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Gerhard Dilschneider

Beobachtungen zu Stellungnahmen deutscher Kirchen und Institutionen zum Kairos-Palästina Dokument

vorgetragen beim Treffen der Geschwister der Basler Mission am 22.9.2011, Stuttgart

 

Thesen zur Diskussion

1. Das Kairos-Papier steht in der befreiungstheologischen Tradition

Die Missionsgesellschaften haben die frohe Botschaft von Europa nach Übersee getragen. Diese Botschaft schlug in einem bestimmten realen Kontext erfreuliche Wurzeln und durch den Prozess des Heimischwerdens des Evangeliums fingen Christinnen und Christen an, die gute Botschaft zu leben. Prominente Beispiele solcher Prozesse sind die lateinamerikanische Befreiungstheologie, die Black Theology, insbesonders in Südafrika und die Minjung-Theologie in Korea. Wichtig in all diesen von Christen formulierten und gelebten (und auch erlittenen) Glaubensaussagen war die enge Verknüpfung von Leben und Glauben in einem konkreten politischen, wirtschaftlichen und sozialen Kontext oftmals auf dem Hintergrund kolonialer Erfahrungen.

Durch diese Glaubensaussagen wurden wir verunsichert, weil unsere westlich abendländische Theologie und das damit zusammenhängende Bibelverständnis, also die eigenen theologischen Traditionen und daraus abgeleiteten Erkenntnisse durch diese Anfragen in Frage gestellt wurden. Stellungnahmen dieser Christen und Kirchen – wie das Kairos Papier aus Südafrika 1985, in deren Tradition sich das palästinensische Papier sieht – enthalten immer beides, theologische und politische Argumente. Deshalb geht der Vorwurf, das Kairos-Papier der Palästinenser sei eine politische Botschaft an der Intention der Autoren vorbei. Für die Autoren gehört beides zusammen, die biblisch-theologischen Glaubensbekenntnisse bzw. Erkenntnisse und die politische Dimension.

Nur in unserem westlich-abendländischen theologischen Denken haben wir diese Ebenen getrennt.

Das Kairos-Palästina Papier steht also in dieser Tradition und folgt den befreiungstheologischen Schritten: „sehen“ (die Realität), „urteilen“ (prüfen an den Maßstäben Glaube, Liebe Hoffnung) und „handeln“ (was zu tun ist). Der Text ist nach langer Zeit des Schweigens ein christlicher Beitrag, in dem die Autoren eine eigene Initiative anbieten und die jüdisch-muslimische Monopolisierung des Konflikts durchbrechen. Der Text ist – nach Aussagen der Initiatoren – „ein existenzielles Dokument ihres Glaubens und ihrer Hoffnung“, welches aus einer hoffnungslosen Situation heraus eine große Bewegung angestoßen hat. Gerade für die jüngeren Palästinenser bietet der Aufruf eine neue Hoffnung.

Der Vorwurf, „es handle sich hier nicht um ein offizielles kirchliches Dokument“, (Volkmann) ist nicht haltbar. Das Dokument wurde in jahrelanger Arbeit von Persönlichkeiten aus verschiedensten Kirchen, Konfessionen und Traditionen formuliert. Zwar hat keine Synode, keine Kirchenkonferenz das Papier unterschrieben. Das hindert die Autoren jedoch nicht daran, sich theologisch legitim als Kirche Christi mit einem Anspruch auf ökumenische Solidarität zu verstehen. Hier sei daran erinnert, dass nach evangelischer Lehre die Verbindlichkeit eines geistlichen Wortes, das sogar den Rang eines Bekenntnisses erlangen kann, an der Rezeption durch die weltweiten Kirchen hängt, nicht aber an irgendeiner formalen hierarchischen Autorisierung. Kirche in allen ihren Sozialgestalten wird sich zu diesem Aufruf verhalten müssen – um des Gewichtes seiner Argumente und des Leidens der Menschen willen, für die die Verfasser ihre Stimme erheben.

Es sollte unabdingbar zu unserem ökumenischen Selbstverständnis gehören, die Botschaft von Geschwistern („den Gliedern am Leibe Christi“) aus anderen Kontexten erst einmal ernst zu nehmen, wirklich zu hören, was sie beschäftigt und was sie zu sagen haben, zu verstehen, warum sie so reden und aus einer Haltung der Empathie und geschwisterlichen Solidarität heraus auf ihre Argumente - durchaus auch kritisch – einzugehen und daraus miteinander zu lernen, auch für unseren Kontext.

