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für die kritische Masse in der Rheinischen Kirche

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Klaus Matthes

Der Tod von Nelson Mandela hat Seiten und Sendezeiten in den Medien gefüllt. Und Mensch kann sich schon wundern, wer alles sich zu einem Nachruf berufen sah. Daniel Haufler hat in der Frankfurter Rundschau (9. Dezember 2013) in der internationalen Presse dazu Nachdenkenswertes dokumentiert.

 

Zwei Kostproben:

1. „Der weiße Mann saugt nach wie vor Afrikas Blut aus. Jetzt vergießt er wegen Mandelas Tod Krokodilstränen" (Türkische Zeitung „Yeni Safak")
2. Heute überböten sich die Staatsmänner mit Lob für den Südafrikaner, doch sie vermieden den Hinweis, wie wenig ihre Vorgänger für dessen Freilassung unternommen hätten, moniert der „Sunday Oberserver". Englands Premier „David Cameron erwähnt nicht, dass Margaret Thatcher Sanktionen gegen das weiße Regime strikt ablehnte. Barack Obama schweigt darüber, dass Ronald Reagan die Apartheid -Regierung als Leuchtturm der Demokratie pries, während er Mandela und den ANC auf die Terrorliste setzte. Und der israelische Präsident Schimon Peres lobt nun ebenfalls Mandela – und hofft dabei vermutlich, dass sich niemand mehr daran erinnert, dass er in den 70er Jahren geheime Militärverträge mit Pretoria schloss".

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat in ihrem Nachruf zu Mandela auch nicht erwähnt, dass deutsche Bundesregierungen zu keinem Zeitpunkt Kontakte zum ANC unterhalten und sich niemals der Initiative „Freiheit für Nelson Mandela" angeschlossen haben. Die wirtschaftlichen Kontakte zum Apartheidregime liefen dagegen immer gut.

Echte Tränen in kirchlichen Nachrufen?

Bei den Kirchenleuten werden die Tränen wohl echt sein, denkt Mensch und hofft bei ihnen nicht auf Erinnerungslücken oder Verschweigen zu stoßen und schaut ebenfalls zwei Kostproben an:

1. Der EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider nennt Nelson Mandela einen „Botschafter des Gewissens und der guten Hoffnung" und „eine Persönlichkeit mit tiefreichender spiritueller ... Verwurzelung". „Die Welt hat einen ihrer bemerkenswertesten und gleichzeitig demütigsten Führer verloren". „Die evangelische Kirche in Deutschland erinnere sich in Dankbarkeit an seine Ansprache vor der Vollversammlung des Weltkirchenrates in Harare am 13. Dezember 1998, in der er den Kirchen und Anti-Apartheidgruppen für ihre Solidarität in diesen dunklen Tagen südafrikanischer Geschichte dankte". (Pressestelle der EKD, 6. Dezember 2013).

Mt der Erinnerung an den 13. Dezember 1998 in Harare reiht sich der Ratsvorsitzende in die Männer mit Erinnerungslücken bzw. der Verschweige- bzw. Umgehungstaktik ein. Nelson Mandela hat an dem Nachmittag dem Ökumenischen Rat der Kirchen für sein „Programm zur Bekämpfung des Rassismus" einschließlich seines „special fund" gedankt, mit dem er sich unmissverständlich auf die Seite der Unterdrückten gestellt habe. Mit „Solidarität" umgeht Schneider dieses in der EKD nicht nur umstrittenen, sondern auch bekämpften Programms des ÖRK . Wer die schwierigen Auseinandersetzungen innerhalb der EKD-Kirchen über dieses Programm noch erinnert und vor allem vor Augen hat, wie der Rat der EKD den Sonderfonds gefürchtet hat wie der Teufel das Weihwasser, kann überhaupt nicht vollziehen, dass sich gerade die EKD daran mit Dankbarkeit erinnern sollte.
Eigentlich ist die Erinnerung an Nelson Mandela und seine Rede in Harare eine gute Idee für einen kirchlichen Nachruf auf den Verstorbenen. Es wäre eine Gelegenheit gewesen, daran zu erinnern, dass die EKD sich damals eben nicht unmissverständlich wie der ÖRK auf die Seite der Unterdrückten gestellt habe und daraus für die Zukunft lernen müsse.

2. Auch die Kirchenleitung der Ev. Kirche im Rheinland trauert um Nelson Mandela. „Mit der Trauer verbindet sich der Dank für alle, die sich in der rheinischen Kirche für die Überwindung der Apartheid eingesetzt haben". Insbesondere gelte der Dank den Frauen, die die Aktion „Kauft keine Früchte der Apartheid" initiiert haben, erklärt Barbara Rudolph, die rheinische Ökumene-Dezernentin (ekir.de/neu/06.12.2013)

Auch die rheinische Ökumene-Dezernentin umgeht dabei den Sonderfonds des Antirassismus-Programms des ÖRK, denn er war lange Jahre ein wesentlicher Bestandteil des Kampfes zur Überwindung der Apartheid in der rheinischen Kirche. Und Kirchenleitung und Landessynode haben sich in dieser Frage eben nicht „unmissverständlich" auf die Seite der Unterdrückten gestellt, so Nelson Mandelas Charakterisierung des „special fund". Das umschifft sie geschickt mit einem Dank an den damaligen Einsatz. Ein Blick in die Protokolle der Landessynode hätte ihr darüber hinaus gezeigt, dass auch die heute so gelobte Boykottaktion der Frauen lange Zeit von der Landessynode abgelehnt und erst als Alternative zum Sonderfonds von ihr entdeckt und dann auch finanziell bedacht wurde. Wenn Barbara Rudolph diese Dinge im Zusammenhang mit Mandelas zur Sprache bringt, darf sie nicht unerwähnt lassen, wie schwer sich auch die rheinische Kirche mit den Befreiungsbewegungen ANC und SWAPO getan hat und mit ihnen keine Gespräche geführt hat. Der Anstecker mit der Umschrift „Freiheit für Mandela" in ihrem Arbeitszimmer kann sie täglich erinnern, dass dies nicht das Leitmotiv ihrer Vorgänger gewesen ist. Und das darf doch gesagt werden.

Diese weltlichen und kirchlichen Kostproben zeigen ganz deutlich, dass Nelson Mandela nicht zerteilt werden kann in den Botschafter des Gewissens und der Hoffnung und den Präsidenten der Versöhnung auf der einen Seite und den Befreiungskämpfer und Aktiven der Befreiungsbewegung ANC auf der anderen Seite. Der eine ist ohne den anderen nicht zu haben, oder man hat ihn eben nur halb und damit gar nicht.

Essen, 13.12.2013 
(15 Jahre nach dem Besuch von Nelson Mandela auf der VV des ÖRK in Harare)

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