Eine Bilanz:50 Jahre ÖRK aus Sicht konservativer PolitikerAnmerkungen von Gunther Hermann zum Buch von Gerhard Besier: Nationaler Protestantismus und Ökumenische BewegungI.Sicher handelt es sich um ein unfreiwilliges zeitliches Zusammentreffen, dass ausgerechnet zum selben Zeitpunkt, zu dem Manfred Kanther sein Bundestagsmandat im Zusammenhang mit dem CDU-Partei-Spenden-Skandal niederlegen musste (Jan. 00), das von ihm als ehemaligem CDU-Innenminister gesponserte Buch über Nationaler Protestantismus und Ökumenische Bewegung Kirchliches Handeln im kalten Krieg (1945-1990) der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. In Kreisen der Ökumeniker hatte man sich schon seit Jahren gefragt, welches
Interesse die damalige Bundesregierung daran haben könnte, das Verhalten der
verschiedenen großen ökumenischen Organisationen in der Zeit des Kalten Kriegs
untersuchen zu lassen und dafür 500.000,-DM auszugeben? Im Vorwort unternimmt Gerhard Besier den Versuch, den verschiedentlich geäußerten Verdacht (z.B. Plädoyer für eine ökumenische Zukunft) zu entkräften, dass es sich bei seinem Buch um staatliche Auftragsforschung handelt. Dennoch bleibt der Eindruck bestehen, dass das Ergebnis schon feststand, bevor die vier Autoren sich an die Arbeit gemacht hatten. Trotz vieler wertvoller Detailinformationen ist es wirklich schade um die verpasste Gelegenheit, eine Aufarbeitung der Geschichte des ÖRK im Ost-West-Konflikt (dazu noch mit öffentlichen Geldern finanziert!) auf hohem wissenschaftlichem Niveau und ohne Rücksichtnahme vorzulegen. Leider ist das nicht gelungen und - so lässt sich vermuten - wohl auch nie wirklich gewollt gewesen! Zu eindeutig lassen die Verfasser ihren ideologischen Vorurteilen freien Lauf. Den Vorwurf der Einseitigkeit und Manipulation von Fakten zu belegen, fällt nicht schwer. Die Autoren haben sich in ihrem ideologischen Eifer, den ÖRK in ein schlechtes Licht zu rücken, einfach zu viele Blößen gegeben. II.Zudem leidet die Kanther-Besier Studie über den ÖRK an einem schweren Geburtsfehler: Die Konzeption weist eine doppelte Beschränkung auf im Untertitel heißt es: Kirchliches Handeln im kalten Krieg (1945-1990).Zugegeben, historische Studien bedürfen der zeitlichen und thematischen Begrenzung. In diesem Falle muss man wohl deshalb schon von einem fatalen Fehler sprechen, weil der Ökumenische Rat der Kirchen ein internationales Gremium ist und eben keine inner-europäische Organisation. Im Falle der KEK (Konferenz Europäischer Kirchen) wäre eine solche thematische Begrenzung sinnvoll und ohne Schwierigkeiten nachvollziehbar gewesen. Beim ÖRK kommt die Ausklammerung der Nord-Süd-Beziehungen einer entstellenden Amputation gleich. Man kann die Arbeit des weltweit agierenden ÖRK nicht angemessen darstellen, ohne den Schwerpunkt auf die Beziehung zwischen den alten Kirchen des Nordens und den jungen Kirchen des Südens zu legen. Hinzu kommt, dass die theologische Arbeit des ÖRK nicht bzw. nicht angemessen vorkommt bzw. gewürdigt wird (z.B. wird die theologische Bedeutung der sog. LIMA-Erklärung von 1982 nicht Verständnis erweckend dargestellt - S. 260). Meine Vermutung ist, dass der ÖRK abgeschossen , d.h. in die kommunistische Ecke gestellt werden sollte. Das wird schon dadurch wahrscheinlich, dass ausgerechnet Prof. Gerhard Besier aus Heidelberg zum Koordinator bestellt wurde, der sich durch die Art des Umgangs mit kirchlichen Erklärungen und den STASI-Akten der ehemaligen DDR als seriöser Wissenschaftler wahrhaftig nicht mit Ruhm bekleckert hat. Bezier argumentiert aus dezidiert antikommunistischem