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Christian Nürnberger: Jesus für Zweifler

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Christian Nürnberger: Jesus für Zweifler

Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2007, 272 Seiten, ISBN 978-3-579-06967-8


Christian Nürnberger: Das Christentum – Was man wirklich wissen muss

Rowohlt Verlag, Berlin 2007, 303 Seiten, ISBN 978-3-87134-570-8


Christian Nürnberger – Journalist und protestantischer Freibeuter – ist langjährigen Transparent-LeserInnen nicht ganz unbekannt. In Heft Nr. 54 (Juli 1999) war seine Kritik aus der SZ nachgedruckt: „Der Groove aus der Gruft – Wenn es Gott gibt, dann schwänzt er den Kirchentag“. Es hatte damals Proteste gegeben. In Heft Nr. 61 (April 2001) wurde sein Buch „Kirche, wo bist du?“ vorgestellt, ein scharfsinniges, wortgewaltiges Pamphlet, bis zum Rand voll Kritik an den damaligen real existierenden Kirchen in Deutschland. Weil sich auf diesem Feld trotz aller Zukunftskongresse, Profilschärfungen, Leitbilder und Leuchtfeuer bis heute nicht viel geändert hat, ist dieses Werk noch immer lesens- und beherzigenswert!

In diesem Herbst sind zwei neue Bücher von Christian Nürnberger erschienen, in zwei verschiedenen Verlagen. Sie enthalten hier und da längere wort- bzw. gedankengleiche Passagen. „Jesus für Zweifler“ gedachte ich eigentlich meiner Jesus von Nazareth-Literatur hinzuzufügen. Schon bald aber merkte ich, dass ich es hier mit einer ganz anderen Art von Buch zu tun habe. Nämlich mit einer offenherzigen Glaubens- und Unglaubens-Autobiographie. Der Autor hätte dafür auch den Titel wählen können: „Christian Nürnberger – Vom fränkischen Evangelikalen zum fröhlichen Agnostiker – und darüber hinaus“.

Christian Nürnberger schreibt flott und eingängig, deutlich und direkt. Er konfrontiert uns mit sich und der Geschichte seiner eigenen Glaubensfragen, -erkenntnisse und -aporien – und wie er derzeit „atheistisch“ an Gott glauben möchte. Das biblische Exodus-Programm, die prophetische Kritik und die jesuanische Utopie leuchten ihm jetzt noch mehr ein als früher: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, Wohlstand für alle, es darf keine Armen geben, keine Herrschaft über Menschen, keine Ausbeutung, keine Unterdrückung“ ( „Jesus …“ S. 240 – und öfter, auch in „Christentum …“). Er propagiert er in nichtreligiöser Sprache – Dietrich Bonhoeffer fühlte sich, wenigstens teilweise, verstanden – die Arbeit für die irdische Realisierung der Utopie des Reiches Gottes als Lösung. („Christentum …“ S. 20)

Kinderglaube, unbeantwortbare Fragen, Agnostizismus

Zunächst erzählt er voller Begeisterung und mit großer Achtung für die Erwachsenen, mit denen er damals zu tun hatte, von seiner pietistischen Sozialisation in einem fränkischen Bauerndorf, von seinem Engagement in der Kirchengemeinde und von aufkeimenden Zweifeln, von seinem Theologiestudium und von der Befreiung, die er durch das Entmythologisierungsprogramm Rudolf Bultmanns erfuhr. Aber schon damals ließ er sich seinen gesunden Menschenverstand und großen Realitätssinn nicht durch theologische Quisquilien und das entsprechende Fachchinesisch durcheinanderbringen. Sein unablässig bohrendes Fragen nach der Realität Gottes wurde ihm von den Fachtheologen nicht zufriedenstellend beantwortet. Was aber bleibt dann noch für eine gläubige und zweifelnde Existenz übrig, wenn die biblischen Mythen historisch-kritisch zerbröselt werden? Nichts Festes – jedenfalls für den damaligen Theologiestudenten. So bricht der junge Mann sein Studium ab und wird Journalist. Er hat erkannt: Gottes Realität ist nicht zu beweisen – aber das Gegenteil, dass Gott nicht existiert, gleichfalls nicht. Die nächsten zwei Jahrzehnte versteht er sich zumeist als Agnostiker.

