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Günther van Norden: Friedrich Langensiepen. Ein Leben in Deutschland zwischen Pfarrhaus und Gefängnis 1897 bis 1975

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Günther van Norden: Friedrich Langensiepen. Ein Leben in Deutschland zwischen Pfarrhaus und Gefängnis 1897 bis 1975

Kreuz Biographie. Kreuz Verlag, Stuttgart 2006. 460 Seiten, 22,95 Euro.

Standhaft, widersetzlich und unbequem


Der Bonner Historiker Günther van Norden, einer der gründlichsten Kenner der rheinischen Kirchengeschichte mit dem Schwerpunkt „Bekennende Kirche“ (BK), hat eine große Biographie über den Hunsrücker Pfarrer Fritz Langensiepen (1897-1975) geschrieben, akribisch recherchiert und narrativ zugleich. Das mit Familienfotos angereicherte Buch, in dem viele bisher unbekannte Quellen verarbeitet sind, ist aus mehreren Gründen spannend und aufschlussreich.

• Es zeigt einen Mann, dem seine „steile“, trotz gewisser Anerkennung historisch-kritischer Forschung fast biblizistische Theologie half, sich im „Dritten Reich“ den Übergriffen des NS-Staates kompromisslos zu widersetzen; einen Mann, der theologisch weltabgewandt war und dennoch zugleich politisch wirksam wurde.

• Es schildert eine der exemplarischen Kontroversen innerhalb der BK: zwischen der Mehrheit, die noch mit der NS-treuen Kirchenbehörde – dem „Konsistorium“ – aus pragmatischen Gründen zusammenarbeitete und zu Kompromissen bereit war, und einer Minderheit, die zwar noch ihre Gehälter vom Konsistorium entgegen nahm (also nicht zu den „Illegalen“ gehörte“), sich aber allen „bekenntniswidrigen“ Anordnungen widersetzte.

• Es zeigt einen Pfarrer, der schon im „Dritten Reich“ erfolglos für eine vom Staat radikal unabhängige „Gemeinschaft der Gläubigen“ eintrat, nach 1945 gegenüber der restaurativen Volkskirche resignierte und sich schließlich in die Gefängnisseelsorge zurückzog.

• Es ist zugleich ein mentalitäts- und alltagsgeschichtliches Werk, in dem die Geschichte einer liebevollen Pfarrerfamilie erzählt wird, die oft bis an die Grenze der Verzweiflung gerät und sich dennoch in ihrem biblisch begründeten Glauben nicht wirklich erschüttern lässt.

• Es liefert ein farbiges Bild der kirchlichen „Randgebiete“ Saarland und Hunsrück.

• Es ist die Biographie eines Mannes, „in dessen Leben sich die deutsche Geschichte vom Ersten Weltkrieg bis weit in die Nachkriegszeit der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts exemplarisch widerspiegelt“ (S. 9).

Frühe Skepsis


Anders als der lutherische Pfarrer-Vater, der dem 20-jährigen Rekruten 1917 rät, das „Kreuz des Herrn Jesus („Der Endsieg gehört ihm“) auf sich zu nehmen, erteilt der Sohn dem Krieg mitten im patriotischen Taumel eine eindeutige Absage. „Der Krieg ist und bleibt doch eine Sünde, besonders in der Scheußlichkeit, wie er jetzt geführt wird. Wir werden also alle zu einer Sünde gedrängt, der wir uns alle unmöglich entziehen können.“ Blutige Auseinandersetzung zwischen Staaten kommt ihm „so lächerlich vor wie der Streit von ein paar Gassenjungen“ (S. 17). Außerdem: Volk und Vaterland seien „durchaus irdische Sachen“, an die er nicht „glauben muß“ – eine Aussage, „die in seinem Leben noch eine entscheidende Bedeutung gewinnen wird“ (S. 19). Als Soldat im Baltikum bemüht er sich, den „Schrecken der russischen Revolution“ gerecht zu beurteilen. Aufgrund der Unterdrückung der Bevölkerung durch die herrschende Schicht der deutschblütigen Barone“ sei es „begreiflich, daß die Revolution der Geknechteten sich in schlimmen Exzessen entlud“ (S. 20). Sein Überleben nach einem Granateneinschlag („Um mich her lagen 6 Tote und 15 Schwerverwundete“) empfindet er als „eine besondere Gnade Gottes“. Dass sie den anderen nicht zuteil wurde, bemerkt van Norden, „bleibt unerwähnt“ (S. 21).

