Diakonie und SozialstaatKirchliche Diakonie zwischen Bindung und FreiheitMit der willigen Übernahme der Dienstleistung für den Sozialstaat ist die kirchliche Diakonie in eine schwierige Spannung geraten. Wer für seine Arbeit staatliche Mittel in Anspruch nimmt, muss sich über die Gesetze des Marktes nicht beschweren. Um sich ihnen nicht ganz zu unterwerfen, wird er/sie für die Freiheit des Wie seiner/ihrer Leistung kämpfen. Das setzt allerdings voraus, sich des eigenen Profils zu vergewissern, also eine Antwort darauf zu suchen, worin das Wesen kirchlicher Diakonie besteht. Sie geht gewiss über das Funktionieren der Sozialgesetze zur Förderung des Wohlstandes hinaus mit der Frage: Wer ist mein Nächster, und wie begegne ich ihm in Liebe (1.Kor. 13)? Das mag im Einzelfall zum Konflikt mit dem Staat führen. Aber den muss die Diakonie aushalten. Die ganze Freiheit gibt es nicht mit staatlichem Geld. Deshalb bleibt das gottesdienstliche Armenopfer so wichtig und nicht zuletzt die Predigt des Evangeliums. Das Thema gibt Anlass zur Besinnung auf kirchliche Diakonie heute. Was ist davon zu halten, wenn man hört, ich sehe einfach den hilfsbedürftigen Menschen? Um ihn geht es auch dem Humanisten und unserem Sozialstaat. Dazu allein bedarf es keiner kirchlichen Diakonie. Ebenso nichtssagend ist der Verdacht, neues Denken gefährde schon die Zukunft von Diakonie, oder der umgekehrte Kurzschluss, neues Fragen in der Kirche führe nur zur Diakonie. Diese und ähnliche Pauschalurteile bestärken allenfalls den Zweifel, ob denn von der Kirche heute noch etwas bemerkenswert Hilfreiches für die Welt zu erwarten sei, und den Zweifel, ob der Christ heute seine Aufgabe noch sinnvoll in und mit dieser Kirche oder besser anderswo wahrnehme. Wer aber für kirchliche Diakonie noch Chancen sieht, wird ein gewisses Unbehagen nicht los gegenüber dem , was kirchliche Diakonie auf weiten Strecken tut. 1. Unter der Trägerschaft der Kirche erfüllt ein gigantischer Dienstleistungsbetrieb bestmöglich und kostengünstig Aufgaben, die sich unser Sozialstaat gesetzt hat. Streitig ist wohlgemerkt nicht die Notwendigkeit, fraglich dagegen, was diesen kirchlichen Dienstleistungsbetrieb unseres Sozialstaates auszeichnet, um christliche Diakonie genannt zu werden. Der Betrieb läuft ab mit den Finanzmitteln des Staates aufgrund sozialgesetzlicher Pflichten. Er läuft ab nach den Richtlinien des Staates (enge Zweckbindung; Öffnungszeiten der Kindergärten). Er läuft ab zugunsten von Menschen, die nach staatlichen Bestimmungen als hilfsbedürftig gelten, und durch Menschen, die vor allem die staatlichen Ausbildungsvoraussetzungen erfüllen. 2. Natürlich kann man die Harmonie begrüßenswert und jedes Unbehagen daran unangebracht finden, weil durchweg alles geschehe, was möglich und notwendig sei. Trifft das zu ? a. Die eine Frage ist die des Wie? - sowohl in Bezug auf die Menschen im sozialen Dienst: Wie sieht die Kirche die Aufgabe, dem Sozialarbeiter Sinn und Inhalt gelebten Glaubens klarzumachen? Muss die Kirche dafür selbst Träger sozialer Einrichtungen sein ? Oder kann sie diese Aufgabe vielleicht besser wahrnehmen, wenn sie frei von eigener Trägerschaft ist? - als auch in Bezug auf die Menschen, denen geholfen werden soll: Wie sieht die Kirche die Aufgabe, dass diese Hilfsbedürftigen nicht vor lauter Belehrung, Betreuung und Beplanung (Schelsky) in ihrem individuellen Menschsein und ihren eigenverantwortlichen Rechten erdrückt werden ? Welche Freiheit hat sie, die Partei des schwächeren Partners in Einrichtungen zu ergreifen, deren Unternehmer sie spielt ? - wie schließlich in Bezug auf die Gestaltung der Maßnahmen: Wie sieht die Kirche die Aufgabe, etwas Wegweisendes für die innere und äußere Art der Arbeit beizutragen ? Hier wird die Trägerschaft von Modelleinrichtungen notwendig sein. b. Die andere Frage ist die des Was? Geschieht durchweg, was möglich und notwendig ist ? Ein Blick nach Hephata zeigt, dass es nicht an dem ist (z.B. Wohnheim; Sportanlagen). Dasselbe gilt aus der Sicht der Kirchengemeinde (z.B. Schulaufgabenhilfe..). Auch die Geschichte kirchlicher Diakonie ist stets aus dem Stoff geschrieben worden, der nicht auf der Tagesordnung stand, aus dem Anpacken der Aufgaben, die der jeweiligen Zeit durchaus zwielichtig erschienen und deren Anerkennung mühsam erkämpft worden ist., 3. Selbstverständlich ist es viel bequemer, der Erfolg vielversprechender und das