Dann hat er bei einer Wanderung mit seiner Familie im Rheingau ein höchst produktives Aha-Erlebnis. Er bezieht sich in beiden Büchern darauf. („Jesus …“ S. 177ff, „Christentum …“ S. 11ff). Als ihn damals Glücks- und Dankbarkeitsgefühle für sein Dasein erfüllt hätten, sei da mit einem Mal eine neue Leitfrage aufgetaucht, die ihn seither nicht mehr losgelassen habe. Wie es komme, frage er sich nun, dass er und seine Familie – unverdientermaßen – in einer Oase des Friedens, der Rechtssicherheit und des Wohlstands lebten. Die sei von der chaotischen Wüstenei der übrigen Welt umgeben, in der die meisten Menschen in Ausbeutung, Hunger, Terror und Krieg um ihr Überleben kämpfen müssten. Weiter frage er sich nun, wie es zu erklären sei, dass die Grenzen seiner Oase ziemlich genau das Gebiet umspannten, in dem das Christentum entstand und sich ausgebreitet hat? Seine Arbeitshypothese laute seit der Zeit, man habe seit mehr als drei Jahrtausenden an den Fäden einer „Großen Erzählung“ gesponnen, „die man den christlichen Glauben nennt. Steckt also“ – so frage er weiter – „in diesem Glauben verborgen ein Code, der diese Oase strukturierte, fähig war und vielleicht noch ist, die Wüste in fruchtbares Land zu verwandeln? … Das fröhliche Leben des Agnostikers hatte Risse bekommen.“ („Jesus …“ S. 183)

„Atheistisch an Gott glauben – das geht nicht, hatte ich vor einem Vierteljahrhundert gedacht. Geht vielleicht doch, denke ich jetzt, nachdem ich den gerissenen Faden wieder aufgenommen und die Bibel noch einmal neu gelesen habe. Den Ertrag der Deutung entmythologisierter Mythen betrachte ich noch immer als banal, und der neuerdings in Mode kommende Fluchtweg in die Mystik erscheint mir als der Versuch, das Unerklärliche mit Unerklärlichem zu erklären und sich mit der Welt, wie sie ist, endgültig abzufinden. Aber jener Rest, der übrig bleibt, wenn man alle Mythen über Bord wirft, und der mir vor 25 Jahren als so kümmerlich erschien, dass ich ihn für nicht der Rede wert hielt, dieser kümmerliche Rest erscheint mir heute als ein Goldklumpen, denn er enthält … die Anleitung für die Befreiung von der Herrschaft des totalen Marktes. Ein religionsloses Christentum, wie es Dietrich Bonhoeffer vorgedacht hatte, erscheint mir heute als die einzig angemessene Antwort auf das derzeitige Weltgeschehen, und dieses religionslose Christentum lässt sich tatsächlich aus der Bibel gewinnen, wenn man ihre Mythen ruhig Mythen sein lässt.“ („Jesus …“ S. 195f)

Ätzende Kapitalismuskritik

Von einer angeblich neu erwachenden Religiosität im Kapitalismus hält Christian Nürnberger nach wie vor nichts. Das ist eine logische Konsequenz seiner ätzenden Kapitalismuskritik. Der global agierende Kapitalismus „füllt das Vakuum, das die entzauberten Ideologien und Weltanschauungen hinterlassen haben, mit dem Glauben an Markt und Technik. Für die, denen das nicht reicht, und für alle, die nach einer Alternative zum alternativlos sich gebärdenden Globalkapitalismus suchen, hält das System ein Supermarktangebot bereit, das von Spiritualität über modern designte Individualreligionen, neuen Esoterik-Trash und alten Aberglauben bis zu obskuren religiösen Fundamentalismen, Okkultismus und heidnisch synkretistischer Sektiererei alles umfasst, was des Sinnsuchers Herz begehrt, aber das System nicht gefährdet, sondern stabilisiert.“ („Christentum …“ S. 20)

Er erzählt, dass vor acht Jahren sein Buch „Die Machtwirtschaft – Ist die Demokratie noch zu retten?“ (DTV, München 1999) gerade von engagierten Kirchenleuten beachtet, für Kirchenvorstände raubkopiert und auf zahlreichen Veranstaltungen mit ihm diskutiert wurde. Mit seinen Thesen hatte er einen religionskritischen Nerv getroffen und bekam unerwartet positive Rückmeldungen aus dem Raum der Kirchen. Der Grund dafür leuchtete ihm ein: „Der „globale Kapitalismus und der damit verbundene Glaube an Markt und Technik ist eigentlich der natürliche Feind der Kirche. … Darum begann ich, ganz gerührt, nach rund 20-jährigem Desinteresse an der Kirche mich wieder für sie zu interessieren.“