Interesse heraus und versucht so - des historischen Kontextes beraubt - die beteiligten Kirchen und den ÖRK abzuqualifizieren. III.Mit einiger Verwunderung nimmt der Leser zur Kenntnis, dass in einem wissenschaftlichen Werk, das eine so exakte thematische und zeitlichen Begrenzung (s.o.) aufweist, eine Nachschrift hinzugefügt wurde, die sich auf ein Ereignis bezieht, das erst 8 Jahre (Harare im Dez.98) nach Ende des Untersuchungszeitraum stattgefunden hat. Horst-Klaus Hofmann von der Offensive Junger Christen in Bensheim, der in den 80er Jahren als ein Kämpfer gegen Boykott und Sanktionen sich einen Namen gemacht hat und als enger Freund von Gatsa Mangsosothu Buthelezi bekannt ist, ausgerechnet er wurde als fähig und würdig erachtet, einen Bericht über die 8. Vollversammlung des ÖRK in Harare zu verfassen. Was dabei herauskam ist ein tendenziöses Machwerk, dass nicht nur bei denen, die selber in Harare waren, ein verwundertes Kopfschütteln auslösen muss. Unter den vielen Berichten über Harare wird wohl keiner dieser ökumenischen Versammlung so wenig gerecht wie der in der Besier-Studie. Der Eindruck, dass die Polemik, die systematische Schlecht-Macherei des ÖRK im Vordergrund des Interesses gestanden haben dürfte, stellt sich beim Lesen nur allzu schnell ein. IV.In meiner Darstellung der Besier Studie gehe ich davon aus, dass der/die PÖ-LeserInnen in Baden-Württemberg weniger am 2. und 3. Teil der Studie interessiert sein dürften (Gerh. Besier Analyse der Kirchenlandschaft in den USA zur Zeit des Ost-West-Konflikts- S. 332 - 648) und auch nur in eingeschränktem Masse an der für die Kirchen Osteuropas wichtigen Christlichen Friedenskonferenz (CFK), sondern in erster Linie an der Analyse des Ökumenischen Rates der Kirchen und seiner Beziehung zu seinen östlichen und westlichen Mitgliedskirchen, die von Armin Boyens dargestellt wird (Boyens war, bevor er Militärgeistlicher der Bundeswehr wurde, in den 60er Jahren eine Zeit lang Leiter des Sprachendienstes des ÖRK in Genf). An dieser Stelle muss auf einen weiteren Mangel der Besier-Studie hingewiesen werden, der sich zunehmend als gravierender Fehler entpuppt. Die Autoren gehen durchgehend von der umgangssprachlich gestützten Annahme aus, als sei der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) identisch mit den Stabsmitgliedern in Genf - vor allem mit dem jeweiligen Generalsekretär, an dem zumeist kein gutes Haar gelassen wird. Wichtig ist m.E. aber die Unterscheidung zwischen dem, was einzelne Mitglieder des ÖRK-Stabs getan oder gesagt haben und dem, was der ÖRK als Ganzes getan oder (nicht) getan bzw. gesagt hat. Durch das ganze Buch zieht sich m.E. der verhängnisvolle Irrtum, der ÖRK sei mit seinem Generalsekretär identisch, d.h.. beide seien austauschbare Größen. Tatsache ist - und das wurde in Harare im Dez. 1998 auch wieder bestätigt - dass die ÖRK-Zentrale in Genf nur ein Mandat für öffentliche Erklärungen hat, soweit der Zentralausschuss (ZA) oder die Vollversammlung ihn dazu ermächtigt haben. Eigentlich gibt es den ÖRK außerhalb dieser beiden Gremien gar nicht. Er ist nichts mehr als ein Sprachrohr seiner Mitgliedskirchen und - von Ausnahmen abgesehen - keine selbständig handelnde Größe. Boyens zitiert in seinem Beitrag von 320 Seiten aus vielen Dokumenten und persönlichen Voten von Einzelnen, er lässt den Leser aber häufig bewusst (so scheint es zumindest) im Unklaren darüber, wer da mit welcher Autorität bzw. Vollmacht spricht. Meist geht es den Verfassern darum, dass der ÖRK zu dem einen oder anderen Ereignis nicht oder nicht deutlich