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Vollversammlung des ÖRK in Busan / Korea

Seit Vancouver 1983 ist Transparent bei den Vollversammlungen des ÖRK live vor Ort gewesen. In Busan 2013 fehlte Transparent. Umso intensiver wird das Geschehen im Internet verfolgt. Und das ist enttäuschend. Sowohl auf der Seite des ÖRK als auch bei den verschiedensten Seiten von deutschen Teilnehmerinnen erfährt man wenig Inhaltliches. Das ist bei dem folgenden Beitrag von Dr. Hans-Georg Link – ehemaliger Mitarbeiter des ÖRK und langjähriger Ökumene-Pfarrer in Köln – zum Glück anders. Mit dem Hintergrund seiner Genfer Jahre und den Erfahrungen auf den letzten Vollversammlungen zeichnet er ein frisches Bild von dem Treffen in Busan und dem Aufwind im ÖRK, dem die deutschen Kirchen große Aufmerksamkeit schenken sollten.
„Morgenluft" und „Aufbruch" sind seine Stichworte. Unter diesen Stichworten hätte der Hinweis auf die Wahl der neuen Vorsitzenden des Zentralausschusses auch noch einen Platz finden können. Die Wahl ist ein Novum in der Geschichte des ÖRK. Gewählt wurde eine Frau und zwar eine Frau aus Afrika: Dr. Agnes Abuom, 65 Jahre, Anglikanische Kirche von Kenia. Sie ist Beraterin für Entwicklungsfragen für kenianische und internationale Organisationen und erklärte, die prophetische Stimme sei entscheidend für die Ökumene im 21. Jahrhundert und für die Kirche in unserer heutigen Welt". Frau Abuom wird mit dem Generalsekretär des ÖRK das Ökumene –Schiff bis zur nächsten Vollversammlung in 7-8 Jahren steuern.

Morgenluft in Busan
oder:
Aufbruch zu einem neuen Pilgerweg

Theologische Aspekte der 10. Vollversammlung des Ökumenisches Rates der Kirchen

Hans-Georg Link

Als es am Freitag, dem 8. November, dem letzten Tag der Vollversammlung in Busan nach getaner Arbeit zu den abschließenden Dankesworten kam, begann Pfarrer Walter Altmann, der brasilianische Vorsitzende des Zentralausschusses, mit der Bemerkung: „Diese Vollversammlung ist ein Wunder des Heiligen Geistes und ein Zeugnis für die Gegenwart Jesu Christi in unserer Mitte." Ähnlich angetan äußerte sich auch Generalsekretär Olav Fykse Tveit: Es sei eine Versammlung mit reicher Vielfalt an Gebeten, Bibelgruppen, ökumenischen Gesprächen, Workshops und Plenarveranstaltungen gewesen, die die ökumenische Gemeinschaft (ecumenical fellowship) habe stärker werden lassen, als sie zuvor gewesen sei.

Der Leiter des koreanischen gastgebenden Komitees kämpfte sogar mit den Tränen, als er sich von der Versammlung verabschiedete. Dieser gute Geist war am letzten Tag noch einmal mit Händen zu greifen, als es während der Morgenandacht zum Thema „Fußspuren" auf einmal zu einer Fußwaschungsszene kam: Generalsekretär Tveit goss Wasser in eine Schale und wusch einem Farbigen die Füße, andere taten ebenfalls das Gleiche. Gegen Mittag überreichte der orthodoxe koreanische Metropolit Ambrosius dem koreanischen Kirchenrat als Zeichen seiner Verbundenheit eine große Pfingstikone. Und am Nachmittag predigte im Schlussgottesdienst der Anglikaner Michael Lapsley aus Kapstadt, dem 1990 eine Briefbombe beide Hände abgerissen und ein Auge zerstört hat, eine halbe Stunde lang so über den Osterweg nach Emmaus, dass man vom ersten bis zum letzten Wort die berühmte Stecknadel fallen hören konnte. Es gab immer wieder während der Versammlung solche ergreifenden spirituellen Momente. Sie war in der Tat eine betende Gemeinschaft.

 

I. Theologische Akzente

Was kann man zu den theologischen Akzenten sagen? Mindestens drei Schwerpunkte lassen sich klar benennen.

1. Die Erklärung zur Einheit

An erster Stelle steht die neue „Erklärung zur Einheit: Gottes Gabe und Ruf zur Einheit – und unser Engagement". Denn sie ist – außer der „Botschaft" - der einzige Text, der während der Tage in Busan dreimal im Plenum eingebracht, diskutiert, verändert und schließlich verabschiedet worden ist. Das ist schon ein Wunder für sich, einen solchen Text mit über 800 Delegierten im Plenum zu beraten und zu einem guten Abschluss zu bringen. Ganz wesentlich war das der kompetenten, umsichtigen und konstruktiven Leitung des bayerischen Bischofs Dr. Heinrich Bedford-Strohm zu verdanken. Er nannte das Papier in seiner Einführung einen „Spiegel der Versammlung", der zu einer „Quelle der Inspiration" für die Empfänger werden solle. Die Erklärung wird dann auch in Kürze von Genf mit einem Begleitschreiben an die Mitgliedskirchen des Ökumenisches Rates (ÖRK) versandt werden.

Sie hat vier Teile, die nach dem Muster: Sehen – Urteilen – Handeln aufgebaut sind: 1. Unsere Erfahrungen - Sehen, 2. Unsere auf die Bibel gegründete Vision – Perspektiven, 3. Gottes Ruf zur Einheit heute – Urteilen, 4. Unsere Zusage – Handeln. Neu ist, dass eine Erklärung zum Thema Einheit mit der Schöpfung beginnt: „Wir feiern das Leben der Schöpfung in seiner Vielfalt und danken dafür, dass sie gut ist" (Z. 1). Dank dieses umfassenden positiven Ansatzes kommen dann nicht nur kirchliche und menschliche, sondern auch ökologische Krisen zur Sprache: „Die Schöpfung wurde missbraucht (!) und wir sind mit Bedrohungen für das Gleichgewicht des Lebens, einer sich verschlimmernden ökologischen Krise und den Auswirkungen des Klimawandels konfrontiert" (Z. 2). Die „Vision" geht ebenfalls weit über den kirchlichen Horizont hinaus und orientiert sich an Jesu Reich Gottes Botschaft. In dieser Perspektive wird der Kirche ihre Berufung zugewiesen, „die Mission Christi fortzusetzen (2. Korinther 5, 18-20)...Wir beten und warten sehnsüchtig darauf, dass Gott die ganze Schöpfung erneuert (Römer 8, 19-21)" (Z. 7f). Diese Sicht wird von paulinischer Weite getragen.