Langensiepen, nach mehrfachem berufsbedingten Wohnungswechsel des Vaters im saarländischen Ottweiler beheimatet, verlobt sich hier 1923 mit Hilde Hommel, der Tochter einer verwitweten Buchhändlerin. Nach dem Theologiestudium ist er mittlerweile im Predigerseminar mit Fragen der historisch-kritischen Forschung beschäftigt. Was an alttestamentlichen Geschichten „wahr ist und was Erzählkunst“, sei eine müßige Frage. Wichtig sei, was sie über Gottes Wirken aussagten. Was einem gläubigen Menschen „nach seinem gesunden Menschenverstande als unmöglich erscheint, das soll er ruhig nicht glauben“. Die neutestamentlichen Wundergeschichten nimmt er allerdings von dieser Beurteilung aus: sie trügen „den Stempel der Wahrheit an sich“ (S. 27).

Skeptisch wiederum ist er 1925 angesichts der Begeisterung seiner Braut über die Jahrtausendfeier des Deutschen Reichs. Es sei eine „große Kundgebung für das Deutschtum“ mit entsprechenden Liedern („Deutsch ist die Saar“, „Fest steht und treu die Wacht am Rhein“), schreibt sie ihm. Doch für ihn ist die Geschichte „eine endlose Kette wechselnder Ereignisse“. In größerem Glück bestehe ihr Ziel also nicht, womit er – so van Norden – „alle Geschichtsideologien von Hegel bis Marx, aber auch alle nationalen Wunschvorstellungen und rückwärtsgewandten Visionen von einem großen, geeinten Deutschen Reich […] nüchtern vom Tisch wischte“. Eine patriotische Predigt, zu der er sich dennoch durchringt, hat ihn selbst „haarsträubend gelangweilt“ (S. 41f).

(Kirchen)kritischer Dorfpfarrer in Gödenroth


Den 80-jährigen Hindenburg preist Langensiepen 1927, im zweiten Jahr seines Hunsrück-Pfarramtes, dann doch patriotisch predigend. Es sei „Gottes unbegreifliche Gnade“, einen solchen „Führer des Volkes“ zu haben, der „als Held“ nach der Schlacht von Tannenberg („ein Meisterstück“) das Heer geordnet zurückführte. Langensiepens Äußerungen seien „typisch für die Mentalität der großen Mehrheit des protestantischen deutschen Bürgertums“, bemerkt van Norden. Es sei allerdings erstaunlich, dass der einst so nachdenkliche Soldat jetzt als Pfarrer „so hemmungslos auf seine Bauern einwirkte“, zu denen er im Übrigen ein ausgezeichnetes Verhältnis entwickelte: „Seine große Gabe war es, den schlichten Menschen seiner Gemeinde klar zu machen, dass er sie ganz ernst nimmt, ihnen zuhört und auf ihre Fragen eingeht ohne die Allüren des besserwisserischen Hirten, der seine Schafe weidet“. (S. 50ff). Die Jugend weiß Langensiepen durch Fahrtenlieder und Volkstanz zu gewinnen (oder durch meisterhaftes Skatspiel zu beeindrucken). Er organisiert Singwochen im Hunsrück und macht Gödenroth zu einem „Zentrum der Singbewegung im Rheinland“ (S. 60).

1931 gibt er der Gemeinde einen Text der Freidenkerjugend zur Kenntnis, die der Kirche vorwirft, sie sie habe mit ihrer Mission die blutige Zerstörung südamerikanischer Kulturen begleitet und wolle in der Gegenwart das werktätige Volk dafür gewinnen, sich weiter „durch die angeblich ‚gottgewollte’ kapitalistische Ordnung auspressen und unterdrücken“ zu lassen. Langensiepen stimmt zu: „Von dem christlichen Europa kommt so viel Verderben, daß die geringen Tropfen Segens dagegen nicht zu zählen sind“. Auch auf den 1. Weltkrieg blickt er kritisch predigend zurück. Gott habe denen, „die ihn vor ihren Wagen spannen wollten, die Waffen zerschlagen“ und „das Geld entwertet“ (S. 74f.). Zu ändern sei aber auch – und das wird sein Lebensthema – „die ganze Verlogenheit der christlichen Kirche“, die den „Leuten erlaube, sich Christen zu nennen und sie gehorchen nicht“ (S. 75).

Im Anschluss an Micha 2,6-13 erklärt er seiner bäurischen Gemeinde die „Ordnung des Mose“, die das Besitzrecht des „freien Bauern auf freiem Grund geschaffen“ habe. Wie damals gäbe es auch heute Großgrundbesitzer, die „ihre gierigen Hände nach dem Erbe des freien Mannes“ ausstrecken. Doch es werde ein freies Volk entstehen, „keins mehr, das seinen Arbeitslosen kaum das Notwendigste geben kann“. Ein „Durchbrecher“ wie Mose werde das erreichen – der aus Bethlehem gekommene! Doch dass dies nicht „die bekannte Flucht des Theologen vor den wirtschaftlichen Problemen in die Sphäre der Religion“ (van Norden) ist, lässt Langensiepens Predigt zu Zwinglis 400-jährigem Todestag 1931 erkennen: Luther sei der „Untertan“, Zwingli „freier Bürger“ und „bewußter Politiker“ gewesen. In diesem Sinne müsse die Kirche „von denen, die zuviel haben, fordern für die, die hungern“. Dem wirtschaftlichen Elend könne freilich nur dann wirksam begegnet werden, wenn Gott wieder die Ehre gegeben werde. Van Norden macht auch hier darauf aufmerksam, dass für Langensiepen „Gott allein die Dinge diese Welt“ bestimmt, er aber andererseits die Christen beschwört, „sich mit ihren gute Gaben einzumischen in die Dinge der Welt“ (S. 80).

