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Abschaffung der Deportations-Class

Internationale Kampagne gegen Abschiebung durch Lufthansa vom Kölner Netzwerk kein mensch ist illegal

Am 28. Mai 1999 starb der sudanesische Flüchtling Aamir Mohamed Ageeb an Bord der Lufthansa-Maschine LH-558 nach Kairo. Er sollte in den Sudan abgeschoben werden. Seine drei Begleiter vom Bundesgrenzschutz hatten den 30-Jährigen gefesselt, ihm einen Motorradhelm aufgesetzt und ihn solange in den Sitz gedrückt, bis er erstickte. Ageeb war nicht das erste Opfer der unmenschlichen Abschiebepraxis in einem Lufthansa-Flugzeug: 1994 erstickte der Nigerianer Kola Bankole, dem eine „Beruhigungsspritze“ verabreicht worden war, noch vor dem Abflug vom Frankfurter Flughafen mit einem Strumpfknebel im Mund. Behörden und Fluggesellschaften gingen nach dem Erstickungstod von Ageeb im vergangenen Jahr schnell wieder zur Tagesordnung über. Die Ermittlungen gegen die beteiligten BGSler dümpeln weiter vor sich hin.
Für das bundesweite Netzwerk kein mensch ist illegal war Ageebs Tod der Auslöser für eine Kampagne gegen die Abschiebungen mit der Lufthansa. Mit der Kampagne wird gegen die Abschiebung von Flüchtlingen protestiert und auf die Verantwortung der Fluggesellschaft aufmerksam gemacht. Es handelt sich dabei nicht um eine klassische Boykottkampagne. Vielmehr soll das Image der „sauberen Fluggesellschaft“ befleckt werden; gleichzeitig werden Fluggäste und Flugpersonal zur Zivilcourage und zum Handeln gegen Abschiebungen aufgerufen. Letztendlich heißt die Forderung, dass die Lufthansa diesen Geschäftsbereich aufgibt.
International operierende Konzerne haben einen Ruf zu verlieren, auf den sie sehr bedacht sind. So hatte der befürchtete Imageverlust sowohl in der Kampagne gegen Shell als auch im Zusammenhang mit der Entschädigung ehemaliger ZwangsarbeiterInnen eine enorme Wirkung in den oberen Konzernetagen. Dass auch Fluggesellschaften auf Proteste ähnlich sensibel reagieren, belegen Beispiele aus den Niederlanden und Belgien:
4. Dezember 1996, Flughafen Amsterdam: Die Dachbesetzung bei Martin Air und die Androhung einer massiven Kampagne durch niederländische AktivistInnen vom Autonoom Centrum führten dazu, dass der Konzern aus dem Geschäft mit den Sammelabschiebungen ausstieg. Im Herbst 1998 wurde die Nigerianerin Semira Adamu bei einem Abschiebeversuch mit der Fluggesellschaft Sabena am Brüsseler Flughafen von den „begleitenden“ Polizisten mit einem Kissen erstickt. Eine Protestwelle erzwang den Rücktritt des Innenministers und veranlasste Sabena, seither vor jedem Abflug zu prüfen, ob die Passagiere mit dem Flug einverstanden sind. Die Piloten von Sabena hatten zudem erklärt, dass sie keine Abschiebehäftlinge mehr in ihren Flugzeugen dulden würden.
Der Lufthansa sind größere Proteste selbst nach dem Tod von Aamir Ageeb bislang erspart geblieben. Das soll sich nun ändern: „Deswegen werden wir überall auftauchen, wo die Lufthansa präsent ist, im Internet, vor den Flugschaltern auf den Airports, bei den Niederlassungen der Lufthansa, in Reisebüros. Wir werden alle Mitarbeiter der Gesellschaft auffordern, den Transport von ‚Schüblingen‘ abzulehnen, und sie und die Fluggäste über Möglichkeiten des Protestes gegen Abschiebungen aufklären.“ (aus der Kampagnenzeitung)
Schon im März haben ein gutes Dutzend Leute als Lufthansa-Stewardessen und -Stewards verkleidet eine Theater-Aktion bei der Internationalen Tourismusmesse in Berlin durchgeführt, die auch der Lufthansa nicht verborgen blieb. Anfang April fanden in München und Hannover größere Aktionen an den Lufthansa-Schaltern der Flughäfen statt, in Seeheim/Jugenheim bei Darmstadt wurde kurzzeitig das Ausbildungszentrum der Lufthansa besetzt. Daraufhin wurde die Kampagne auch von der überregionalen Presse aufgegriffen. Am Flughafen Wien protestierte die Plattform „Für eine Welt ohne Rassismus“ am 6. April mit ca.100 Leuten gegen die Beteiligung von Fluggesellschaften an Abschiebungen. Eine Vernetzung europäischer Gruppen ist von vornherein in der Kampagne gegen das Geschäft mit den Abschiebungen angelegt; dies ermöglicht eine neue Qualität antirassistischer Politik, einen Ansatz zu gemeinsamen Interventionen.
Seit die Lufthansa öffentlich in die Kritik gerät, behaupten Sprecher des Konzerns, die Airline lehne Abschiebungen gegen den Widerstand der Betroffenen grundsätzlich ab und befördere sie seit Juni 1999 nicht mehr. Die Realität sieht jedoch anders aus. Erst am 13. März 2000 kam es auf einem Flug der Lufthansa von Paris nach Berlin zu einem Zwischenfall. Zwei französische Zivilpolizisten traktierten einen afrikanischen Passagier, der sich gegen seine Abschiebung wehrte, mit heftigen Schlägen. Trotz seiner Schreie und lauter Proteste von Passagieren reagierte die Crew zunächst nicht. Erst als der Leipziger Professor Klaus Giesen dem Kapitän mit rechtlichen Konsequenzen drohte, wurde die Abschiebung abgebrochen. Seitdem fordert Giesen europaweit seine KollegInnen an anderen Universitäten zu einer Protest-Kampagne per Fax und E-mail auf. kein mensch ist illegal ruft zum ersten Todestag von Aamir Ageeb für den 26. 5.- 28. 5 dazu auf, an Flughäfen, Reisebüros etc. Mahn- und Protestaktionen zu veranstalten. Am 15. Juni werden gemeinsame Aktionen mit den „Kritischen Aktionärinnen und Aktionären“ bei der Lufthansa-Aktionärsversammlung im ICC in Berlin stattfinden. Mit einer Blockade des Flughafens Berlin-Schönefeld wird Anfang Juli die Kampagne gegen das Geschäft mit den Abschiebungen fortgesetzt.
Bei soviel Turbulenzen raten wir der Lufthansa-Konzernspitze, das Rauchen einzustellen und sich gut anzuschnallen … oder einfach aus dem Abschiebe-Business auszusteigen.
Kontakt: Kölner Netzwerk kein mensch ist illegal c/o Ev. Gemeinde Siebachstr. 85, 50733 Köln, Tel. 0221-97310313, kmii@stadtrevue.de, homepage: http://www.kmii-koeln.de/

 

 

Letzte Aktualisierung: 18.12.03

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