Dementsprechend urteilt die Erklärung über Gottes Ruf zur Einheit heute, dass „die Kirche der Einheit der ganzen Schöpfung zu dienen (hat). Die Berufung der Kirche ist: ein Vorgeschmack auf die neue Schöpfung zu sein; der ganzen Welt ein prophetisches Zeichen für das Leben zu sein, das Gott für alle vorsieht..."(Z. 9). Dieser Ruf zur Einheit atmet freie Luft und lässt fromme wie klerikale Selbstbespiegelung hinter sich. Hier werden Gottes Gaben an die Kirche (u.a. Abendmahl, Vielfalt, konziliare Zusammenkünfte) und prophetische Zeichen (Geduld, gegenseitige Rechenschaftspflicht, wahrer Friede) ins Feld geführt, wie man sie lange nicht mehr bzw. so noch nie vernommen hat (Z. 10f). Die Kernthese der ganzen Erklärung ist so einfach wie umfassend: „Die Einheit der Kirche, die Einheit der menschlichen Gemeinschaft und die Einheit der ganzen Schöpfung gehören zusammen. Sie sind untrennbar (Hvg. von mir) miteinander verbunden" (Z. 13). Das achooristoos von Chalcedon 451 lässt grüßen.

Auch bei den Handlungsimpulsen besinnt sich die Erklärung auf altkirchliche Grundlagen und gewinnt dadurch Tiefgang. Sie beruft sich auf die „eine, heilige, katholische und apostolische Kirche" des Nizäno-Konstantinopolitanums von 381, zitiert die Verfassung des ÖRK, „einander (Hvg. von mir) zur sichtbaren Einheit in dem einen Glauben und der einen eucharistischen Gemeinschaft aufzurufen" und kann für die Kirche deshalb sagen: Wir öffnen uns, „um die Gaben der jeweils anderen Traditionen zu empfangen und ihnen unsere Gaben anzubieten" (Z. 16). Da ist sie: die Ökumene der Gaben, des Empfangens, der Rezeption und gegenseitigen Akzeptanz. Die Erklärung schließt mit einem Gebet um „eine Einheit, wie sie in der Lebens- und Liebesgemeinschaft des dreieinigen Gottes enthalten ist" (Z. 16).

Der neue Ansatz dieser Einheitserklärung bei der Schöpfung des dreieinigen Gottes führt einerseits zur einer Verortung der/aller Kirche/n im Dienst für Versöhnung und Erneuerung und andererseits zu einer Weite, die Gerechtigkeit, Frieden und die Heilung der Schöpfung miteinbezieht. Die Versammlung hat diese Erklärung nicht nur verabschiedet, sondern „bittet den ÖRK dringend, seine Mitgliedskirchen aufzufordern, auf die Vision und die anspruchsvollen Verpflichtungen in der Erklärung zur Einheit zu reagieren" (Weisungsausschuss für Grundsatzfragen, Beschlussfassung zur Erklärung zur Einheit).

2. Die Erklärung zu Mission und Evangelisation

Ein weiterer wichtiger theologischer Akzent der Vollversammlung in Busan ist die neue Erklärung zu Mission und Evangelisation: „Gemeinsam für das Leben. Mission und Evangelisation in sich wandelnden Kontexten." Dazu ist bei der 9. Vollversammlung 2006 in Porto Alegre der Auftrag erteilt worden und 30 Jahre, eine Generation nach der ersten Erklärung 1982 zu „Mission und Evangelisation" liegt nun angesichts von „sich wandelnden Kontexten" eine neue Erklärung vor. Sie ist bereits am 5. September 2012 vom Zentralausschuss in Kreta einstimmig angenommen worden. Deshalb wurde sie jetzt in Busan der ökumenischen Öffentlichkeit zwar vorgestellt, aber nur in zwei kleinen „ökumenischen Gesprächen" diskutiert und von den Delegierten nicht wie die Erklärung zur Einheit förmlich verabschiedet.

In der eindrucksvollen Vorstellung im Plenum stellt zunächst der katholische Theologe für Mission und Kultur, Prof. Stephans Bevans aus Chicago, den pneumatologischen Ansatz der gesamten Erklärung vor: „Geist ist die kommunikative Macht Gottes in der Schöpfung... Mission anerkennt, dass der Geist in Friedensbewegungen u.a. am Werk ist... Die manchmal gefährliche Arbeit bei interreligiösen Gesprächen kann mit der Macht des Geistes gelingen." Eine Pastorin der Kirche der Freien Pfingstmissionen in Chile erläuterte dann, wie Spiritualität sich im all-täglichen Zusammenleben verschiedener Kulturen und Religionen auswirkt. In ihrer seelsorgerlichen Arbeit ist es ihr um das „gute Leben in Fülle" zu tun, das in kleinen gemeinschaftlichen Gruppen Gestalt gewinnt und zu einer „Spiritualität der Heilung" beiträgt. Schließlich stellte der syrisch-orthodoxe Metropolit in Indien Mor Coorilos das Dokument mit vier erläuternden Leitsätzen vor: „1. Mission heißt, zum dreieinigen Gott zurückzukehren. 2. Mission heißt, sich dem Heiligen Geist zuzuwenden. 3. Mission heißt, sich Gott in seiner Schöpfung zuzuwenden. 4. Mission heißt, sich den Rändern der Gesellschaft zuzuwenden."

