahrungen sprechen können, Selbsthilfe-Gruppen aufzubauen, Frauen zu
Solidarität und Fortbildung zu ermutigen usw. usw. Riesenaufgaben mit wenig
Mitteln und wenig Menschen!
Die Arbeit mit Frauen nimmt von jeher einen großen Raum im AKZ ein, in ihren
zwei Abteilungen; der Junge-Mütter-Arbeit, für die Elisabeth von Francois zuständig
ist, und der Frauenarbeit, die Friederika Motinga leitet. Die Junge-Mütter-Arbeit
ist wesentlich Arbeit mit alleinerziehenden Frauen, die in der Regel ihre Kinder
allein durchbringen und großziehen müssen und viele Gewalterfahrungen hinter
sich haben.
Wie die Situation der Frauen in den schwarzen Lokationen aussieht, haben wir am
Beispiel der Arbeit von Belinda Garoes gesehen. Sie ist selbst krank und hat
keine Arbeit. Aber ihr Traum ist es, für die Straßenkinder in der ehemaligen
Lokation und ihre Mütter ein Haus zu bauen, wo die Mütter sich treffen können
und wo die Kinder regelmäßig zu essen bekommen und in die Schule geschickt
werden. Denn ohne Bildung gibt es keine Veränderung. Die Kinder stehlen oft vor
Hunger, die Mädchen gehen in die Prostitution, die Jungen werden drogenabhängig
und damit kriminell. Niemand kümmert sich um sie. Die Mütter sind oft
Alkoholikerinnen, die Väter sind sowieso abwesend, nehmen keine Verantwortung
wahr. Es gibt kein soziales Netz, das auffangen könnte. Das gibt es in geringem
Ausmaß nur für alte Menschen. Das Grundstück für ihr Traumhaus hat Belinda
schon abgezahlt. Und sie macht weiter, mit Hoffnung, wo eigentlich nichts zu
hoffen ist. Ich habe gerade wieder einen Brief von ihr bekommen, in dem sie uns
um Gebet und Unterstützung bittet.
Sehr bewegend war für uns die Begegnung mit Womens Solidarity Das ist
eine unabhängige Menschenrechtsinitiative, die seit 1989 im Bereich
geschlechterspezifische Gewalt arbeitet und im Gebäudekomplex des CCN (Council
of Churches in Namibia) sitzt. Es gibt drei hauptamtliche und 15 ehrenamtliche
Mitarbeiterinnen. Sie arbeiten auf drei Schienen: Bildungsarbeit in Schulen,
Beratung und Betreuung von betroffenen Frauen und Entwicklung von Präventionsstrategien.
Frau Sonja Carew, eine der Hauptamtlichen, berichtete sehr offen von ihrem persönlichen
Hintergrund. Sie ist selbst vergewaltigt worden (gang rape) und will nun diese
eigenen Erfahrungen produktiv umsetzen in Solidaritätsarbeit für Frauen. Sie
geht regelmäßig in Schulklassen, macht Sexualaufklärung, thematisiert
geschlechtsspezifische Rollenverteilung, ermutigt die Mädchen, ihre Rechte
wahrzunehmen, das Recht, Gewalt nicht einfach hinzunehmen, sich zu wehren. Nein
zu sagen, gegebenenfalls auf Verhütungsmitteln zu bestehen.
Die Arbeit von Womens Solidarity stößt immer wieder auf große
Schwierigkeiten. Zwar gibt es in Namiba jetzt ein Gesetz, nach dem
Vergewaltigung streng bestraft wird, auch Vergewaltigung in der Ehe (10-15 Jahre
Haft). Aber es gibt kulturelle Hindernisse, den Rechtsweg einzuschlagen. So
wurden in bestimmten Volksgruppen von jeher Vergewaltigungen und sexueller
Missbrauch durch eine Art Täter-Opfer-Ausgleich beglichen, in der Form, dass
Entschädigungszahlungen an die Familie des Opfers gingen. Geht eine junge Frau
jetzt vor Gericht, entfällt diese Einnahmequelle für die Familie, und die
Tochter wird häufig verstoßen.
