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Die Kritik des globalisierten Kapitalismus und das Evangelium nach Johannes

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Heribert Böttcher

Die Kritik des globalisierten Kapitalismus und das Evangelium nach Johannes

Das Kapital habe den Platz Gottes eingenommen und genau dies erfordere eine theologische Auseinandersetzung mit dem Kapitalismus. So jedenfalls fordern es Kirchen aus den armen Teilen der Welt. Aber auch in den reichen Ländern sprechen Christen davon, der Kapitalismus sein zu einer Religion geworden. Damit ist eine theologische Auseinandersetzung mit dem kapitalistischen Wirtschafts- und Lebensmodell auf die Tagesordnung gesetzt. Da es dabei um die Unterscheidung zwischen Gott und Götzen geht, sind Glaube und Bekenntnis der Christen herausgefordert. Die theologischen Fragen müssen in einem Processus Confessionis, einem Prozess des Bekennens, geklärt werden, der die jüdisch-christliche Glaubenstradition im Kontext einer Analyse kapitalistischer Verhältnisse buchstabiert.

Genau das aber scheuen manche Herren aus dem Umfeld der Kirchenleitungen wie der Teufel das Weihwasser. Sie fürchten um ihre Gesprächsfähigkeit mit Bankern und Politikern. Ihre Dogmatik ist in – „nicht zur Veröffentlichung bestimmten“ – Papieren zu lesen. Sie spricht von der „unvermeidbaren Differenz von Armut und Reichtum“. Das Bekenntnis fordere, diese „so weit zu minimieren, dass der Reichtum der einen der Armut der anderen aufhilft“. Man höre das ‚Bekenntnis’ und staune: Die Differenz von Reichtum und Armut ist Natur gegeben. Und: Der Reichtum hilft der Armut auf! Was immer damit gemeint sein mag: Der Reichtum hilft der Armut auf die Beine, auf den Arm, in den Himmel…, wohin auch immer. Sicher ist: Wer so redet, ist voll auf der Höhe der Zeit und gesprächsfähig mit Bankern, salonfähig für Politiker und politikfähig für die Medien!

Ein Bekenntnis im Widerspruch zum Römischen Imperium


Ein Glück, dass es noch andere Quellen für die Frage nach dem Bekenntnis gibt. Eine besonders wichtige ist das Evangelium nach Johannes. Es will diejenigen stärken, die dem römischen Imperium die Gefolgschaft verweigern. Sein Nachdenken über den Messias Jesus zielt nicht auf die Gesprächsfähigkeit mit dem römischen Kaiser und seinen Repräsentanten. In seinem Blick sind die Opfer imperialer Macht. Es ist kein Zufall, dass der Auferstandene an seinen Wunden zu erkennen ist (Joh 20,24-29). Er ist – wie so viele – Opfer der Macht des römischen Reiches. Nach dem Gesetz der römischen Staatsraison wird er hingerichtet. Bei

Johannes sind es ausgerechnet die Hohenpriester – die Herren über Grund und Boden, den Tempelschatz (eine Art Zentralbank) und auch über die Religion -, welche die Exekution dieses Gesetzes bei Pilatus einfordern. In ihrer Angst vor den Konsequenzen der Illoyalität gegenüber dem Imperium Romanum erweisen sie sich als kaiserlicher als der Kaiser. Der Rebell muss geopfert werden.

Wie sehr die Erfahrung der Opfer, die das Gesetz der Loyalität erzwingt, die Sichtweise des Johannes prägt, zeigt vor allem der Streit darüber, wer denn die wahren Kinder Abrahams sind (Joh 8,30-47). Er ist dadurch ausgelöst, dass es einige Christen gibt, welche die Gemeinde des Johannes verlassen und andere Mitglieder der Gemeinde durch Verrat an die Behörden ausliefern. Die theologische Begründung für das