Damit hat er den Geist der Erklärung mit ihren vier Teilen ziemlich genau getroffen. Sie spricht 1. vom „Geist der Mission: Atem des Lebens", 2. vom „Geist der Befreiung: Mission von den Rändern her", 3. vom „Geist der Gemeinschaft: Kirche unterwegs" und 4. vom „Geist von Pfingsten: Gute Nachricht für alle". Abschließend formuliert die Erklärung unter der Überschrift „Fest des Lebens" 10 zusammenfassende Grundüberzeugungen. Zur Bekräftigung der Mission von den Rändern bzw. an den Rändern (margins) zeigte ein kurzer Videofilm die Arbeit der syrisch-orthodoxen Paulus-Mission unter den Dalits, den Unberührbaren in Indien.

Diese neue Erklärung setzt also nicht mehr christologisch, sondern pneumatologisch und trinitarisch ein: Die Missio Dei führt zur Sendung des Geistes, entäußert sich in Jesus Christus und bezieht die Kirche in das Wirken des Geistes ein. Fragen wurden dazu noch am selben Tag bei einer Pressekonferenz an Metropolit Mor Coorilos und die Moderatorin des Plenums Prof. Kirsten Kim aus Großbritannien gerichtet. Die wichtigste sprach das Verhältnis von traditioneller christlicher Mission und interreligiösem Dialog an. Frau Kim verwies dazu wieder auf das Wirken des Geistes, das über die Kirchen weit hinausreicht. Der alte, im Westen immer noch nicht befriedigend geklärte Filioque-Konflikt steht im Hintergrund. Metropolit Mor Coorilos erteilte vor allem der westlich arroganten Mission früherer Tage eine deutliche Absage: „Jesus Christus wirkt niemals durch Geld, sondern durch die, die seinen Fußstapfen als Brüder und Schwestern folgen. Gegenüber dem aggressiven Verhalten in der früheren Mission muss ein klarer Schnitt vollzogen werden."

Die neuen Schlüsselworte lauten: Mitleiden (compassion) und Teilnehmen (sharing). Dieser veränderte Zugang hat auch zu einer anderen Einstellung zu interreligiösen Begegnungen beigetragen. Sie hat sich bereits in einem historisch neuen Zusammenwirken von Päpstlichem Rat für den Interreligiösem Dialog, der Weltweiten Evangelischen Allianz und dem Ökumenischen Rat in einer öffentlichen Erklärung vom Juni 2011 zu Wort gemeldet: „Das christliche Zeugnis in einer multireligiösen Welt. Empfehlungen für einen Verhaltenskodex". Ohne hier auf Einzelheiten eingehen zu können, machen die beiden Erklärungen zu Mission und christlichem Zeugnis deutlich, dass der multireligiösen Welt unserer Tage eine Neubesinnung auf Wesen und Wirken des Heiligen Geistes angemessen entspricht: Veni Creator Spiritus.

3. Pilgerweg zu Gerechtigkeit und Frieden

Das dritte theologische Thema von Busan lautet: Pilgerweg zu Gerechtigkeit und Frieden. „Pilgerweg" (pilgrimage) ist auf der 10. Vollversammlung zu einem Zauberwort, beinahe schon zu einem Mantra geworden. Es begann gleich am ersten Tag mit dem Bericht von Generalsekretär Olav Fykse Tveit. Er spricht darin von der „Spiritualität der Pilgerreise" (Z. 84-86). Sie führt zu Orten, „an denen Gewalt, Unterdrückung und Diskriminierung herrscht, die Schöpfung missbraucht wird und spirituelle Trostlosigkeit waltet". Die Impulse des Generalsekretärs nehmen die Programmrichtlinien für die Arbeit des ÖRK in den nächsten 7 bis 8 Jahren auf. Sie stellen alle künftigen Programme unter das Generalthema: „Eine Pilgerreise der Gerechtigkeit und des Friedens" (Z.7): „Das Leben ist eine Pilgerreise, die zu einer verheißenen Bestimmung durch und mit Gott geführt wird" (Z. 8). Das Gebet des Vollversammlungsthemas „Gott des Lebens, weise uns den Weg zu Gerechtigkeit und Frieden" weist mit seiner Bitte um Gottes Leitung genau darauf hin, dass wir auf dem Weg, Pilger, also miteinander unterwegs sind. Diese gemeinsame Pilgerschaft zeigt sich darin, „dass wir unsere Verletzlichkeit gegenseitig schützen, einander Gastfreundschaft und Güte gewähren und aufeinander hören..."(Z. 9). Die Programmrichtlinien setzen sich für weitere theologische Arbeit an dem Thema ein (Z. 10), für verstärkte Beziehungsarbeit zwischen Programmen des ÖRK und seinen Mitgliedskirchen, für die Einbeziehung anderer wie die römisch-katholische Kirche, die Pfingstkirchen und die Christlichen Weltgemeinschaften und schließlich für einen strategischen Plan, der die verschiedenen Aspekte der Pilgerreise integriert und für „mehr systematische Zusammenarbeit" sorgt (Z. 22). Auf diese Weise sollen die drei künftigen Arbeitsbereiche des ÖRK ebenfalls enger miteinander verzahnt werden: Einheit und Mission, öffentliches Zeugnis und Diakonie sowie ökumenische „Bildung" (formation).

Unter dem Leitwort „Pilgerweg" bzw. „Pilgerreise" soll also die theologische Arbeit des Rates vertieft und seine verschiedenen Programme stärker miteinander vernetzt werden. Außerdem sollen die Beziehungen zu Mitgliedskirchen und anderen Kirchen und Zusammenschlüssen intensiviert werden. Schließlich sollen bisher unterrepräsentierte Gruppen am Rande einbezogen und das prophetisches Zeugnis des Rates in der Öffentlichkeit gestärkt werden. Damit das alles nicht neben- sondern miteinander geschieht, soll der nächsten Zentralausschuss-Tagung im Juli 2014 dazu ein „strategischer Plan" zur Beschlussfassung vorgelegt werden (Z. 26).

Dazu hat der mennonitische Theologe Fernando Enns aus Hamburg bzw. Amsterdam, der bereits 1998 in Harare die Friedensdekade und 2006 in Porto Alegre die Friedenskonvokation auf den Weg gebracht hat, den Vorschlag unterbreitet, sofort eine internationale Gruppe für die inhaltliche Ausarbeitung und methodische Ausgestaltung ins Leben zu rufen, um dem Leitwort der pilgrimage mehr Profil zu geben. Diese Anregung ist zwar nicht in die Programmrichtlinien aufgenommen worden, aber Generalsekretär Tveit hat öffentlich zugesagt, genau in dieser Richtung weiterzuarbeiten. Das ist in der Tat dringend erforderlich, wie auch ein schottischer Delegierter mit seiner lakonischen Frage deutlich machte: „On the pilgrimage, where are we going to? – Wohin gehen wir auf dem Pilgerweg?"