Ein standfestes Ehepaar


Zu Beginn des „Dritten Reichs“ wird Langensiepen Mitgründer einer Hunsrücker „Bruderschaft“, einer regionalen Vorform der BK, in der er später kompromissloses „Bruderrats-Mitglied wird. Gödenroth ist zunehmend gespalten in solche Gemeindeglieder, die zu ihm halten und eine wachselnde Zahl „kleiner Nazis“, die ihm und seiner Familie das Leben nahezu unerträglich machen. Das Pfarrhaus wird beschmiert: „Nieder mit ihm! Einmal kommst du weg!“ Als junge Männer das üble Gerücht verbreiten, der Pfarrer habe Geld unterschlagen, verweigern die Mädchen des Dorfes ihnen so lange den Tanz, bis die Lügerei aufhört (S. 126).

Genauso standfest wie ihr Mann ist Hilde Langensiepen. Als 1934 in der Kreissynode Entscheidungen für oder gegen Kompromisse anstehen, schreibt sie Verwandten: „Die Synode Simmern ist augenblicklich Mittelpunkt des Kampfes geworden. Die Welt und ganz Deutschland sehen nach Rheinland und Westfalen und dieses sieht auf die Synode Simmern. Gott stärke uns alle, bis zum Ende zu beharren, er lehre die Wankenden erkennen, daß diese Entscheidung eine Entscheidung für Jahrhunderte ist“ (S. 133). Nach positivem Ausgang der Synode habe die Pfarrerschaft dem Konsistorium gegenüber „wie ein Mann“ gestanden. Der Synodalassessor habe in einem brisanten Gemeindebrief ihres Mannes alle Namen ausgeschnitten und dem nach Namen forschenden Konsistorium („Wo, ja wo denn“) geantwortet: „Da, wo die Löcher sind, ja da, wo die Löcher sind“ (S. 135).

1937 wird Langensiepen wegen staatsfeindlicher Umtriebe angeklagt. Während das Landgericht Koblenz den „unbescholtenen Familienvater von vier Kindern, der nicht aus gewissenloser Gesinnung oder verbrecherischer Neigung, sondern aus seiner religiösen Überzeugung heraus gehandelt“ habe, freispricht, sperrt ihm das Düsseldorfer Konsistorium – wie schon wiederholt zuvor – die Pfarrbesoldungszuschüsse. Doch er lässt sich nicht einschüchtern. Für den KZ-Häftling Niemöller lädt er 1938 zu einer Trauerkundgebung ein – dabei „die männliche Bevölkerung in Trauerkleidung mit Zylinder“ (S.217).

In den folgenden Jahren verweigert er im Gegensatz zur BK-Mehrheit den vom Konsistorium geforderten, vom NS-Regime gar nicht verlangten „Führer-Eid“ und das Glockengeläut an „Führers Geburtstag“. Er hält an der Erwähltheit Israels fest, hisst die Hakenkreuzfahne am Pfarrhaus nicht, und man wirft ihm heftig vor, Parteigrößen zu beleidigen und überhaupt staatsfeindlich aufzutreten.

1940 gibt er den Kampf auf, lässt sich in den Wartestand versetzen, betreut in Bonn die Studentengemeinde der BK und in Siegburg bis Kriegsende vorwiegend holländische politische Gefangene, denen er subversiv hilft. Als er in der Nachkriegszeit in der Großstadt Saarbrücken mit seiner Vorstellung einem verbindlichen, auch „Kirchenzucht“ nicht ausschließenden Gemeindeaufbau scheitert, wird er Gefängnisseelsorger in Rheinbach. Ehemalige holländische Häftlinge laden ihn ein. „Wir politischen Gefangenen haben gewußt, was Sie gewagt haben“, erklärt einer von ihnen. „Dafür sind wir Ihnen noch immer dankbar. Sie haben unser Leiden gemildert, aber, was vielleicht noch bedeutsamer ist, unsern Hass vermindert. […] Dadurch können wir nach dem Krieg wieder einander in die Augen schauen“ (S. 343).

Klaus Schmidt

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