2. Einseitige Positionierung

Das Kairos-Palästina Papier beschreibt die Situation der palästinensischen Bevölkerung und der Christinnen und Christen und fragt nach unserer Solidarität und unserer Position zu den aufgeworfenen Fragen. Jede Antwort von deutscher kirchlicher Seite, die mir bisher bekannt geworden ist, beschreibt und beschäftigt sich erst einmal mit der Verbundenheit der Christen und Kirchen mit dem Judentum, „bezeugt Gottes bleibende Erwählung Israels“, unsere Schuldverstrickung mit dem Holocaust und bekräftigt unsere uneingeschränkte Solidarität zu Israel („...als mit dem Volk Israel verbundene Kirche...“). Von dieser als selbstverständlich angenommenen Position aus wird alles andere in dem Papier beurteilt und abgehandelt. Wahrgenommen wird zwar die Klage der Palästinenser und ihrer Lebensumstände („...den Schrei der Hoffnung wahrzunehmen ist Eines...“ (Baden), aber „die historischen Zusammenhänge und die Realität zu analysieren und zu deuten ist ein Anderes...“ (Baden), d.h. die Kritik an den dargelegten Tatsachen, zu einzelnen Punkten und Vorschlägen, die an diesem Papier geübt wird, geht ausschließlich an die Adresse der Palästinenser und „ sie dramatisieren die Verhältnisse...“ (DIG). Besserwisserische Belehrungen und paternalistische Untertöne (wie in der EMOK-Stellungnahme) sind keine Seltenheit. Dass der Zionismus und seit 1948 der Staat Israel als die stärkste Militär- und Besatzungsmacht im Nahen Osten und damit die stärkste Konfliktpartei ein gerütteltes Maß und einen Löwenanteil an Verantwortung in diesem asymmetrischen Konflikt trägt und damit für seine politischen Handlungen und Strategien verantwortlich und rechenschaftspflichtig gemacht werden muss, wird in keiner Stellungnahme von deutscher Seite erwähnt. Ich behaupte deshalb, dass unsere historische Schuldverstrickung und die christlich-jüdischen Wurzeln keine kritische Distanz und faire Beurteilung des Konfliktes zulassen.

3. Zwei Narrative

In den kirchlichen Äußerungen zum Kairos-Papier wird Stellung genommen zu historischen und politischen Prozessen und Vorgängen des Konfliktes, weil sie von den Autoren angesprochen werden, als da sind:

  • die Besatzung des Westjordanlandes, des Gazastreifen, der Golanhöhen, sowie der Siedlungsbau;
  • die Zweistaatenlösung;
  • der Boykottaufruf;
  • das Flüchtlingsproblem;
  • das Gewaltproblem;
  • die Nakba
  • Israel als demokratischer Staat;
  • Zionismus und Rassismus und Apartheid-Staat.

Zwischen beiden Konfliktparteien – Israelis und Palästinensern - gibt es zu all diesen Stichworten zwei 'Narrative', zwei Geschichten, Wahrnehmungen, Darstellungen und zwei Betrachtungsweisen, die oftmals so unterschiedlich in der Darlegung, der Interpretation der Fakten und ihrer Bewertung sind, dass man sich fragt, ob man vom gleichen Ereignis redet. Jede Seite beschreibt die historischen Entwicklungen und gegenwärtige Prozesse aus eigener Sicht und versucht mit jeweils ihrem 'Narrativ' ihr Recht auf Existenz und die damit zusammenhängenden Bedingungen und Umstände abzuleiten und damit das Recht auf Existenz der Gegenseite abzusprechen. Damit werden unüberbrückbar scheinende Gegensätze aufgebaut, die jeden Versuch einer politischen Lösung in Frage stellen.

Beispiele: (I.=Israelis – P.=Palästinenser)

  • Flüchtlinge: I. „die palästinensischen Flüchtlinge sind 1947/48 freiwillig oder auf Grund des Befehls arabischer Kommandeure gegangen“ – P. „die Flüchtlinge waren Opfer einer wohl durchdachten Kampagne der ethnischen Säuberung“;
  • Besatzung: I. „es gibt keine Besatzung der Westbank, des Gazastreifens und der Golan Höhen, es handelt sich um umstrittene Gebiete“ – P. „Israels Besatzung enthält Elemente von Kolonialismus, von Apartheid und von Besatzung, Landraub (Annexionen, Siedlungsbau) und verstößt damit gegen das Völkerrecht und UN-Resolutionen“;
  • Siedlungsbau: I. „die Siedlungen dienen der Sicherheit“ – P. „sie dienen der Kontrolle, der 'Judaisierung' und sind dazu da, einen lebensfähigen Staat zu verhindern“;

Die Aufzählung der Argumente könnte unendlich fortgesetzt werden.

 

In den deutschen kirchlichen Stellungnahmen zu den erwähnten Stichworten und der daraus abgeleiteten Kritik werden in der Regel die israelischen Informationen und Position ungeprüft übernommen.

Kaum je wird der Versuch gemacht, die historische und aktuelle Betrachtungsweise der Palästinenser zu dem Konflikt in die Argumentation mit einzubeziehen. Durch diese einseitige Positionierung wird unterschwellig von vornherein Partei für eine - die israelische Version - genommen und die palästinensische Seite, wenn überhaupt erwähnt, in ihrem Anliegen nicht ernst genommen, in Zweifel gezogen, ja abgewertet.