Schließlich greift auch die Botschaft der 10. Vollversammlung das Thema auf, schon mit der Überschrift: „Schließt euch unserer Pilgerreise der Gerechtigkeit und des Friedens an." Sie schlägt ebenfalls wie die Programmrichtlinien eine Brücke von der Losung zum Pilgerweg
(Z.1). Er soll eine „Reise der Verwandlung" werden, indem Gott uns zu Instrumenten des Friedens macht (Z. 2). Er schließt die Solidarität mit der gespaltenen koreanischen Halbinsel ebenso ein (Z. 3) wie die Fürsorge für Gottes Schöpfung (Z. 4). Er soll die Flamme der Hoffnung angesichts globaler Krisen weitertragen und auf die Stimme der an den Rand Gedrängten hören (Z. 5). Schließlich bekräftigt die Botschaft in ihrem letzten Absatz (Z. 6) die Einladung zur Teilnahme an dem Pilgerweg „mit verwandelnden Taten". Sie ist seelsorgerlich und warmherzig ausgesprochen.

Der Generalsekretär der Brüderkirche in den Vereinigten Staaten Stanley Noffsinger hat während des Plenums zum Thema „Frieden" einen wertvollen Hinweis zum Pilgerweg gegeben, als er sagte: „Denken Sie nicht, dass unsere neue Reise nur ein anderes Experiment im sozialen Umfeld ist; sie ist eine Bewegung zum Kreuz hin in radikaler Jüngerschaft." Daran beteiligen kann sich jede/r Christi/in, jede Gruppe, jede Gemeinde und jede Kirche – das ist die Herausforderung und zugleich die Chance der Leitidee des Pilgerweges.

II. Die erweiterte ökumenische Bewegung

Es gehörte zu den Besonderheiten von Busan, dass zu Beginn jeder Plenumsveranstaltung am Vormittag zwei bis drei Grußworte vorgetragen oder verlesen wurden. Insgesamt waren es an die zwanzig. Dabei ging es keineswegs um die Übermittlung freundlicher, aber letztlich wenig inhaltsreicher Grüße. Ganz im Gegenteil: Die meisten Grußredner überbrachten wichtige Botschaften und überzogen deshalb manchmal ihr zeitliches Limit erheblich.

1. Alte und neue Kirchen und geistliche Bewegungen

Natürlich begann die Reihe mit den Oberhäuptern der großen christlichen Kirchen. An erster Stelle wurde über Video die Botschaft des Ökumenischen Patriarchen von Konstantinopel Bartholomäus I. übertragen. Er ist so etwas wie der Schirmherr der ganzen ökumenischen Bewegung, die 1920 mit einer Einladung aus Konstantinopel zur Bildung einer „Liga der Kirchen" erste öffentliche Aufmerksamkeit gewonnen hatte. Unmittelbar nach Bartholomäus I. trug Kardinal Kurt Koch, der Leiter des Päpstlichen Rates für christliche Einheit, die Grußbotschaft von Papst Franziskus persönlich vor, untermalt durch Video-Aufnahmen des lachenden Pontifex. Er bekundet sein Interesse an und seine Fürbitte für die Versammlung und gibt zu erkennen, dass er sich eine noch größere Nähe vorstellen könne – eine kurze, pastorale, nach vorn gerichtete Adresse.

Äußerst bemerkenswert war der Auftritt des Erzbischofs von Canterbury Justin Welby, der ebenso wie Papst Franziskus erst seit März, also nur wenige Monate im Amt ist. Er ließ es sich nicht nehmen, an die Beiträge der Canterbury-Erzbischöfe seit der Gründung des Ökumenischen Rates 1948 zu erinnern, um dann sofort zur heutigen Lage zu kommen: „Mit dem Mangel an sichtbarer Einheit können wir uns nicht zufrieden geben." Er rief dazu auf, als „versöhnte Versöhner" (reconciled reconcilers) tätig zu werden. „Das Evangelium der Einheit, das wir verkündigen, darf nicht durch unsere Weise zu leben verleugnet werden." Mit ausdrücklichem Verweis auf Papst Franziskus fuhr er fort: „Wenn wir eine arme Kirche für die Armen mit Gerechtigkeit werden, beginnt die ganze Welt zu singen." Und er schloss mit dem Aufruf zu einer „frischen Verpflichtung, alles (!) für die Sache der Einheit zu opfern. Amen." Diese Botschaft hinterließ einen starken Eindruck!

Dem Erzbischof von Canterbury folgte zum ersten Mal in der Geschichte des ÖRK das Grußwort eines Vertreters der Pfingstkirchen, des Inders Dr. Prince Guneratnam. Er erwähnte 600 Millionen Mitglieder der weltweiten Pfingstkirchen und zeigte sich erfreut über das Globale Christliche Forum, in dem Pfingstkirchen, die römisch-katholische Kirche und andere zusammenwirken. Er erläuterte die neue Hinwendung der Pfingstkirchen zur ökumenischen Bewegung mit dem Jesuswort: „Wer nicht gegen uns ist, ist für uns." Generalsekretär Tveit bedankte sich für „diesen historischen Augenblick".

Am Ende der Vollversammlung kam auch noch der langjährige frühere Vorsitzende des Zentralausschusses, der armenische Katholikos von Cilicien im Libanon Aram I. (Keshishian) mit einer verlesenen Grußadresse zu Wort, in der er an die hundertjährige Wiederkehr des Gedenkens an den Völkermord an den Armeniern im Jahr 2015 erinnerte: „Betet für den Schutz des Lebens gegen seine Mörder."