McKinsey im Allerheiligsten

Aber, o Schreck „was sah ich? McKinsey im Allerheiligsten. … Die Kirche ließ sich von Vertretern der kapitalistischen Fruchtbarkeitsreligion einreden, sich als Unternehmen auf dem Sinnstiftungsmarkt begreifen zu sollen. Ihre eigenen Theologen begannen, das Kirchenmitglied als „Kunden“ zu definieren und forderten die Kirchen zu „totalem Kundenkontakt“ auf. Das „Unternehmen Kirche solle kämpfen um Kundinnen und Kunden“ und „Markt und Meinungsführerschaft anstreben“. Weiter las und hörte ich, die Kirche befinde sich auf dem „religiösen Markt“, bedürfe darum eines höheren Grades an … „Kundenorientierung“ … und der notwendigen „Konzentration aufs Kerngeschäft“. Das „Produkt“ der Kirche, die Botschaft Jesu Christi, sei zwar zeitlos gut, las ich, aber so konnte man heraushören das Verkaufspersonal sei zu dumm und zu unfähig, um das hervorragende Produkt zu vermarkten, im Wettbewerb der „Sinnanbieter“ mache die Kirche daher eine schlechte Figur. Die Kirchenleitungen begannen, ihre Existenz und die der Kirche dadurch zu sichern, dass sie sich als Nützlichkeits-Organisation etablierten, als Service- und Sinnvermittlungsagentur … Und die Botschaft vom Kreuz stylten sie in eine Wellnessreligion um. Ich war schockiert. … Ich setzte mich hin und schrieb meine Wut in das Buch „Kirche, wo bist du?“ (DTV, München 2000 – vgl. Transparent Nr. 61). Seitdem polemisiere ich immer mal wieder gegen die lächerlichen Versuche der Bischöfe und ihrer PR-Abteilungen, eine zweitausend Jahre alte Dame einer Schönheitsoperation zu unterziehen, um sie anschließend als McKinsey-Kirche auf den Strich zu schicken“ („Jesus …“ S. 194f).

Die „Große Erzählung“ der jüdisch-christlichen Tradition

Als Gegenposition erarbeitet sich Christian Nürnberger in einer intensiven „relecture“ der jüdisch-christlichen Überlieferung das, was er die „Große Erzählung“, den „Überlebenscode“ für die dem Abgrund entgegentaumelnde Welt der Gegenwart oder auch poetisch den „Goldklumpen“ nennt. Der bleibt über, wenn man das Steingeröll der Mythologie weggeräumt hat. Es ist eine unmetaphysische, geschichtstheologische Gesamtschau, die er gestrafft in „Jesus für Zweifler“ und ausführlich in Buchform in „Das Christentum – was man wirklich wissen muss“ darstellt. Er stützt sich dabei, das weisen seine Literaturangaben und Leseratschläge am Ende des letztgenannten Werkes aus, auf anerkannte, meist neuere theologische Literatur. Die hebräische Bibel der Juden und die urchristlichen Schriften, Altes und Neues Testament sind für ihn eine untrennbare Einheit. Er sieht, wie die „Große Erzählung“ in immer neuen Aktualisierungen und Ergänzungen begründet und weitererzählt wird. Motive sind stets und aufs Neue der Exodus und die Erwählung der Geringen. Aufgabe der Erzväter, des Volkes Israel, der Gemeinde Jesu ist und bleibt, eine rettende Alternative in der Welt glaubhaft zu verkörpern. Die Realisierung des Reiches Gottes soll schon auf der Erde beginnen. Diese aufgeklärte, unerschrockene, bibelgestützte Erkenntnis mit großer Handlungsrelevanz hat großes Hoffnungspotential.

Christian Nürnberger lässt mit großem narrativen Geschick, dabei sehr oft neuere exegetische Einsichten vermittelnd, ein große Geschichtsdrama vor seinen LeserInnen entstehen: Von Abraham, dem „ersten Systemkritiker“, über Mose und die Habiru, die „Steineklopfer“, die die Fronarbeit für die Ägypter und ihren Totenkult nicht mehr mitmachen und Flucht aus dem Sklavenhaus und Wüstenwanderung wagen, zur egalitären Gemeinschaft der Halbnomaden im Hinterland der kanaanäischen Stadtkönigtümer. Weiter über die Königszeit Israels und die Sozialkritik der Propheten, das katastrophale Ende des Nord- und Südreiches zur Entdeckung des Monotheismus und der daraus folgenden religionskritischen Erkenntnis, das die Götter der übrigen Völker nichts als menschliche Produkte, eben „Götzen“ sind. Die intellektuelle und theologische Anstrengung der Juden im und nach dem babylonischen Exil stellt er mit Recht als Dreh- und Angelpunkt beim Entwerfen der „Großen Erzählung“ heraus. Apokalyptische Vorstellungen und Messiashoffnungen leiten über zu dem Juden Jesus, dem radikalen, zur Ordnung des Gottesbundes zurückrufenden Propheten, zum Oster- und Pfingstgeschehen und der „Geburt einer neuen Religion aus der Katastrophe“, zu Paulus, dem „eigentlichen Kirchengründer“.