4. Verwirrung der Begriffe

Es gibt gerade in kirchlichen Kreisen eine Vermischung, ja Verwirrung, wenn es um die Beurteilung und Bewertung des Konfliktes und damit um eine Stellungnahme zum Kairos-Palästina Papier geht. Immer wieder trifft man in den kirchlichen deutschen Stellungnahmen auf die Begriffe: „Israel das Heilige Land“, „das Land Gottes wird zum Erbe Israels“,„das jüdische Land“, „das Land der Verheißung“, „die bleibende Erwählung Israels und die Bundestreue Gottes mit dem gelobten Land als elementarem Bestandteil der Bundesschlüsse“ und „Bund und Land gehören zusammen“. Diese Aussagen werden als zentrale, die Mitte des Evangeliums betreffende, Aussagen, bewertet. (Volkmann). So glaubt die Rheinische Synode, in der Errichtung des Staates Israel „ein Zeichen der Treue Gottes gegenüber seinem Volk“ zu sehen. Auch die Kairos Palästina Dokument benutzt diese Terminologie, indem von „Gottes Land. Es ist heilig, weil Gott darin gegenwärtig ist...“ gesprochen wird. Dieses „schwebend-unbestimmte Nebeneinander von theologischen Sätzen und politischer Realität“ (Wille) und dem daraus abgeleitete Ansatz gespeist aus der Tradition der Glaubens-geschichten verschiebt den Konflikt auf eine irrationale metaphysische Ebene, verschleiert die Problematik und verhindert eine Lösung des Konfliktes, denn in der Konsequenz findet eine Vermischung von Glaube und Politik statt.

„Mitten in einem territorialen Konflikt wird mit religiösen Texten argumentiert, um Legitimitätsansprüche zu begründen. Eine solche Verabsolutierung biblischer Sätze und damit deren politische Instrumentalisierung jenseits jeglicher historischer und theologischer Analysen der Kontexte...verunmöglichen jeglichen politisch-rationalen Diskurs....Denn aus den biblischen Landverheißungen können keine politischen Aussagen abgeleitet werden.“ (Bollag).

In der Diskussion um das Kairos – Papier kommt es entscheidend darauf an, eine Vermischung bzw. Überlagerung beider Betrachtungsweisen strikt zu vermeiden. Staaten, wie auch der Staat Israel, sind  „partikulare Machtgebilde und menschliche Institutionen“. Israel als jüdischer Staat ist eben ein Staat, „der seine jüdische Existenz mit staatlicher Gewalt nach innen und nach außen sichern will. Der Glaube an Gott kann nicht durch staatliche Gewalt gesichert werden.... Als Staat soll Israel, wie die anderen Staaten sein“ - und wie ein künftiger palästinensischer Staat auch - „demokratisch und säkular.“ (Vollmer).

In der ganzen Diskussion um das Kairo Papier müssen wir anerkennen, dass es zentral um einen  primär politischen Konflikt geht, der im Referenzrahmen allgemeinverbindlicher völker- und menschenrechtlicher Grundsätze gelöst werden muss, deren Akzeptanz über alle religiösen Grenzen hinweg einzufordern ist. Nur auf dieser Basis kann eine Lösung am Ende den Sorgen beider Völker um Gerechtigkeit, Sicherheit und Frieden Rechnung getragen werden. (Versöhnungsbund).

Desmond Tutu sagte einmal: „Wenn du dich in ungerechten Situationen neutral verhältst, hast du die Seite der Unterdrücker gewählt“.

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  • Jochen Vollmer „Israel-Palästina Konflikt und die Befreiung der Theologie vom Nationalgott Jahwe zum Herrn der Welt aller Völkerrecht“ Deutsches Pfarrerblatt 8/21011
  • Michael Volkmann „Stellungnahme des Pfarrers für das Gespräch zwischen Christen und Juden in der Evangelischen Landeskirche Württemberg zum Kairos Palästina Papier“ vom 25.6.2010
  • „Kairos – Zeit für Frieden in Israel und Palästina – ein geschwisterliche kritischer Brief  aus der Badischen Landeskirche“ vom 21.10.2010
  • Erklärung des EMOK-Exekutivausschusses zum Kairos Palästina Dokument vom 22.4.2010
  • Wilhelm Wille „Israel und Palästina – Anfragen an unsere Theologie“ in Forum Friedensethik in der Evangelischen Landeskirche Baden, 9/2011
  • Michel Bollag „Landverheißung“ in Junge Kirche 2/2011
  • Jeff Halper, Jimmy Johnson, Emily Schaeffer „Der israelisch-palästinensische Konflikt“, Internationaler Versöhnungsbund, 2010

 

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Gerhard Dilschneider
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