Auch zwei hochrangige politische Vertreter bekundeten der ökumenischen Versammlung ihre Wertschätzung. Zu Beginn des zweiten Plenums erschien in Vertretung für die koreanische Präsidentin Park der Premierminister Hong Won Chung und erinnerte an die 60-jährige Leidensgeschichte des seit 1953 zerrissenen Landes. Er sprach sich nachdrücklich für Frieden „in diesem gespaltenen Korea" aus. Am 6. November begann das Plenum zum Thema Gerechtigkeit mit einem verlesenen Grußwort des Generalsekretärs der Vereinten Nationen Ban-Kee Moon. Es unterstreicht die Wertschätzung der Völkergemeinschaft für die Verständigungsarbeit der Nichtregierungsorganisisation (Non-Government Organisation, NGO) „Ökumenischer Rat der Kirchen". Solche politischen Grußadressen sind wichtig, weil sie die internationale Bedeutung der Assembly erhöhen.

In den Grußworten meldeten sich auch Vertreter weltweiter christlicher Gemeinschaften (Christian World Communions, CWC) zu Wort: altbekannte wie Bischof Younan der evangelisch-lutherischen Kirche in Jordanien für den Lutherischen Weltbund und ganz neue wie Dr. Thomas Schirrmacher aus Deutschland für die Weltweite Evangelische Allianz (WEA) von 1846 und ein jugendlicher Vertreter von vielleicht 30 Jahren für die Lausanner Bewegung. Darin wird deutlich, dass früher in konservativ und progressiv, evangelikal und liberal aufgeteilte Bewegungen inzwischen zueinander gefunden haben. Hier zeigen sich auch erste Früchte des Globalen Christlichen Forums, das 1998 vom damaligen Generalsekretär Konrad Raiser angeregt und von deutschen Delegierten damals nur mit spitzen Fingern behandelt wurde.

Auch die großen internationalen Kommunitäten traten in Erscheinung: Einige Taizé-Brüder luden am 31. Oktober zu einem Mittagsgebet in die Gottesdiensthalle ein, während der Reformationstag weder beim Morgen- noch beim Abendgebet auch nur mit einer Silbe erwähnt wurde. Ein Vertreter der Gemeinschaft St. Egidio in Rom trug ein eigenes Grußwort vor und von der Fokolare-Bewegung wurde eine schriftliche Adresse verlesen. MaW. auch die großen, meist katholisch geprägten Laienbewegungen nähern sich dem ÖRK mehr und mehr an.

Schließlich dürfen auch die Repräsentanten anderer Religionen nicht unter den Tisch fallen. Ein Rabbi sprach für den internationalen jüdisch-christlichen Dialog (IJCIC). Er machte am Beispiel von Jakob und Esau klar, wie Feinde zur Versöhnung finden können.. Die sechs Millionen Opfer der Schoa nannte er mit der ersten Vollversammlung in Amsterdam „eine Sünde gegen Gott und die Menschheit". Für seinen Vorschlag, einen palästinensischen Staat neben Israel zu errichten, sodass Menschen „ohne Angst Gottesdienst feiern können", erntete er tosenden Applaus. Er schloss seine Botschaft mit dem äußerst ungewöhlichen Wunsch: „Lasst uns unsere Welt für das Kommen von Gottes Reich vorbereiten, zusammen bis zu dem Tag, an dem Christus kommt. Amen."
Auch je ein Vertreter der Buddhisten und Muslime erhielt Gelegenheit zu einem Grußwort. Der Japaner Dr. Watanabi vertritt eine Friedensorganisation und der Muslim aus Indonesien betont den Abrahamitischen Glauben, dieselbe Wurzel für Juden, Christen und Moslems: „Jede Religion kommt von Gott für das Wohlergehen der Menschen."

Die lange Reihe der offiziellen Grußbotschaften hat unübersehbar deutlich werden lassen, dass und wie die ökumenische Bewegung an Weite, Tiefe und Gewicht zugenommen hat. Der ÖRK war und bleibt ihr Koordinationszentrum. Es scheint, dass Generalsekretär Tveit, Erzbischof Welby und Papst Franziskus als Repräsentanten ihrer weltweiten Gemeinschaften und auch persönlich näher zusammenrücken. Nach meinem Eindruck in Busan ist die ökumenische Talsole durchschritten; neuer Fahrtwind ist zu verspüren...

2. Die römisch-katholische Kirche in Busan

Wie war es in Busan um die Beziehungen zwischen Genf und Rom bestellt? Kardinal Koch nannte sie „ausgezeichnet". Davon war trotz der Papstbotschaft allerdings nicht allzu viel zu merken. Die 25-köpfige Delegation des Vatikans hatte den Status von Beobachtern (delegated observers), die im Plenum keine Rederecht haben. Dennoch wurde ihr bei früheren Vollversammlungen das Recht zu einem Auftritt im Plenum zugestanden. Warum ist das in Busan nicht geschehen? Der immerhin schon 9. Bericht der Gemeinsamen Arbeitsgruppe (Joint Working Group, JWG) zwischen Rom und Genf wird zwar in den Programmrichtlinien zusammen mit anderen Berichten der Vollversammlung zur Annahme „mit Wertschätzung" empfohlen (Z. 20), spielte aber in den Verhandlungen nicht die geringste Rolle.

So blieb es bei guten und wichtigen Einzelbeiträgen. Der schon erwähnte katholische Theologieprofessor aus Chicago Stephen Bevans hielt den Einführungsvortrag zur Missionserklärung; Bruder Richard aus Taizé leitete das kurze Mittagsgebet am Schluss des Plenums zur Einheit; der Franziskaner William Henn aus Rom hat die vier ökumenischen Gespräche zum neuen Konvergenzdokument der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung „Die Kirche. Auf dem Weg zu einer gemeinsamen Vision" hervorragend vorbereitet und gestaltet. Das Dokument wurde sonst in der Vollversammlung merkwürdigerweise kaum beachtet, nicht einmal im Plenum zum Thema „Einheit". Nicht zuletzt hat auch der Mitarbeiter im Paderborner Johann-Adam-Möhler-Institut, Dr. Johannes Oeldemann, einen inhaltlich guten und gut besuchten Workshop zu den bilateralen Dialogen auf Weltebene beigsteuert. Schließlich haben Mitglieder der katholischen Delegation am 5. November ein Abendgebet zum Thema „Einheit" gehalten, in dem das Magnificat gebetet, gesungen und von Koreanerinnen eindrucksvoll getanzt wurde. –

Abschließend möchte ich hier die Frage anschließen, ob nicht die Zeit gekommen ist, dass die römisch-katholische Kirche, die schon seit Jahr und Tag mit mehreren Mitarbeitern im ÖRK mitwirkt, in eine offizielle Beziehung zu ihm eintritt, zB. als befreundete oder assoziierte Kirche, die dann bei Vollversammlungen auch mehr Mitwirkungsrechte in Anspruch nehmen könnte.