Wie hat sich die „Große Erzählung“ weiter in der Menschheitsgeschichte ausgewirkt? Die Urchristenheit lebt im römischen Reich glaubhaft die Alternative des Reiches Gottes, verlässt dieses Hoffnungsmodell aber nach der Konstantinischen Wende. Es beginnt die mehr als eineinhalb Jahrtausende währende Verbindung von „Thron und Altar“, an der auch Luther und der Reformation nichts ändern wollen. Dieser kirchengeschichtliche Abriss ist eigentlich nicht neu. Vieles muss der Autor weglassen, manches streift er nur. Aber immer geht es ihm um Exodus, Religionskritik und Verkörperung der Alternative – oder um Verrat der und Abfall von der Utopie des Reiches Gottes.

Schließlich werden die Herausforderungen der Gegenwart, die Bedrohung der Menschheit durch das trügerische Vertrauen auf den angeblich allein seligmachenden globalen Markt thematisiert. Die Großkirchen in Deutschland hätten die Aufgabe, diesen Großgötzen als solchen zu entlarven, sich seinen Ansprüchen zu entziehen und Alternativen in ihren Gemeinden zu entwickeln. Stattdessen sind auch sie dem Moloch Markt verfallen. Sie träumen den Traum der großen Mitgliederzahlen, jammern über dahinschwindende Finanzen, halten fest am Konzept einer, wie sie es nennen, flächendeckenden pastoralen Grundversorgung. Sie wollen nicht wahrhaben, dass christliche Alternativen, die auf die Realisierung des Reiches Gottes hinarbeiten, immer nur die Angelegenheit von Minderheiten waren und sind. Das herauszustellen ist Christian Nürnberger äußerst wichtig: Jesus habe nicht umsonst vom „Sauerteig“, vom Senfkorn, vom Salz und dem Licht auf dem Leuchter gesprochen.

Sinnkonstrukt mit großer Handlungsrelevanz

Hermeneutisch ist Christian Nürnbergers Vorgehensweise nicht zu beanstanden. Er legt mit seiner Skizze von der „Großen Erzählung“ eine Verständnisachse durch die ganze Bibel und macht damit sehr viel von deren vielfältigen Inhalten, Wiederholungen und Widersprüchen plausibel. Er benennt deutlich sein erkenntnisleitendes Interesse beim kritischen Durchschreiten der Geschichte des Abendlandes. Ich sehe darin, obwohl das meiste nicht neu, sondern nur journalistisch flott und verständlich auf den Punkt gebracht wird, ein überzeugendes befreiungstheologisches Programms für aufgeklärte Zeitgenossen in unserer Wohlstandswelt. Die „Großen Erzählung“, „sola scriptura“ in entmythologisierter Fassung, wäre es wohl wert, innerhalb der deutschen Großkirchen immer neu auf die Tagesordnung zu kommen.

Wie alle guten Theologen seit Paulus’ Zeiten kämpft Christian Nürnberger gegen konkrete Fronten der Gegenwart an. Für ihn sind es Fundamentalismus in jeder Gestalt, kritiklose Gläubigkeit in bezug auf die Heilkräfte des totalen Marktes, Unwilligkeit zu bohrend fragender Aufklärung, christliche Unbußfertigkeit. Er stellt manche steile, absolute Behauptung in den Raum. Es sind Arbeitshypothesen, die sich für jeden, der sich darauf einlässt, bewahrheiten und als Realität herausstellen.