Denkmal größer, auf dem wir kirchliche Diakonie gern sehen, wenn sie sich mit Leistungen rechtfertigen kann, die der allgemeinen Anerkennung der jeweiligen Gesellschaft sicher sind, wie dies bei der Wahrnehmung sozialstaatlicher Aufgaben durch kirchliche Betriebe der Fall ist. Aber auf der Strecke bleibt dabei der Kommunist, dessen berufliche Existenz auf dem Spiel steht. Wir behandeln ihn mit umgekehrtem Vorzeichen genau so, wie der Christ in der DDR behandelt wird . Und jeder nicht junge oder alte, weder arme noch kranke Normalbürger bleibt auf der Strecke. Als Mitglied der Herrenvölker unserer Erde einem gnadenlosen Lebensstil ohne Sinnerfahrung ausgeliefert droht seine Seele in trostloser Verschwendungssucht und einer auf den Materialismus ausgerichteten Arbeit zu ersticken. Und zugleich in diese unsere tödliche Krankheit teuflisch verstrickt stirbt als schwarzer Untermensch missachtet der Afrikaner, bar selbst der Abfälle unserer Müllhalden. Angesichts dieser undankbaren schmutzigen und immer auch von Christen verdrängten Arbeiten macht es sich diakonische Kirche ziemlich einfach, indem sie vor allem anderen die Rolle des tüchtigen Dienstleistungsbetriebes unseres Sozialstaaates spielt und elegant die eigene Haut rettet. Rot vor Scham hört der Christ: Die Kirchen nehmen im politischen Establishment der Bundesrepublik die erste Rangstelle ein. (Mahrenholz).
Dieser verführerischen Stellung, so ist zu befürchten, fügen wir durch die Trägerschaft von Sozialstationen ein weitere glänzendes Mosaiksteinchen hinzu. Sind sie hilfreich für unsere Probleme von heute und morgen? Oder ketten sie uns an gestern? Diese unsere Gesellschaft leidet nicht am Geldmangel sondern an der Krankheit des reichen Jünglings und der ungerechten Verteilung von Hunger und Brot. Das Geld des Staates für die Sozialstationen steuert dieser Krankheit nicht. Dieser unserer Gesellschaft fehlen nicht Menschen, die für Geld sozialen Dienst tun, sondern ihr fehlen Menschen, die lieben. Die gepriesene Perfektion der Sozialstationen fördert Nächstenliebe zwischen Nachbarn nicht. Diese unsere Gesellschaft leidet nicht darunter, dass sich der Staat um nichts kümmert, sondern darunter, dass der Hilfsbedürftige bevormundet wird. Die funktionstüchtige Einheitslösung der Sozialstationen trägt zum Schutz der Individualität des Menschseins kaum bei. Diese unsere Gesellschaft leidet nicht an mangelndem Erfolg bei der Erfüllung sozialgesetzlicher Pflichten, sondern am Mangel der Freiheit, des Mutes und der Phantasie, für stets neue Aufgaben offen zu sein und unpopuläre anzupacken. Die problemlosen Sozialstationen sind der Versuch der Rechtfertigung durch Leistungen. Gegen alle Missverständnisse oder bisweilen entweder dumme oder boshafte Unterstellungen scheint notwendig zu betonen: Keine Demontage von Sozialleistungen sondern bessere Diakonie, nicht verstanden als illusionäre Weltverbesserungsvorschläge sondern überlegte Besinnung auf beispielhaftes Handeln, gerade kein Angriff auf Diakonie aber neuer Kampf für sie. Dafür gilt entschieden: gegen alle Verengung des Blickfeldes für eine umfassende Schau nach vorn, gegen Sozialversorgung für Nächstenliebe, gegen staatliche Bindungen für Freiheit und Phantasie, gegen die Sicherheit ebener Wege für das Risiko verschlungener und schmutziger Pfade und in allem ganz sicher gegen unsere Interessen für Liebe zu unseren Feinden. Soll kirchliche Diakonie christlich bleiben, findet sie kein Alibi mehr darin, ihre Kräfte als Büttel des Sozialstaates zu verschleißen. Sie wird aus den schon anerkannten Einrichtungen ausziehen und keine neuen hinzufügen, die der Sozialstaat nun selbst führen kann. Denn sie wird alle Kräfte brauchen, um sich einsam in den Dreck zu knien und eine neue Blume zu pflanzen. Ich denke, es ist an der Zeit, dahin aufzubrechen, wo niemand ist. Geschrieben 1975 zum Thema Sozialstationen. Dr. Hans Wiesner ist Rechtsanwalt aus Mönchengladbach und Mitglied der Solidarischen Kirche im Rheinland. Er war in den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts Presbyter in seiner Heimatgemeinde in Mönchengladbach und schrieb damals eine Stellungnahme für kirchliche Entscheidungsgremien, als es um die Installierung von Sozialstationen ging. Den Text von 1975, den wir um wenige Passagen gekürzt haben, hat er für diese Ausgabe mit einer neuen Einleitung versehen.
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