Verlassen der Gemeinde ist der Hinweis auf die Abrahamskindschaft. Als Nachkommen Abrahams sind sie – durch das Gesetz der Zugehörigkeit zum jüdischen Volk – frei. Da brauchen sie keine Befreiung durch den Messias Jesus. Der Jesus des Johannesevangeliums macht aber deutlich, dass es vor dem formalen, ein inhaltliches Kriterium für die Zugehörigkeit zu Abraham gibt: „Wenn ihr Abrahams Kinder wäret, würdet ihr handeln wie Abraham.“ (V. 39)

Johannes greift auf eine für christliche Ohren ungewohnte Interpretation der Geschichte von der sog. Opferung des Isaak (Gen 22) zurück. Abraham hat seinen Sohn nicht getötet. Er hat sich einem kulturell-religiösen Gesetz, das mit Menschenopfern die Gottheit gnädig stimmen will, widersetzt. Ein solches Gesetz ist mit dem Glauben an den Gott der Befreiung aus der Sklaverei nicht vereinbar. Deshalb hat Abraham Isaak nicht getötet und deshalb können diejenigen, die Jesus im Namen des Gesetzes töten wollen, keine Kinder Abrahams sein (V.40). Der Glaube an den Gott der Befreiung verbietet, einem Gesetz zu folgen, dass befiehlt, Menschen um eines vermeintlich höheren Zweckes willen zu opfern.

Das Bekenntnis und der Streit um die Wirklichkeit


Damit sind wir mitten in der Wirklichkeit des globalisierten Kapitalismus und seines Opferkults. Er fordert die Unterwerfung unter das Gesetz der Vermehrung des Kapitals um seiner selbst willen. Diesem irrationalen Selbstzweck werden weltweit Menschen durch Hunger und Ausgrenzung, durch Repression und Verfolgung geopfert. Dieses Gesetz bestimmt immer mehr Bereiche des menschlichen Lebens. Ökonomisierung wird so zur „alles bestimmenden Wirklichkeit“ und der für die Verwertung des Kapitals mobil und flexibel funktionierende Mensch zum ‚homo oeconomicus’, während diejenigen, die für die Verwertung des Kapitals keine Rolle spielen, als ‚Überflüssige’ ausgegrenzt werden.

Dagegen, dass Menschen zu Opfern werden, richtet sich das Bekenntnis des Johannesevangeliums. „Herr und Gott“ (Joh 20,28) ist der im Namen des Gesetzes Gekreuzigte, den Gott auferweckt hat. Ihm hat Gott Recht gegeben. Ihn hat er ‚gerechtfertigt’ und das ihn richtende Gesetz ins Unrecht gesetzt. Mit dem Bekenntnis „Mein Herr und mein Gott“ wird der Titel, der im römischen Kaiserkult für den Kaiser beansprucht wird, dem Kaiser abgesprochen und dem gekreuzigten Opfer imperialer Macht zugesprochen. So wird das Bekenntnis zu dem Gekreuzigten zur Absage an ein Imperium, das sich totalisiert und entsprechende Opfer fordert. Das ‚Ich widersage.’ verbindet sich mit dem ‚Ich glaube.’

Das Johannesevangelium formuliert sein Bekenntnis des Glaubens in kritischer Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit seiner Zeit. Es ist von seiner Sicht des römischen Imperiums nicht zu trennen. In den Streit um Gott und seinen Messias Jesus geht damit die Analyse der Wirklichkeit ein. Der Streit um Gott und seinen Messias Jesus wird zum Streit um die Wirklichkeit. Das Bekenntnis ist das Ergebnis einer Konfrontation zwischen Wirklichkeit und Glaubenstradition. Jedes Bekenntnis impliziert eine Stellungnahme zur Wirklichkeit.

Darauf zielt der Processus Confessionis. Das Nachdenken über den Glauben im Kontext der Wirklichkeit soll in ein Bekenntnis münden, das nicht abstrakt überzeitliche Wahrheiten formuliert, sondern die Wahrheit des Glaubens in Zeiten kapitalistischer Globalisierung zum Ausdruck bringen. Da ist vieles umstritten und vieles zu klären. Genau dazu lädt der Processus Confessionis ein.

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