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für die kritische Masse in der Rheinischen Kirche

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Von altem Denken und der Reparatur der Schläuche

Eine gegenseitige, auch kritische Unterstützung der Kirchen kann verhindern, dass das Konzept der versöhnten Verschiedenheit nur zur Beschwörung des status quo benutzt wird. Im Verständigungsprozess über eine gemeinsame Vision des ÖRK wurde u.a. die gegenseitige Rechenschaftspflichtigkeit der Kirchen betont. „Durch ihr Engagement füreinander im Rat sind die Kirchen bereit, sich voneinander zu einer tieferen, treueren ökumenischen Verpflichtung auffordern zu lassen. Diese Bereitschaft zur gegenseitigen Rechenschaft nimmt viele Formen an“.[1] Nun geht es, zum wiederholten Male, darum, eine Vollversammlung zu ermutigen, diese Aufgabe des ÖRK zu stärken. Nur durch ein Ernstnehmen der Verantwortung der Kirchen füreinander kann die Ökumenische Bewegung ihr erneuerndes Potential entfalten. Und doch muss man  mit Besorgnis in Richtung der Vollversammlung in Busan/ Südkorea (30.10 – 8.11. 2013 ) schauen .

Nicht erst seit der Problematik mit dem Rentenfond des ÖRK, in dem mehrere Millionen Schweizer Franken fehlten, um eine ausgeglichene Bilanz vorlegen zu können, ist man sich nicht sicher ”quo vadis communio sanctorum ecumenica?”

Es gibt einen neuen Generalsekretär, der, so ist die Feststellung von aussen, einen guten Job macht. Aber der Job ist eher der eines Verwalters denn der eines Gestalters. Er ist in dieser Hinsicht eben auch jemand, der seine Denkprozesse ”close to his heart” hält. Wenig Mitarbeiter sind, so scheint es, eingespannt, wenn es darum geht, ökumenische Zukunft zu gestalten. So ist  auch nicht deutlich, in welche Richtung die Arbeit des Exekutivkommitees bzw. der ”Officers” (jener kleinen Gruppe aus den Kommitteemoderatoren und dem Generalsekretär und Stelvertretern) läuft.

Ein Friede im Haus…der alle Vernunft übersteigt?

Die beim letzten Zentralausschuss zu beobachtende komplette Vernachlässigung des Vorbereitungsdokuments zur Friedensfrage (”Ein Friede der alles Verstehen übersteigt”), sowie die Vernachlässigung der, im Rahmen der Friedenskonvokation vom Mai 2011 in Kingston / Jamaika verabschiedeten Erklärung”Ehre sei Gott und Friede auf Erden”, gibt zu denken.

Auch gibt zu denken, dass es zur Nacharbeit dieser Konferenz, die noch in Porto Alegre als ”Highlight” für den Abschluss der Dekade zur Überwindung von Gewalt angesehen wurde, keine Stabsposten in Genf vorhanden waren und Konrad Raiser in Berlin allein mit der Erstellung eines Begleitdokuments beauftragt war, für das eigentlich die Gemeinschaft der Kirchen zuständig war. Dieses Begleitdokument – so der Zentralausschuss – wird der Rest sein, der den Delegierten auf ihrem Weg nach Busan, in den Koffer gepackt wird

Aber, so mag eingewandt werden, wollte der Zentralausschuss bei der Wahl des Generalsekretärs einen Visionär? Einen Rat der Visionen? Hatte es die nicht bereits immer wieder gegeben? War die Lage der Institution nicht so ernst, dass es nun dringlichst um angemessene Verwaltung ging, die das schlingernde Schiff wieder auf graden Kurs zu bringen hatte? Dies, so scheint es, gelang dem Generalsekretär ( GS) zumindest im Fall der Rentenfondkalamität. Hier stellte man überraschend fest, dass dem Rentenfond es ÖRK mehrere Millionen Schweitzer Franken fehlten, um eine ausgewogene Bilanz vorlegen zu können. Die kantonalen Behörden in der Schweitz sind in solchen Fällen sehr streng und auf der Seite der Arbeitnehmer. Was tun sprach Zeus? Unken von ausserhalb sahen den ÖRK zum Verkauf stehen. ”Das Besteck wird verkauft”, titelte eine deutsche Zeitung. Jedoch in aller Diskretion hatte der Generalsekretät gehandelt. Es gelang  von der Handelskette  COOP einen Hypothekarkredit zu erlangen, der das Loch stopfte. So konnte der Forderung des Kanton Genf nachgekommen werden, den Fond in einen Gesamtrentenfond internationaler Organisationen zu überführen.