3. Die orthodoxen Kirchen in Busan

Die orthodoxe Beteiligung war in Busan wesentlich ausgeprägter. Schließlich gehören so gut wie alle östlich- und orientalisch-orthodoxen Kirchen dem ÖRK als Mitglieder an. Sie haben zumindest zwei Schlüsselpositionen inne: Metropolit Gennadios (Limouris) von Sassima, mein früherer Kollege im Sekretariat von Glauben und Kirchenverfassung und heutiger „Außenminister" im Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel ist seit Porto Alegre 2006 einer der beiden stellvertretenden Leiter des Zentralausschusses und gerade in Busan vom neuen Zentralausschuss wiedergewählt worden. Zweitens ist der Leiter des äußerst wichtigen und einflussreichen Komitees für öffentliche Angelegenheiten, das die berühmten „öffentlichen Erklärungen" des ÖRK ausarbeitet, der orthodoxe Bischof Irinei von der Serbisch-orthodoxen Kirche in Australien.

Bei drei Bereichen der Vollversammlung waren die orthodoxen Delegierten besonders engagiert: Bei den Morgen- und Abendgebeten, die sie selber zu verantworten hatten. Der Katholikos aller Armenier in Edschmiadzin Karekin II. hielt im Eröffnungsgottesdienst sogar die Predigt. Sie stieß allerdings auf wenig Resonanz, weil er sie auf Armenisch vortrug und sie frag-würdige Thesen z.B. zur Familienthematik enthielt, statt das Thema der Vollversammlung auszulegen. Ähnliches tat zwei Tage später der russisch-orthodoxe „Außenminister" Metropolit Hilarion von Moskau, als er einen zum Unity-Statement vorgesehenen Beitrag für aggressive Töne u.a. gegenüber westlichen Ehevorstellungen missbrauchte. Andere orthodoxe Vertreter haben sich dafür umso intensiver mit dem Einheitsthema theologisch auseinandergesetzt, z.B. der Kairoer Metropolit Bishoy, während es immer wieder auffällt, wie wenig westliche und deutsche Delegierte zu dieser Hauptaufgabe des ÖRK beitragen. Schließlich haben sich orthodoxe Theologen beim Thema Naher Osten immer wieder vehement zu Wort gemeldet. Man spürte, dass hier der Nerv ihrer eigenen Existenz getroffen war.-

Vor 15 Jahren drohten im Vorfeld der 7. Vollversammlung in Harare 1998 einige orthodoxe Kirchen mit ihrem Austritt, falls der ÖRK seine Richtung nicht ändere. Große Teile der westlichen Presse gefielen sich damals darin, dem ÖRK das Totenglöckchen zu läuten. Es ist das bleibende Verdienst des damaligen Generalsekretärs Konrad Raiser, die Spannungen während der Harare-Versammlung gemeistert und eine Kommission angestoßen zu haben, die anschließend die orthodoxen Anliegen in Ruhe und Ausführlichkeit erörtern und in ihrem Abschlussbericht weitgehend klären konnte. Wenn man sich diese Turbulenzen vor 15 Jahren vergegenwärtigt, dann muss man es wiederum ein Wunder nennen, wie zahlreich, engagiert und großenteils kompetent Vertreter fast aller orthodoxen Kirchen heutzutage und besonders in Busan sich an der Arbeit des Ökumenischen Rates konstruktiv beteiligen.

III. Öffentliche Erklärungen

Es gehört von Anfang an zu den wichtigsten Aufgaben von Zentralausschuss und Vollversammlungen, zu brennenden Themen und politischen Ereignissen Stellung zu nehmen. Für Busan waren ursprünglich 4 Erklärungen vorgesehen. Unmittelbar vor Beginn der Versammlung gab der Exekutivausschuss 3 weitere in Auftrag. Als dann zu Beginn den Delegierten die Möglichkeit angeboten wurde, ihrerseits Vorschläge zu unterbreiten, gingen innerhalb von 24 Stunden 22 weitere Themenwünsche ein. Das Komitee für öffentliche Angelegenheiten nahm 4 davon auf und überwies die anderen 18 an den neuen Zentralausschuss zur Bearbeitung. Schließlich gelang es in letzter Minute unter deutscher Beteiligung, auch noch eine Stellungnahme (Minute) zum Klimawandel unterzubringen. So hatte es das Plenum insgesamt mit 12 zu verabschiedenden Erklärungen zu tun. Das Komitee unter Leitung des erwähnten orthodoxen Bischofs Irinei hat – man kann es nicht anders bezeichnen – in tagelanger Tag- und Nachtarbeit eine Meisterleistung vollbracht, diese 12 Erklärungen überhaupt zustande zu bringen. Es ist mehr als verständlich, dass Bischof Irinei auf diesem Erfahrungshintergrund vom Plenum die Empfehlung mit großer Mehrheit beschließen ließ, in Zukunft entsprechende Vorschläge erheblich früher vor Beginn von Zentralausschuss oder Vollversammlung einzureichen.

1. Erklärung über den Weg zum gerechten Frieden

Sie setzt sozusagen den Schlusspunkt hinter die Dekade zur Überwindung von Gewalt mit verschiedenen früheren Erklärungen. Die bisher wichtigste war: „Ein ökumenischer Aufruf zum gerechten Frieden", der im Februar 2011 vom Zentralausschuss entgegengenommen worden ist. Ihm ist im Mai 2011 eine Friedenskonvokation in Kingston/ Jamaika gefolgt, die auch eine „Botschaft" verabschiedet hat. Außerdem ist zum „Ökumenischer Aufruf" ein umfangreiches „Begleitdokument" veröffentlicht worden. Die Erklärung von Busan zum Thema nimmt alle diese Dokumente auf und führt sie unter vier Gesichtspunkten weiter:

„Für gerechten Frieden in der Gemeinschaft – auf dass alle ohne Angst leben können;
Für einen gerechten Frieden mit der Erde – auf dass Leben erhalten wird;
Für einen gerechten Frieden auf dem Markt – auf dass alle in Würde leben können;
Gerechter Friede unter den Völkern – auf dass menschliches Leben geschützt wird."