genug Stellung genommen habe. Es stört A. Boyens aber in keiner Weise, im nächsten Satz schon den Vorsitzenden des Zentralausschuss (ZA) zu zitieren, der als solcher genau das öffentlich gesagt hat, was eben noch eingeklagt wurde. Die Frage lautet für mich: Wer ist der ÖRK? Ist der ÖRK ein Wasserkopf in Genf, der von sozialistischen bzw. kommunistischen Geheimdiensten unterwandert wurde - oder ist der ÖRK eine Gemeinschaft von inzwischen 338 Kirchen aus der ganzen Welt, die in einem sehr komplizierten, langwierigen Prozess Mehrheitsentscheidungen trifft, die dann eben auch allen Mitgliedskirchen mit zutragen und zu verantworten haben. Die Entscheidung z.B. für das Antirassismusprogramm (PCR) in den Jahren 1969/70 war eben keine einsame Entscheidung des Stabes in Genf, sondern eine mit überwältigender Mehrheit im ZA gefällte Entscheidung (vgl. S. 155-170). Dass sich im Nachhinein auch einige Kirchen, deren Delegierte und ZA Mitglieder davon wieder distanziert haben, ist nicht der Genfer Zentrale zur Last zu legen, sondern hat mit der ungenügenden Mandatierung der Delegierten durch ihre Mitgliedskirchen zu tun. Im Falle von Bischof A.H. Zulu aus Südafrika z.B., der das Antirassismusprogramm als Einmischung in die inneren Angelegenheiten seines Landes ablehnte, wird dies als aus Ausdruck seines Nationalstolzes in Kauf genommen (S. 163f), wenn dagegen Kirchenvertreter aus den sog. Ostblockstaaten sich schützend vor ihre Regierungen stellten, werden sie als Marionetten diffamiert (S. 146ff). Überhaupt fällt eine gewisse Respektlosigkeit gegenüber offiziellen Delegierten der Mitgliedskirchen auf, die eine andere Meinung vertreten als die der Autoren. Immer wieder verheddern sich die Verfasser in widersprüchliche Argumenten. Einigen westlichen Kirchen war das PCR zu befreiungstheologisch/ revolutionär (EKD) und wurde deshalb jahrelang attackiert (S. 192f u. 235). Andererseits stellte sich die Russisch-Orthodoxe Kirche (ROC) gegen das PCR, weil sie die darin enthaltenen Konsequenzen für den Vielvölkerstaat Soviet Union gefährlich hielten. Offensichtlich war der ÖRK weder links noch rechts. Wäre er nur links gewesen, warum waren dann so viele KGB-Spione nötig bei den internationalen ÖRK-Konferenzen (S. 194, 223ff, 261f)? V.Der Beitrag von A. Boyens wäre um Vieles Nützlicher gewesen, wenn er auch
Interviews mit Zeitzeugen aus Ost und West einbezogen hätte. Vor allem hätte
er sich dadurch aus der Schmuddelecke eine antikommunistischen Machwerks
befreien können, indem auch die Geheimdienst bzw. deren Archive im Westen
genauso sorgfältig ausgewertet worden wären. Behaupte doch keiner, die
westlichen Großmächte hätten kein Interesse an einer Einflussnahme auf den ÖRK
gehabt! VI.Häufig finden sich in der Studie - offensichtlich mangels wirklicher Fehler
des ÖRK- aufgeblähte Darstellungen von Ereignissen, die nun wirklich nicht in
den Verantwortungsbereich der ÖRK fallen. Einige, relativ willkürlich ausgewählte
Beispiele für diesen Trend: Ähnlich marginal ist die Klage von H.K. Hofmann auf S. 945f, dass in Harare seine (!) wissenschaftlich begründete und zugleich bibelorientierte Antwort für änderungswillige homosexuell orientierte Männer und Frauen nicht genügend beachtet worden sei. Dass Aids und Homosexualität vielleicht das gemeinde Thema waren, aber eben gerade nicht auf der offiziellen Tagesordnung dieser 8. Versammlung standen, sei nur am Rande bemerkt. An einer anderen Stelle (S. 310) wird dem früheren Generalsekretär
Vissert Hooft das Wort im Mund umgedreht, indem aus einer Würdigung der