Das Zeitalter des Dekonstruktion

Nun ist der Reformierte Weltbund, ein Mieter des Ökumenischen Zentrums an der Route de Ferney, nach Hannover umgezogen. Auch ihm, wie dem  ÖRK machten die Währungsschwankungen zu schaffen. Wie der ÖRK bekommt er wesentliche Beiträge aus dem Euro-Raum. Dies trifft auch auf den Lutherischen Weltbund (LWB) zu. Ist er der nächste Kandidat, der Genf verlässt?

Wenn man fantasiert, dann ist der Jura-Flügel, also jener, aus dessen Fenster man vorrangig auf den Jurabergrücken schaut, nahezu frei. UNAIDS, die noch einen Teil angemietet haben zieht demnächst um, da die Stadt Genf für sie gebaut hat. Selbst wenn der LWB bliebe, wäre für den Rat der Kirchen vollkommen jene Seite ausreichend, die auf den Mont Blanc blickt.

Nun soll, so sind die Pläne, auf städtischem Grund, der hinter der Bibliothek beginnt, das Zentrum für den Global Fund gebaut werden. Dies ist jene Organisation, die u.a. mit Geldern von Bill Gates, aber vor allem von UN-Staaten Mittel zur Bekämpfung von HIV und anderen grossen Pandemien sammelt. Würde nun Lac verkauft, worauf der Immobilienentwickler des Global Funds hofft, wäre Platz für die Ausweitung seiner Pläne und die der Stadt Genf, an den Eingang zum internationalen Viertel ein wirklich represäntatives Gebäude zu setzen.

Wie ein Ausrufezeichen unter diese Gedanken / Entwicklungen der Dekonstruktion ist die Tatsache, dass der einzige Mitarbeiter, den der ÖRK noch im Gesundheitsbereich hatte, gewechselt hat und nunmehr bei der Internationalen Vereinigung für AIDS/HIV tätig ist. Der ÖRK hat somit niemand mehr im Gesundheitsbereich, jenem Tätigkeitsbereich von Kirchen, der immer schon zentral für ihre missionarische Tätigkeit war.

Die Vollversammlung in Busan und danach…?

Aber noch ist es nicht so weit. Erst kommt die Vollversammlung in Busan! Und danach…? Zumindest in vielen Bereichen neues Personal. Generalsekretär Fykse Tveit hatte bereits beim Amtsantritt mitgeteilt, dass die langjährigen Mitarbeiter sich besser etwas Neues suchen. Bis zur Vollversammlung benötigte man die Leute. Nun aber, zeichnet sich ein Fortgang nach dem anderen ab. Nicht unbedingt ein Nachteil. Wahrscheinlich wird die Reduzierung der Arbeitsfelder und so auch der Kosten  nur auf diesem Wege gehen. Liegt also hier die Quelle der Erneuerung? Es geht der Programmsekretär für ökonomische Fragen (u.a. AGAPE), derjenige, der das Programm Ökumene im 21 Jh. betreut hat und andere. Sie machen Platz für das …danach. Denn sicher ist, mit alten Kräften kann ein danach nicht gebaut werden. Sicher ist aber auch, ohne alte Kräfte geht ”gestern” leicht verloren.

…und Deutschland …schon danach?

Auch ein Blick auf die deutsche, kirchlich ökumenische Landschaft stimmt nachdenklich. War bei den vergangenen Vollversammlungsvorbereitungen noch das PLÄDOYER für eine ökumenische Zukunft als Partner für die Vorbereitungen der Delegierten eingespannt, so sind die Vorbereitungen diesmal geschlossene Veranstaltungen, in die niemand ausser den Delegierten hinein kommt.

Ich bin versucht daraus eine Schlussfolgerung zu ziehen: Galt es früher, die Kräfte in der deutschen Kirche, die sich mit den vorkommenden ökumenischen Inhalten auskannten, in der Vorbereitung von Delegierten zu bündeln, so geht man heute offensichtlich davon aus, dass von den Gruppen und Initiativen  nicht viel an Inhalt kommt. Man fährt u.U. nach Busan, um noch einmal zu schauen, was denn da so rauskommt. So richtig glaubt man an nicht an einen Erfolg. Ist nicht die ganze Mühe mit der Ökumene inzwischen ”to much?” Der ÖRK wird dann unter ferner liefen verbucht, zumal man in Deutschland ja selber eine ausgeprägte ”home made” Ökumene hat: Die Auslandsgemeinden, die ”Missionssolidaritäten”, wie sich die Kirchengemeinschaften der Missionswerke heute nennen.