Eine andere große Schwierigkeit ist, dass Sexualität ein Tabu-Thema ist und
dass die untergeordnete Rolle der Frauen durch die Tradition festgezimmert
scheint. Leider ist die Lehre und Praxis der Kirchen für beides
mitverantwortlich. Die Leiterin von Womens Solidarity, Gisella !Haoses, (wir
haben sie leider nicht getroffen) macht schon jahrzehntelang Beratungsarbeit für
Frauen im kirchlichen Kontext und hat das kürzlich so gesagt (Frauen-Leben
1/2000, S. 17): Wenn früher eine Frau zu mir kam, die von ihrem Mann verprügelt
und misshandelt wurde, habe ich ihr gesagt: Geh zurück nach Hause, das ist dein
Kreuz, das du tragen musst, schließlich hast du bei der Eheschließung gelobt,
dich zu fügen. Damit sind wir bei dem, was auch auf der letzten Landessynode
Thema war, bei dem Zusammenhang von Theologie und Gewalt gegen Frauen. Es ist
eine große Herausforderung für die Kirchen in Namibia, mit diesen Fragen
theologisch und praktisch neu und anders umzugehen. Die schlimmen Folgen einer körper-
und frauenfeindlichen Theologie sind unübersehbar. Die Kirche, die Wege zur Lösung
des Gewaltproblems anbieten will, ist selbst Teil des Problems.
Eine große Herausforderung stellt auch das Thema Schwangerschaftsabbruch dar.
Darüber haben wir z. B. mit Eva Neels gesprochen, die an verantwortlicher
Stelle als Vizedirektorin im Frauenministerium arbeitet. Der CCN hat ein Gesetz
zur Freigabe von Abtreibungen in einer gemeinsamen Aktion erfolgreich
verhindert. Die Regierung hat die Sterilisation and Termination of pregnancy
Bill von 1996 letztes Jahr fallen lassen müssen. Die Kirchen müssen wohl
von der Bibel her diese Position einnehmen, sagte Eva Neels. Aber was ist
nun? Es gibt keine Untersuchungen darüber, wie hoch die Dunkelziffer illegaler
Abtreibungen und ihre Auswirkung auf das Leben der Frauen in Namibia ist.
Frauen, die es sich leisten können, bekommen sichere Abtreibungen in südafrikanischen
Kliniken. Arme Frauen müssen sich den gefährlichen Methoden illegaler
Abtreibung unterwerfen oder ungewollte Kinder austragen und bleiben dann allein
mit der Frage, wie sie solche Kinder durchbringen können.
Ich möchte in diesem Zusammenhang auch noch das LAC (Legal Assistance Centre)
nennen, eine NGO, eine regierungsunabhängige Stelle, die den Menschen Namibias
die Rechte bewußt macht, die sie durch ihre Verfassung und die Gesetze haben.
Das LAC engagiert sich in einer ganzen Fülle von Problemfeldern und natürlich
auch in der Frage geschlechtsspezifische Gewalt. Es macht eine sehr gute Öffentlichkeitsarbeit,
um Frauen und Mädchen ihre eigene Situation bewusst zu machen und sie über
ihre Rechte aufzuklären. Was nützen gute Gesetze, wenn die Menschen, für die
sie gemacht sind, keinen Zugang zu ihnen haben? Die vielen Info-Schriften, die
das LAC herausgibt, sind sprachlich einfach und klar, gut bebildert und so
leicht verständlich auch für Frauen mit niedrigem Bildungsstand. Das LAC
schult z. B. auch Polizisten, damit ihr Umgang mit Vergewaltigungsopfern
sensibler und informierter wird und sie den betroffenen Frauen besser gerecht
werden können. Das ist dringend notwendig. Denn wenn sich vergewaltigte Frauen
bei der Polizei melden, erfahren sie in der Regel weitere Erniedrigungen, müssen
öffentlich von ihren traumatischen Erfahrungen erzählen und tragen die ganze
Beweislast. Das LAC hat übrigens auch eine große nationale Männerkonferenz
organisiert, die im Februar dieses Jahres stattfand zum Thema Men against
violence against women (Männer gegen Gewalt gegen Frauen). Ernst //Gamxamûb,
der neue Direktor des Andreas-Kukuri-Zentrums, hat daran teilgenommen und trug
ein T-Shirt mit dem Slogan der Konferenz. Es ist erstaunlich, wie offen die
Diskussion über häusliche Gewalt in Namibia inzwischen geführt wird.