guten Zusammenarbeit mit der kath. Kirche (Lima-Dokument 1982) eine Kritik
gemacht wird. Auf S. 318f wird dem ÖRK und der KEK Verharmlosung und Vertuschung vorgeworfen, doch davon war in der zitierten Äußerung so nicht die Rede. Auch gegen den russ.-orth. Priester GEORGIJ GLUSHIK (vgl. S. 284f), der zum kleinen Vorbereitungsteam für den Konziliaren Prozess in Seoul gehörte, konnte offensichtlich kein belastendes Material für seine Agententätigkeit gefunden werden. So blieb Boyens nur der Hinweis auf ein Gerücht, dass Glushik für den KGB gearbeitet hatte. Für ein Werk, das den Anspruch der Wissenschaftlichkeit erhebt, ist die Arbeit mit Gerüchten und Unterstellungen ein blamables Armutszeugnis. Ab S. 312 geht Boyens der Frage nach, in welcher Weise von den verschiedenen ökumenischen Organisationen, die in Genf beheimatet sind, nach 1990 Selbstkritik für jahrelanges Schweigen zu den Menschenrechtsverletzungen in Osteuropa geübt wurde. Nur beim Reformierten Weltbund und dem Lutherischen Weltbund fällt die Suche positiv aus, die KEK und der ÖRK können aber den strengen Maßstäben des Autors nicht genügen. Merkwürdig nur, dass auf den Seiten 301-304 von Bischof Held und Margot Käßmann sehr deutliche Worte der Selbstkritik am Versagen des ÖRK gefunden wurden. Da es sich bei beiden um führende Mandatsträger des ÖRK handelt, kann deren Stimme nicht als private und somit für die Haltung des ÖRK unverbindliche Meinungsäußerung abgetan werden. Beliebte Zielscheibe der Kritik ist auch der früherer Generalsekretär der ÖRK Emilio Castro aus Uruguay (S. 298), dem einerseits vorgeworfen wird, er sei der bösen Kunst verhaftet gewesen, Diener zweier Herren zu sein, d.h.. doch wohl, es Ost und West recht machen zu wollen. Wenige Zeilen später heißt es dann aber doch, er habe sich dem Sozialismus sowjetischer Prägung verpflichtet gefühlt. Für Boyens ist offenbar jeder, der für eine sozialere(!) Gesellschaft eintritt, deshalb schon in Begeisterungsstürme für Moskau und die sowjetische Gesellschaft ausbrechender Kommunistenfreund! Als weiterer Mangel ist der Studie anzulasten, dass der Konziliare Prozess der 80er Jahre nur äußerst verkürzt dargestellt wird und jedes Verständnis fehlt für die notwendige Vernetzung von Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung vermissen lässt. Auch hier rächt sich wieder die prinzipielle Verweigerung einer inhaltlichen Auseinandersetzung. Was bleibt ist eine gewisse Beckmesserei aus der Haltung eines Zaungastes ohne inneres Verständnis. VII.Was war nun aber das eigentlich Anliegen der Studie? Wohin und auf was zielt die Argumentation der vier Autoren? Zwei Stichworte tauchen immer wieder auf: Der ÖRK hat die a) Einheit zugunsten sozialer Gerechtigkeit verraten und der ÖRK kritisiere den Kapitalismus statt sich für freie Marktwirtschaft einzusetzen. a) Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass der ÖRK seit 30-40 Jahren seinen eigentlichen Auftrag verraten habe, nämlich die Einheit unter den Kirchen zu fördern. Oder - an anderer Stelle: Der ÖRK solle sich weniger um sozialethische Fragen kümmern und sich auf die theologischen Fragen konzentrieren. Die Tendenz dieser Kritik ist deutlich. Der ÖRK soll aus dem Feld der Politik in die geistlichen Bereiche abgedrängt werden. Bei näherer Beschäftigung mit diesem Einwand wird jedoch deutlich, dass es neben der Einheit noch viele weitere Anliegen gibt, die für den ÖRK und seine Mitgliedskirchen wichtig sind: Mission und Dialog, Wahrheit, Toleranz und Freiheit, Liebe und Gerechtigkeit, die eucharistische Gemeinschaft unter dem