Hoffnungsmodell „Integrierte Gemeinde“

Aufgemerkt habe ich, wie Christian Nürnberger im letzten Kapitel von „Jesus für Zweifler“ mit großer Sympathie von den Erfahrungen berichtet, die er mit der katholischen „Integrierten Gemeinde“ in München, Hagen und anderswo gemacht hat. Er schreibt: „Ich hatte davon gehört oder gelesen, glaubte es nicht, fuhr hin, um mich zu überzeugen, lebte dort eine Zeit lang, und mehr als einmal am Tag habe ich zu mir gesagt: Das ist es. Hier geschieht‘s. Die Utopie Gottes, hier wird sie real. Wenn irgendwo auf der Welt Gott am Werk ist, dann hier. Mitten in München hatte ich Gott bei seiner Arbeit zuschauen dürfen. Nein, ich erzähle nicht von einem Traum, sondern von einem Ort in Raum und Zeit, und dieser Ort und diese Menschen haben einen Namen. „Integrierte Gemeinde“ lautet der Name, etwas sperrig, nicht sehr sexy, aber das Wort bezeichnet die Sache, die es meint, schon richtig. … Man lebt dort in über die Stadt verstreuten Wohngemeinschaften zusammen. Zehn bis zwanzig Wohngemeinschaften, ein paar hundert Leute bilden eine Gemeinde. Wenn es mehr werden, teilt man sich und bildet die nächste Gemeinde, denn man muss einander persönlich kennen, das Gemeindeleben muss in einem überschaubaren Rahmen bleiben. So entsteht ein Netzwerk von Gemeinden, die aber alle nach den gleichen Prinzipien leben. Gottes Lösung für die Probleme dieser Welt ist die christliche Gemeinde. … Ich will damit die Volkskirche nicht abwerten, ich bleibe weiterhin gern ihr Mitglied, denn wenn sie auch Gottes radikale, schwer erfüllbare Ansprüche nicht erfüllt, so bewahrt sie doch zumindest die Erinnerung daran und verweist gelegentlich noch selbst auf die Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit“ („Jesus …“ S. 262).

Die „Integrierte Gemeinde“ lebt und gedeiht schon mehr als ein halbes Jahrhundert. Die Umsetzung eines alternativen, gemeinschaftlichen Lebensstils im Sinne der Urchristenheit ist also möglich. Mit einem Mal ist es Christian Nürnberger offensichtlich egal, dass er dabei auch mythologisch oder metaphorisch, vielleicht sogar mit dem Schwung einer „zweiten Naivität“ von „Gott bei seiner Arbeit, Gottes Lösung für die Probleme der Welt“ spricht.

Die Verbindung von Glauben und gemeinschaftlichem Leben, von Evangelium und Egalität, von Frömmigkeit und Arbeit nicht für den eigenen Vorteil, sondern zum Wohl der umgebenden Welt, also Vision und Realisierung der „Integrierten Gemeinde“ erinnern mich in vielerlei Hinsicht an jüdische Kibbuzim, aber auch an die – freilich im Gegensatz zu deutschen Verhältnissen aus arm gemachten, ausgebeuteten, wenn nicht sogar überflüssigen Menschen bestehenden – christlichen Basisgemeinden in Lateinamerika.

Scharf gewürztes Lesevergnügen

Christian Nürnbergers Skizze der „Großen Erzählung“ ist eine subjektive Gesamtschau, ein Sinnkonstrukt, aber mit starker Handlungsrelevanz. Ihr großer Wurf ist für den Autor in sich stimmig und leuchtet ihm darum ein. Er gibt das, was ihn neu orientiert hat, mit großem Nachdruck seinen LeserInnen weiter. Er hofft, dass sie, die vielleicht auch wie er als modern und aufgeklärt denkende Menschen zu Agnostikern geworden sind, dadurch eine ähnliches Aha-Erfahrung machen wie er und mit neuer Hoffnung und frischer Tatkraft erfüllt werden. Er widmet darum sein Buch „Das Christentum – was man wirklich wissen muss“ ausdrücklich „all den Randständigen und kirchlich Fernstehenden … , die mit Kirche und Christentum nichts mehr anfangen können, aber gerne wieder etwas anfangen würden.“ Weil der Autor glaubwürdig von sich, seinen persönlichen Zweifeln und Erkenntnissen ausgeht, sind seine beiden neuen Bücher über die Maßen inspirierend und ermutigend, wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen. Man begegnet, wie man zu der Zeit, als der junge Mann Christian Nürnberger theologische Hörsäle besuchte, zu sagen pflegte: einem „Sprachereignis“.

Transparent-LeserInnen erwartet – obwohl die Lage ernst ist, wie wir wohl wissen – ein scharf gewürztes Lesevergnügen.

Paul Gerhard Schoenborn

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