Die unangenehme Verschiedenheit und das Thema der Versöhnung

Dabei gilt es für die EKD und ihre Mitgliedskirchen festzuhalten, dass Anstöße zur Erneuerung der eigenen Kirche durch die ökumenische Begegnung nicht selten durch Infragestellungen von seiten der Anderen erfolgen. Damit solche Infragestellungen wirklich fruchtbar werden können, braucht es eine Atmosphäre des gegenseitigen Vertrauens. Diese ist nicht selbstverständlich, sondern entsteht durch eine ständige Erneuerung der Bereitschaft zum offenen Zuhören auf allen Seiten. Dazu gehört auch, sich von anderen auf empfindliche Seiten ansprechen zu lassen. Das Unersetzliche der Ökumenischen Bewegung besteht gerade darin, dass in ihr die Verschiedenheit zu einer Quelle der gegenseitigen Bereicherung wird. Trotz aller Ernüchterungen über das Bestehen- bleiben von Unterschieden, drückt sich die Einheit der Verschiedenen am sichtbarsten im Festhalten an der Gemeinschaft aus.

Welche Gemeinschaft drückt sich unter den Mitgliedskirchen aus? Können sie sich, im obigen Sinn, kritisch hinterfragen, auf empfindliche Seiten ansprechen? Gibt es Formen der Rekonfessionali-sierung? Werden hermeneutische Prozesse erfahren, die man meinte überwunden zu haben? Wird wieder in einem eher vom Verdacht bestimmten Kommunikationsverfahren miteinander umgegangen? Zeigen sich Fremdheit und Missverständnis neu? Bestimmen ökonomische Faktoren die Ökumene mehr als es ihrer Ekklesiologie gut tut?

…und immer weiter für Gerechtigkeit, Friede, Schöpfungsbewahrung…pilgern durch Wüsten??

Diese Gedanken werden zu Weihnachten geschrieben, das für mich das Fest des Lebens ist: Leben in Fülle. Ökumenische Gemeinschaft spricht von dieser Fülle, in der das Verschiedene zusammenfindet, um die Sicht auf neues Leben frei werden zu lassen. In aller gegenwärtigen Problematik innerhalb der Gemeinschaft, aber auch ausserhalb der Gemeinschaft, ist es Menschen dieser Bewegung immer wieder gelungen, Hoffnung zu vermitteln, zu gestalten. Es gilt, den Weg dieser Hoffnung zu gehen. Für Busan hat der Zentralausschuss vorgeschlagen, dass die Vollversammlung zu einem 7-jährigen Pilgerprozess zu Fragen von Frieden,Gerechtigkeit und Klimagerechtigkeit aufruft. Alles Fragen des Lebens, damit wir es in Fülle haben. Christen in vielen Teilen der Welt arbeiten daran. Die ökumenische Bewegung ist dafür eine ”Hoffnungsbörse” ohne Spekulation. Die in der Vergangenheit entwickelten Konzepte von gegenseitigen Besuchsprogram-men sollten wiederbelebt werden, um zu Hoffnungserfahrungen zu kommen . So gelingt ein Weg aus der Depression.

Apropos: Das PLÄDOYER für eine ökumenische Zukunft organisiert vom 29.9. – 3.10. 2013 eine Sommeruniversität unter dem Titel: ”Klimagerecht leben: weltweit und vor Ort. Transformative Spiritualität zur Bewahrung der Schöpfung”  Das Seminar, das sich an die Ökumenemüdigkeit wendet, soll die Frage der Klimagerechtigkeit anhand der klassischen Themenstellungen der Ökumenischen Bewegung,(Einheit, Mission, Dienst, Bildung) buchstabieren und so Menschen helfen realistische Bezüge zu ökumenischen Fragestellungen herzustellen. Die ”Universität” ist für das Wintersemester in Bielefeld als normales Semesterprogramm mit ECP Punkten ausgeschrieben. Gleiches wird zur Zeit in Mainz und Kiel sowie Göttingen probiert. Wer aus seinem Bereich um Interessenten weiss, die gegen die Hoffnungslosikgeit anlernen wollen, herzlich willkommen! Genauere Details finden sich auf der homepage des PLÄDOYER für eine ökumenische Zukunft.

Gert Rüppell



[1]              Auf dem Weg zu einem gemeinsamen Verständnis und einer gemeinsamen Vision des Ökumenischen Rates der Kirchen, § 3.5.6.

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