Mitgliedskirchen, Menschenrechte, Religionsfreiheit, Kirchenreform u.v.a.m. Wenn dennoch behauptet wird, dass Einheit die eigentliche Aufgabe des ÖRK sei, dann handelt es sich dabei um eine willkürliche Verengung des Mandats des ÖRK. Denn: Historisch gesehen stellt der gegenwärtige ÖRK eine Fusion von drei bis vier ursprünglich eigenständigen und höchst unterschiedlichen ökumenischen Organisationen dar. Es ist also ein Fehler (manche Ökumeniker würden auch von theologischer Willkür sprechen) den ÖRK auf die Anliegen von Faith und Order festlegen zu wollen. Die Anliegen von Life and Work und des Internationalen Missionsrates gehören zu den gleichberechtigte Säulen, die heute gemeinsam den ÖRK tragen und seine Aufgaben und Ziele tragen. b) Dazu gehört auch die Förderung der sozialen Gerechtigkeit, dem Schutz der Menschenrechte und der Kampf gegen den Rassismus. Gerade ein solches Mandat spricht die Besier Studie dem ÖRK ab und klagt ihn darum zu Unrecht der Untreue gegenüber seiner eigentlichen Aufgaben an (S. 307ff). Kritisiert wird immer wieder das Engagement für eine neue, gerechtere Weltwirtschaftsordnung oder: Das Sozialdenken des ÖRK hat den rechten Ansatzpunkt noch nicht gefunden. Im gleichen Zusammenhang findet sich die für den christlichen Sozialethiker wahrhaft entlarvende Feststellung, das Arm-Reich-Problem lasse sich nur lösen, indem es ungelöst bleibt (S. 309)! c) Bitter beklagen sich die Autoren darüber, dass die Begriffe freiheitliche Wirtschaftsordnung und soziale Marktwirtschaft nicht vorkommen, sondern die westliche Wirtschaftsordnung immer nur als kapitalistisch bezeichnet wird (S. 314f). Mir scheint, dass damit die Katze aus dem Sack ist. Das eigentliche Anliegen der vom damaligen CDU-Innenminister Kanther gesponserten Besier-Studie ist, Klage zu führen gegen eine große Zahl christlicher Kirchen der Welt, die offensichtlich andere wirtschafts- und gesellschaftspolitisch Zielvorstellungen haben als die Vertreter der sog. freien (d.h. neoliberalen) Marktwirtschaft mit ihrer ungezügelten Globalisierungsstrategie und ihrem Manchester-Kapitalismus. Dass das auch den Vertretern der deutschen Industrie genauso wenig ins Konzept gepasst hat, wie das im Jahre 1998 veröffentlichte Sozial-Wort der katholischen und evangelischen Kirchen in der BRD, überrascht dann eigentlich nicht mehr. VIII.Abschließend möchte ich mit einem Zitat als Beispiel für die Argumentationsweise, durch die sich die vorliegende Studie auszeichnet (S. 307f): Der ÖRK war unfähig, sich von seiner Verhaftung in Denkformen sozialistischer Ideologie und Planwirtschaft zu lösen. Bezeichnend dafür sind die ständigen Angriffe Emilio Castros auf die Marktwirtschaft, die nach seinen Worten ,,nicht zur Ideologie erhoben werden dürfe. Seine eigene Ideologiebindung sah Emilio Castro nicht, sah der ÖRK nicht. Sie zeigte sich auch darin, dass er mit dem Begriff der Freiheit nichts anzufangen wusste und weiß. Freie Gewerkschaften, freies Unternehmertum, Eigeninitiative, das natürliche Gewinnstreben des Menschen als einer motivierenden Kraft, die Wirtschaft und Markt benötigen, wenn die Produktivität wachsen soll, all dies spielte in den Studiendokumenten des ÖRK keine Rolle. Die freien Kräfte des Marktes scheuten seine Verfasser wie der Teufel das Weihwasser. Die Wirtschaftsordnung, die Generalsekretär und Stab des ÖRK anstrebten, sollte in erster Linie gerecht sein. Planung, staatliche Kontrolle, ständige Gängelung sollten solche Gerechtigkeit gewährleisten. Nur ist fromme Gängelung nicht besser als sozialistische. |
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