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Da kommt der gute Kanake
Als Kind dachte ich, die Deutschen würden alles richtig machen. Ich war neun
Jahre alt, als ich nach Deutschland kam. Alles war hier sauberer, bunter, vielfältiger,
ordentlicher. Spielmöglichkeiten ohne Ende, Bäume in Mengen. Ich dachte, wenn
ich erst die richtigen Freunde finden würde, könnte dieser Ort zum Paradies
werden. Letzteres stellte sich nicht ein. Ich dachte, dass nach dem Erlernen der
deutschen Sprache viele Probleme sich von selbst lösen würden. Ich überschlug
mich, paukte, was das Zeug hielt, und je mehr ich lernte, je mehr ich verstand,
desto länger erschien mir der Weg, den ich vor mir hatte. Ich hatte damals
immer gedacht, dass ich es sein musste, mit der etwas nicht stimmte. Ich
versuchte, alles zu so machen wie die anderen, und trotzdem war irgend etwas
anders, und das schien die Leute zu stören. Irgendwann gab ich es auf, mich um
ihre Nähe und Anwesenheit zu bemühen. Sie waren zu gut für mich. Das mussten
sie sein, die Kinder einer, in meinen kindlichen Augen, perfekten Gesellschaft,
die zur Recht eine naturgegebene Arroganz in die Wiege gelegt bekommen hatten.
Die Jahre vergingen, und je mehr ich mich weiterentwickelte, desto kleiner
wurden diese von mir so bewunderten Menschen.
Lange Zeit war ich sehr resignativ. Ich dachte Was kannst du schon machen,
wenn die am Drücker sind? Sie sind die Mehrheit, es ist ihre Land, sie haben
die Macht. Wenn du Macht willst, musst du in dein eigenes Land. Jetzt denke
ich anders drüber: Es gibt nicht mein Land, dein Land. Wir leben hier
lange genug, dass wir niemandem eine Rechenschaft über unseren Aufenthalt,
unsere Lebensweise, unsere Erfolge oder Misserfolge schuldig sind.
Ich hatte so viel Zeit, die Deutschen zu beobachten. Eine Zeitlang habe ich mich
sehr über die Unfreundlichkeit geärgert, mal über die Grobschlächtigkeit,
mal über mangelndes Feingefühl, mal über die mangelnde Flexibilität. Aber
als Beobachter vergeht der Ärger, die Wahrnehmung verschärft, und die ganze
Situation stellt sich als Neuigkeit dar, obwohl sie vielleicht schon bekannt
ist.
Das deutsche Leben findet in Gruppen statt, zu zweit, zu dritt, zu fünft, wie
auch immer. Aber es steckt nicht an. Zähflüssig wie Teer, ich kann nicht drauf
stehen, kann nicht durchschwimmen. Kann nur froh sein, wenn ich mein Steinchen
finde, auf das ich mich stellen kann. Und ich frag mich, warum machen die Leute
es sich so schwer? Sie lassen sich auch nicht anstecken vom Gehibbel. Sie meiden
es wie die Pest. Ihre Gesellschaft lässt den Affenhaufen vermissen, dessen
Unruhe in die Glieder der fährt und alles tot erscheinen lässt, was nur einen
Moment steht. Ein Gehirnsturm löst sich, und von Gedankenregen durchnässt
bewege ich mich. Aber hier klebt alles an der alltäglichen Regungslosigkeit.
Es gibt soviel Freiraum, und trotzdem quetschen sich alle nebeneinander in die
Ecke. Man möchte fragen, kommt noch wer?. Da kommt also der gute Kanake,
stellt sich mitten rein, und während er sich fragt, warum die Leute so Spalier
stehen, wird er im nächsten Moment auf seinen Platz verwiesen. Schließlich gehört
jeder irgendwohin und der Kanake am besten ganz nah an die Abschlussrampe.
So wird hier ein- und aussortiert, und die Stücke, die zu klein, zu groß oder
zu bunt sind, kommen an die Seite. Der Ausschuss formt sich aber langsam zu
einem Mosaik zusammen, das die grauen, eine Maßeinheit mal eine Maßeinheit großen
Stücke daneben ganz schön verblassen lässt. Und wenn sie sich noch so
aneinander quetschen, sie haben doch keine Chance. Bald sind sie es, die grauen
Steine, die durchfallen werden.
Dann gibt es noch die getürkten Deutschen, die Assimilfatmas, die so gern
anders wären, als sie sind. Also, gar nicht anders von der deutschen Seite aus
betrachtet. Diese Leute halten es für ein Kompliment, wenn sie mal nicht für
einen Kanaken gehalten werden, denn sie schämen sich ihrer Herkunft und ihres
Andersseins. Sie lassen sich stutzen für einen deutschen Handschlag und ein
du gehörst zu uns aus deutschem Munde.
