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Öffentliche Erklärung

Solidarische Kirche im Rheinland

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) muss die kirchliche Mitschuld für den Völkermord an den OvaHerero und Nama endlich anerkennen

Der 100. Jahrestag des Endes der deutschen Kolonialherrschaft im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika am 9. Juli 2015 hat in Politik und Gesellschaft den ersten Völkermord im 20. Jahrhundert durch die deutsche „Schutztruppe“ in den Jahren 1904 - 1908 erneut auf die Tagesordnung gesetzt. Die Initiative „Völkermord ist Völkermord“ hat Bundespräsident, Bundestag und Bundesregierung aufgefordert, „den Genozid an den OvaHerero und Nama endlich offiziell anzuerkennen“. Die Medien in Deutschland haben in den letzten Wochen das Thema aufgegriffen, und auch Politprominenz wie der Bundestagspräsident Norbert Lammert und die ehemalige Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul haben sich klar und eindeutig in der Frage positioniert.

Wir beklagen, dass die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) im Blick auf die konkrete Frage nach kirchlicher Mitverantwortung für den Völkermord im heutigen Namibia schweigt. Das darf nicht so bleiben. Denn nicht nur die damalige deutsche Regierung, deutsches Militär und deutsche Verwaltung waren am  Völkermord in Deutsch-Südwest beteiligt, sondern auch deutsche evangelische Kirche. Die Vorgängerinstitution der EKD, der preußische Oberkirchenrat, sandte damals in Verbindung mit der deutschen Regierung evangelische Pfarrer aus, um die dortigen landbesetzenden Siedler sowie die koloniale Schutztruppe geistlich zu begleiten. Durch Seelsorge und Gottesdienste – besonders durch Predigten – sind deutsche Pfarrer und Gemeinde am Völkermord (mit)-beteiligt:

  • In der Gemeinde Windhoek wird der Altar im Gottesdienst mit einer Reichskriegsflagge drapiert, und die Lieder werden aus dem Militärgesangbuch angestimmt.1
  • Nach der Beendigung des Khama-Aufstands 1896 wird ein Dankgottesdienst gehalten.2
  • Im Februar 1904 wird die 2. Marine-Feldkompanie eingesegnet.3
  • Der Windhoeker Gemeindepfarrer Wilhelm Anz ist dankbar, dass er die kriegerischen Operationen gegen die Herero mit zwei großen Feldgottesdiensten begleiten darf.4
  • Der Militärpfarrer Max Schmidt ist an den kriegerischen Auseinandersetzungen mit den Nama im Süden Namibias beteiligt.5

2014 hat der damalige EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider die Rolle von  evangelischer Theologie und Kriegspredigten beim Ausbruch des 1. Weltkriegs 1914 deutlich angesprochen:

„Auch die Kirchen haben vor 100 Jahren Schuld auf sich geladen, haben sich vom Kriegstaumel mitreißen lassen, haben ihn sogar angefacht.“ Das gilt nicht nur für den 1.Weltkrieg, sondern auch für den Völkermord in Namibia. 1904 wurde vor allem in deutsch-protestantischen Kreisen die Vernichtung der „aufständischen“ namibischen Herero breit diskutiert. Wenige Missionare und Sozialdemokraten hielten dagegen.

Im Jahr 2004 haben Rat und Synode der EKD die Gelegenheit verpasst, Verantwortung zu übernehmen. Während Präses Schneider im Oktober 2004 bei der Enthüllung einer Mahntafel zur Erinnerung  an  den  dort  auch  so  bezeichneten  Völkermord  neben  einem  Kolonialdenkmal  in Düsseldorf die „kirchliche Mitschuld“ am „ersten Völkermord im 20. Jahrhundert“6 öffentlich zur Sprache bringt, fehlt das Thema auf der Tagesordnung der EKD-Synode in Magdeburg 2004, 100 Jahre nach dem Beginn des Völkermords. Auf derselben Synode 2004 wird des Völkermords an den Armeniern 1914 gedacht und die Regierung der Türkei sowie die deutsche Bundesregierung aufgefordert, sich ihrer Verantwortung für diesen Völkermord zu stellen. Aus Anlass seines 90jährigen Gedenkens gibt es 2005 einen von der EKD gestalteten Gottesdienst im Berliner Dom. Im Blick auf das hundertjährige Gedenken an den Völkermord in Namibia gibt es von der EKD weder deutliche Worte noch einen Gedenkgottesdienst. Es ist an der Zeit, dass die EKD endlich Farbe bekennt.

Wir rufen die Verantwortlichen der EKD auf, das Schweigen zu beenden, die historische kirchliche Mitschuld anzuerkennen und die Nachfahren der Genozidopfer um Entschuldigung zu bitten.

Köln, am 23. Juli 2015

Die Solidarische Kirche im Rheinland ist eine Gruppe von ca. 180 Mitgliedern in der Tradition der Bekennenden Kirche im „Dritten Reich“, für die das Engagement für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung zentral ist.
c/o Rita Horstmann, Deutz-Mülheimer-Str. 199, 51063 Köln
Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!www.solidarischekirche.de

Anmerkungen: 

  1. Evangelischer Gemeindekirchenrat in Windhuk (Hrg), 25 Jahre Christuskirche in Windhuk, 1935.
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  5. Max Schmidt, Aus unserem Kriegsleben in Südwestafrika; Erlebnisse und Erfahrungen. 1910
  6. Anna Neumann, Eine Mahntafel neben dem Kolonialdenkmal, in Transparent 75/2005

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