Das gilt auch für das Thema HIV/Aids. Aids hat in Afrika mehr und mehr ein
weibliches Gesicht bekommen. Namibia liegt, was die Zahl der HIV-Infizierten
betrifft, weltweit an dritter Stelle vorn. Nach offiziellen Schätzungen sind
heute schon 20 % aller 15- bis 49-Jährigen in Namibia HIV-positiv. Die Mehrzahl
davon sind Frauen. Und damit sind auch besonders viele Kinder betroffen. Das
Risiko, dass das Virus in der Schwangerschaft oder unter der Geburt auf das Kind
übertragen wird, liegt bei 25 %. Es ist ein böser Kreislauf: Die Ausbreitung
von Aids führt zu wachsender Armut und wachsende Armut, schlechte Bildungsmöglichkeiten
und die Ausbeutung von Frauen fördern wiederum die Ausbreitung von Aids. Die
Anzahl der Waisenkinder wächst und wächst. Die Kirchen stehen hier wiederum
vor einer riesigen Herausforderung. Unumstritten sind die notwendige Begleitung
und Pflege erkrankter Menschen und Hilfen für das Zusammenleben mit ihnen.
Unumstritten ist es auch, christliche Werte für den Umgang der Geschlechter
miteinander zu predigen. Aber wie steht es mit konkreten Präventionsmaßnahmen?
Die Kirchen vertreten das ABCD-Prinzip:
A: Abstinenz vor der Ehe!
B: Treue in der Ehe! Wenn du das beides nicht schaffst:
C: Condom: denn die Alternative ist
D: Death / Tod.
Auch in den Kirchen stehen die Frauen auf und sind mehr und mehr auch auf der
Leitungsebene zu finden. Die Zahl der Pastorinnen wächst. Von den 50
Studierenden im Paulinum, der theologischen Ausbildungsstätte der lutherischen
Kirchen, sind 22 Frauen. Es gibt inzwischen auch einige große kirchliche
Frauenorganisationen. Phillipine, genannt nach Phillipine Stephanus, der
ersten führenden Frau in der lutherischen Kirche, ist eine Organisation, die
schon lange Frauenkonferenzen für die drei lutherischen Kirchen organisiert.
Dabei geht es vor allem um Erfahrungsaustausch und Bibelstudium.
Die Theologinnen der drei lutherischen Kirchen treffen sich seit 1996 einmal im
Jahr. Seit 1998 sind auch anglikanische und katholische Theologinnen dabei.
Ziele der Theologinnenkonvente sind gegenseitige Information, Ermutigung und
Vernetzung auf nationaler und internationaler Ebene. So stehen die Themen des
CCN, des Lutherischen Weltbundes und des Ökumenischen Rates der Kirchen mit auf
der Tagesordnung, nach dem Motto Think globally, act locally. Und diese
Theologinnen gehören wiederum alle auch zum Circle of Concerned African
Women Theologians. Da gibt es viele Ansätze für theologische
Forschungsprojekte von Frauen im namibischen Kontext..
Es ist uns deutlich geworden, dass die Anliegen der Ökumenischen Dekade
Kirchen in Solidarität mit den Frauen auch in Namibia lebendig sind und
vieles in Bewegung ist. Das macht Hoffnung, auch wenn die Probleme manchmal unüberwindlich
erscheinen. Eine große Kraftquelle sind der Reichtum und die Tiefe der
Spiritualität, die in den Kirchen gelebt wird und an der die Frauen ihren
besonderen Anteil haben. Ich beneide sie manchmal darum.
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