Diese Leute verkaufen ihre türkische Seele für einen billigen Kneipenbesuch,
legen ihre türkischbunte Kleidung ab für eine Schwarzweißpose auf einem
Zeit-Magazin-Doppeltblatt und werden die Moorleichenfresse nicht los, weil sie
keine türkische Schminke an den aus lauter Deutscheiferei schon ganz
verbissenen Gesichtsausdruck kommen lassen. Diese Leute sind z.B. Modedesigner
oder Künstler, die Farbe für Kitsch halten, und ihre Geist ist genauso kalkweiß
wie die Farbe ihrer Wände. Um zu schlichter Schönheit zu gelangen, übertreffen
sie sich im Zuschaustellen nichtsagender Einfalt. Sie blicken mit kalten, ermüdeten
Augen, sind abgebrannt, weil sie ein ganzes Leben ein Widerstand ihrer selbst
waren, sich dem Verneinen ihres Wesens widmeten, und die baldige Persönlichkeitskrise,
dessen Ausweg sie sich verbarrikadiert haben, steht ihnen auf der Stirn gemeißelt.
Aber sie sehen es nicht, weil sie es schon längst aufgegeben haben, in den
Spiegel zu schauen, aus lauter Sorge darum, doch noch ein türkisches Gesicht
darin zu erblicken. Überhaupt spricht nur Angst aus diesen Menschen, auch wenn
sie sich in Siegerpose aufbäumen. Angst, gehänselt und ausgelacht zu werden,
Angst, nicht mitmachen zu dürfen, Angst, nicht teilhaben zu können, Angst, zurückzubleiben,
Angst, unverstanden zu bleiben, Angst vor Schlägen und vorm Versagen. Sie sind
die schwächsten in der Gruppe. Sie wissen sich nur durch Anpassung zu helfen, wählen
das Einfachere, reißen alle Wege und Brücken ab und beschweren sich dann auch
noch darüber, dass ihre Familie keinen Zugang zu ihnen findet.
Da bau ich mir also lieber mein eigenes Zelt und muss nicht unter den Trümmern
begraben werden, wenn das alte Haus Deutschland zusammenbricht, das sich die
deutschen Volksvertreter seit Jahrzehnten zu restaurieren weigern. In diesem
Haus steht kein Rechner, auf dem ein türkische Schriftsatz installiert ist.
Griechisch, tschechisch, kyrillisch, was weiß ich noch alles. Aber alle unsere
türkischstämmigen Mitbürger, über zwei Millionen an der Zahl, müssen es
ertragen, wie sich die deutsche Schreibmaschinerie und Zunge gegen ihren Namen
wehrt. Einige Eltern wissen sich dadurch zu helfen, dass sie ihren Sprösslingen
neutrale Namen geben wie Jasmin, Deniz, Suzan oder Manolya, Manuela auf
deutsch. Eine Seite minderqualitativer Türkischunterricht in diesem oder
jenem Magazin verhilft vielleicht zu einem belustigten Lächeln, aber es ist
schlauen Köpfen bekannt, dass, wer künftig mitmachen will in Deutschland,
weder ohne türkischen Schriftsatz noch ohne Türken auskommen wird.
Ja, die Türken kommen. Aber nicht mehr vom Süden, wie damals vor Wien. Auch
nicht von vorne in Züge gepfercht. Sie fallen nicht von Himmel und wachsen
nicht wie die Pilze. Sie waren schon seit langem da, als man sich von ihnen
abwendete, die Nase rümpfte und es kaum abwarten konnte, sie wieder zurückzuschicken,
um sonntags die Straßen wieder türkenfrei zu bekommen. Den Abschiebegegnern
fiel ein Spruch ein, dem keine Tränendrüse widerstehen konnte: Wir holten
Gastarbeiter und es kamen Menschen. Jetzt ist Schicht mit Tränendrüse. Der
Spruch ist längst umgeschrieben. Was sie sich da ins Land holten, werden sie früh
genug herausbekommen. Ja, die Bastarde kommen, aber nicht mit Döner,
Exportladenkitsch, Multikultigetrampel tränenreicher In der Fremde-
Literatur und schlechten Rap, goldbehangen im Sultanschick und anatolische
Lieder lallend, wies der Deutsche gern hätte, wenn überhaupt, sondern mit
Qualität, erlernter preußischer Disziplin, angeborenem Feuer unterm Arsch,
mitgebrachtem Kulturkoffer, nicht loszuwerdende Sentimentalität und erworbener
Widerstandsfähigkeit, denn was nicht tötet, härtet angeblich ab, und es hat
uns nicht umgebracht. Hat Jemand Angst bekommen? Aber nicht doch. Wer auf
unserer Seite steht, braucht keine Angst zu haben.
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