In den Empfehlungen wird der ÖRK u.a. aufgefordert, „im Rahmen des Modells einer ´Ökonomie des Lebens´ Kriterien für das gerechte Teilen von Ressourcen und die Verhinderung struktureller Gewalt zu entwickeln". Die Regierungen werden mit der bemerkenswerten Forderung konfrontiert, „eine Umverteilung der nationalen Rüstungsbudgets zum Beispiel für humanitäre und Entwicklungshilfe, Konfliktprävention und zivile Friedensinitiativen zu veranlassen".

Bei der kurzen Plenumsdiskussion wurde dann nur noch dem ersten Abschnitt „Gemeinsam glauben wir" von einem orthodoxen Delegierten ein paulinisches und petrinisches Stützkorsett eingezogen, u.a. mit 2. Petrus 3,13 zu einem neuen Himmel und einer neuen Erde, „in denen Gerechtigkeit wohnt". Es ist nun wieder ein guter Text zum „gerechten Frieden" verabschiedet worden. Er hat aber in Busan bei weitem nicht die sachliche und zeitliche Aufmerksamkeit erhalten, die man nach der Dekade zur Überwindung von Gewalt und der Friedenskonvokation in Kingston vor allem im deutschsprachigen Raum erwartet hatte und hatte erwarten dürfen.

2. Erklärung über Frieden und Wiedervereinigung auf der koreanischen Halbinsel

Zu Beginn der Verhandlungen über diese Erklärung richtete Generalsekretär Tveit Grüße vom nordkoreanischen Christenbund aus, der sich dazu entschlossen hatte, an der Versammlung in Busan nicht teilzunehmen. Das wirft ein bezeichnendes Licht auf die nach 60 Jahren immer noch notvolle Lage in den labilen Beziehungen zwischen Nord- und Südkorea.

Die Erklärung zeichnet den Konflikt zwischen den beiden Seiten seit dem Koreakrieg (1950-1953) nach und versichert die unter der Spaltung nach wie vor leidenden Menschen der weltweiten christlichen Solidarität. Ihr Ziel ist es, dazu beizutragen, das Waffenstillstandsabkommen (armistice agreement) vom 27. Juli 1953 durch einen offiziellen Friedensvertrag zu ersetzen. Sie setzt sich in den Empfehlungen für militärische Zurückhaltung der Nachbarstaaten Russland, China und Japan ein. Es wird im Text auch die gewaltige Waffenkonzentration in Nordostasien angesprochen, die einen neuen kalten und womöglich sogar heißen Krieg begünstigt.

Andere Empfehlungen sind erfreulich konkret formuliert: Der Sonntag vor dem 15. August, dem koreanischen Unabhängigkeitstag, soll als „Sonntag des Gebets für eine friedliche Wiedervereinigung der koreanischen Halbinsel" begangen werden. Schon 2014 soll ein erster Solidaritätsbesuch bei den Kirchen in Nord- und Südkorea gemacht werden: 30 Jahre nach der „historischen internationalen Konsultation von Tozanso" 1984, wo erstmals ein „runder Tisch" zur Wiedervereinigung Koreas ermöglicht wurde. Weitere Initiativen für Begegnungen zwischen Kirchen und Christen aus Nord- und Südkorea sollen in die Wege geleitet werden. „Ein historisch symbolträchtiger Zeitpunkt für derartige Initiativen könnte im Jahr 2015 der 70. Jahrestag der Befreiung Koreas sein."

Wieder war es der mennonitische Theologe Fernando Enns, der einen weiteren Vorschlag für eine Empfehlung einbrachte, sich der rund 700 Kriegsdienstverweigerer anzunehmen, die in südkoreanischen Gefängnissen sitzen. Er wurde nach Rücksprache mit südkoreanischen Delegierten jedoch nicht als Empfehlung aufgenommen. Schließlich wurde diese wichtige Erklärung nach erheblichen Verwirrungen in der Handhabung des Konsensverfahrens – erst: Konsens, dann:Mehrheit, dann wieder: Konsens – trotz ca. 15 ablehnender blauer Karten „mit Konsens" angenommen.

3. Erklärung über die Bekräftigung der christlichen Präsenz und des christlichen Zeugnisses im Nahen Osten

Bei der Diskussion über diese Erklärung am letzten Vormittag der Vollversammlung schlug die Stunde der orthodoxen Delegierten aus dem Nahen Osten. Die Emotionen gingen hoch und waren kaum zu bändigen. Man spürte, welch starkem Druck von Seiten Israels, aber auch der Kämpfe in Syrien, Irak und Ägypten die Christen im Nahen Osten ausgesetzt sind.

Die Erklärung geht von der „humanitären Katastrophe" aus, die alle dort Lebenden in Mitleidenschaft zieht. Sie greift das „Kairos-Palästina-Dokument: Stunde der Wahrheit" aus dem Jahr 2009 auf, „als palästinensische Christen zusammen eine gemeinsame Auslegung der Situation vornahmen und die Kirchen zu prophetischem Handeln aufriefen". Sie beteuert: „Christliche Kirchen (sind) voller Leben", um sofort anschließend die Christen aufzurufen, „sich inmitten regionaler Unruhen für Gerechtigkeit und Frieden einzusetzen", und zwar in Ägypten, im Irak, im Iran und natürlich im Israel-Palästina-Konflikt. Abschließend beschwört die Erklärung das „Gebot des Evangeliums zu kostbarer ökumenischer Solidarität".

Das konkretisieren dann wieder die Empfehlungen, auf die sich die Diskussion im Plenum aus Zeitgründen beschränken musste. Es geht dabei um christliche Solidaritätsbesuche in der Region, um Austauschprogramme, besonders auch um humanitäre Hilfe für die vom Bürgerkrieg zerrissenen Menschen in Syrien. Die Vereinten Nationen werden gebeten, militärische Einsätze nach Möglichkeit zu unterbinden. Am umkämpftesten ist die Jerusalem-Empfehlung: die Vereinten Nationen sollen den Schutz der heiligen Stätten gewährleisten und ihren freien Zugang ermöglichen. Zusätzlich wird ein Ende der israelischen Besatzung und die Lösung des palästinensischen Flüchtlingsproblems angemahnt. Ein Beitrag geht im Eifer des Gefechtes so weit, Jerusalem als Ort der nächsten Vollversammlung des ÖRK vorzuschlagen. Generalsekretär Tveit spricht in seiner gewohnt schnellen Antwort von einem „guten Vorschlag", der aber erst in der Mitte der kommenden Zentralausschuss-Periode zur Entscheidung anstehe. Die letzte Empfehlung fordert die sofortige Freilassung der beiden seit über sieben Monaten gefangen gehaltenen griechisch- und syrisch-orthodoxen Erzbischöfe von Aleppo in Syrien. Aus der Diskussion darüber wird der Vorschlag aufgenommen, auch den katholischen Jesuitenpater Paulo Dall´oglio (?) einzubeziehen, der vor drei Monaten verschleppt wurde und von dem niemand weiß, ob er noch am Leben ist oder nicht. Das Schlussgebet am Ende der Erklärung mündet in die „Hoffnung, dass eines baldigen Tages jeder unter dem eigenen Weinstock und Feigenbaum wohnen möge in Frieden und Freude."-

Unter den 9 weiteren Erklärungen, die größtenteils am letzten Tag aus Zeitgründen ohne Aussprache abgesegnet werden mussten, befinden sich Äußerungen zum hundertjährigen Gedenken an den Völkermord an den Armeniern 2015, zu den Rechten religiöser Minderheiten, den Menschenrechten Staatenloser (Migranten), zur Situation im Osten des Kongo, im Südsudan, zu indigenen Völkern und zur Klimagerechtigkeit. Einzig die „Erklärung über den Weg hin zu einer atomfreien Welt" wurde nicht verabschiedet, sondern dem neuen Zentralausschuss zur weiteren Beratung überwiesen. Deutsche und britische Delegierte konnten sich hier nicht auf ein gemeinsames Vorgehen verständigen: die deutsche Seite plädierte entschieden dafür, die britische ebenso strikt dagegen. Aber auch so haben die Delegierten der 10. Vollversammlung mit der Verabschiedung von 11 wichtigen öffentlichen Erklärungen nicht nur ein enormes Arbeitspensum am letzten Tag hinter sich gebracht, sondern vor allem den verhandelten Themen und den meist dahinter und darunter leidenden Menschen einen großen Dienst ökumenischer Anteilnahme und Solidarität erwiesen. Der Ökumenische Rat hat mindestens teilweise seine prophetische Stimme wiedergefunden. –

Zusammenfassend kann man sagen, dass Busan eine kurze, intensive, gut organisierte Vollversammlung mit einem guten Geist bei allen Beteiligten gewesen ist. Da ich hier einen ersten und keinen abschließenden Bericht gebe, verzichte ich auf auch vorhandene, kritisch zu würdigende Aspekte wie die schier unübersehbare Fülle an Dokumenten und Beschlüssen, die Morgenandachten in der Gottesdiensthalle oder die Proteste gegen die Versammlung draußen vor der Tür. Für Generalsekretär Olav Fykse Tveit , der erst wenige Jahre in diesem Amt ist, war es die Feuerprobe. Er hat sie sehr versiert, immer präsent, mit routinierter Leitung und positiven konstruktiven Plenumsinterventionen bei schwierigen Anfragen hinter sich gebracht. Nur inhaltlich ist er zurückhaltend und blass geblieben. Als ich ihn in der abschließenden Pressekonferenz nach spezifischen Akzenten der Vollversammlung fragte, gab er zur Antwort: „Die Frage, wie wir der Welt gemeinsam antworten, haben wir in christlicher Gemeinschaft (fellowship) beantwortet." Überzeugender fand ich seine Auskunft dazu, wie er die Vollversammlung insgesamt bewertet: „Wie kann man eine bessere als diese veranstalten?" Er habe keine negativen Kommentare gehört, vielmehr seien Programm und Organisation gut aufgenommen worden. Er sprach auch von neuer Kraft und Begeisterung, von inspirierender Spiritualität und überwältigender koreanischer Gastfreundschaft. Das neue Konzept des Pilgerwegs sei eine Antwort auf die Frage, wie wir unseren Glauben gemeinsam zum Ausdruck bringen.

Trotz finanzieller und personeller Einschnitte geht der ÖRK zweifellos gestärkt aus seiner 10. Vollversammlung hervor. Wenn nach greifbaren Ergebnissen von Busan gefragt wird, kann man getrost auf die Erklärung zur Einheit verweisen, auf das Konzept des Pilgerweges sowie auf manche der 11 öffentlichen Erklärungen. Mit welchen Ausblicken kehren die Teilnehmenden aus Busan zurück? Der neue Zentralausschuss wird sich im Juli 2014 in Genf zusammensetzen, um einen „strategischen Plan" zur Umsetzung des Pilgerweg-Konzepts zu entwickeln. Die Kommission für Glauben und Kirchenverfassung wird möglicherweise im Jahr 2017 eine weitere, dann 6. Weltkonferenz zum Thema „Erneuerung" (renewal) einberufen, wie Generalsekretär Tveit in seinem Bericht vor der Vollversammlung überraschend ausführte: das wäre „ein bedeutender Schritt auf dem Weg, 500 Jahre Reformation zu gewichten" (Z. 91). Die nächste Vollversammlung in 7 oder 8 Jahren könnte nach dem Plenumsvorschlag am letzten Tag in Jerusalem stattfinden oder, wie Erzbischof Welby in seiner Pressekonferenz auf meine Frage heiter und das Auditorium erheiternd sagte, in England, „dem besten möglichen Ort". Man darf auf die Entscheidung des Zentralausschusses in einigen Jahren gespannt sein.

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