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Mit Gütekraft mehr Freiheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit verwirklichen

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Martin Arnold*

1. Einleitung

Als Mohandas K. Gandhi das Kunstwort Satjāgrah[1] (engl. satyagraha) prägte, nahm er an, dass die Sache, um die es geht, so alt sei „wie die Menschheit“. Dennoch sah er sich veranlasst, ein neues Wort zu bilden. Damit überführte er eine uralte Praxis in ein ausgearbeitetes Handlungskonzept zum Abbau gesellschaftlicher und politischer Missstände, mit dem er vier Jahrzehnte öffentlich experimentierte.

Satjāgrah begann, wie Gandhi erzählt, am 11. September 1906: Gemeinsam mit ihm verpflichteten sich 3.000 Inder im Johannesburger Theater feierlich, die gegen die indische Minderheit gerichtete rassistische Gesetzgebung in Südafrika nicht hinzunehmen und für ihre Abschaffung notfalls ihr Leben einzusetzen.

 Ihnen gegenüber stand die geballte Macht des Regierungschefs General Jan ChristiaanSmuts. Bei ihren vielfältigen Aktionen zivilen Ungehorsams (z.B. Verbrennung von Pässen) hatten die engagierten Inder und Inderinnen in der Folge schwer unter dem Einsatz des staatlichen Zwangsapparats zu leiden: Tausende kamen in Gefängnisse, es gab Tote und Verletzte. Doch nach acht Jahren erwies sich Satjāgrah als stärker: Die Gesetze wurden zurückgenommen. Damit war die Grundlage für weitere Anwendungen dieser Streitkunst geschaffen. Dazu gehörte auch der weltberühmte Salzmarsch in Indien 1930, der das Ende der englischen Kolonialherrschaft einläutete.

Im Englischen gab Gandhi Satjāgrahmeist als non-violence wieder, was zu den deutschen Bezeichnungen ‚Gewaltfreiheit‘ oder ‚Gewaltlosigkeit‘ führte. Bei ‚non-violence‘ handelt es sich aber genau genommen um die Übersetzung eines anderen indischen Begriffs mit Jahrtausende alter Tradition: Ahimsa, Nicht-Gewalt. Für Gandhi war Satjāgrah sachlich eng mit Ahimsa verbunden. Die englische Übersetzung des Wortes, ‚non-violence‘, allerdings erwies sich als irreführend, denn die verneinenden Bezeichnungen in den westlichen Sprachen vermögen die indische Tradition nicht angemessen abzubilden. Gandhi selbst legte besonderen Wert auf den Aspekt der Kraft. Er erklärte Satjāgrah in seinem Buch „Satyagraha in South Africa“ als „love-force“, „truth-force“ und „soul-force“. ‚Gewaltlos‘ oder ‚gewaltfrei‘ suggeriert in der westlichen Welt jedoch das Gegenteil von Stärke, lässt vielmehr an Schwäche denken: an die Verneinung von etwas, das als stark gilt: Gewalt. Gandhis Verständnis wird damit ins Gegenteil verkehrt.

Allerdings gab es auch im westlichen Sprachraum Versuche, die Bedeutung von Satjāgrah angemessener wiederzugeben: ‚Festhalten an der Wahrheit‘ ist zwar nicht falsch, bleibt aber ebenfalls missverständlich. Satya bedeutet für Gandhi etwas anderes, als das Wort ‚Wahrheit‘ ausdrückt.Dies zeigt sich an seiner Aussage „Wahrheit (satya) bedeutet auch Liebe“. Das, was Gandhi mit Satjāgrah ausdrücken wollte, wird folglich mit der Übertragung ‚Gütekraft‘ in unserer Sprache zutreffender wiedergegeben.

‚Gütekraft‘ findet im Folgenden zweifache Verwendung: Zum einen fungiert es als spezielle Bezeichnung für Gandhis Ansatz. Zum anderen dient es als allgemeiner Konzeptname für jene bislang ‚gewaltfrei’oder ‚gewaltlos’ genannte Tradition, die sich teilweise unabhängig von Gandhi entwickelte. Die Bezeichnung ‚Gütekraft‘ scheint gut geeignet, das Wesentliche der verschiedenen Varianten (darunter die ‚zivile Konfliktbearbeitung‘), insbesondere die typische Wirkungsweise gewaltfreien Vorgehens, auszudrücken.

Im Folgenden geht es um konzeptionelle Antworten auf folgende Fragen: Erstens: Wie bzw. warum ist es möglich, Personen oder auch Gruppen, die zur Gewalt entschlossen scheinen, ohne Androhung oder Einsatz von Gewalt wirksam entgegenzutreten? Und zweitens: Wie ist gewaltfreies Vorgehen zu konzipieren, damit es auch in Konflikten gegen gewaltbereite Gegner wirksam sein kann?

Zunächst werden die Antworten dreier ‚Baumeister’ unterschiedlicher Ansätze aufgezeigt und anschließend das diesen Antworten gemeinsame Handlungskonzept dargestellt.

2. Drei Baumeister und drei Baupläne zur Gütekraft

Als Ausgangspunkte für ein idealtypisches Gütekraftkonzept dienen die Pläne dreier ‚Baumeister‘: Da ist zuerst  die österreichische Katholikin Hildegard Goss-Mayr (geb. 1930), die mehrmals für den Nobelpreis vorgeschlagene Ehrenpräsidentin des Internationalen Versöhnungsbunds. / Dann der indische Hindu Mohandas K. Gandhi (1869-1948), genannt Mahatma, Große Seele. Hinzu kommt  als dritter der niederländische Atheist Bart de Ligt (1883-1938), den Zeitgenossen als „Gandhi des Westens“ würdigten.

Für die Auswahl dieser drei ‚Baumeister‘ sprechen zwei Gründe. Zum einen sind ihre Konzepte wenigstens einmal nachweislich mit Erfolg zum Einsatz gekommen: Goss-Mayrs Ansatz lag der „Rosenkranz-Revolution“ auf den Philippinen 1986 zugrunde, die die Marcos-Diktatur beendete. Die Anwendung von Gandhis Satjāgrah führte, wie bereits erwähnt, 1914 in Südafrika zur Rücknahme der gegen die indische Minderheit gerichteten rassistischen Gesetze. Und die Anwendung von Bart de Ligts Konzept trug in den Niederlanden 1923 zur gesetzlichen Anerkennung der Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen bei. Zum anderen haben die drei Personen jeweils unterschiedliche kulturelle Hintergründe und religiöse Auffassungen. Damit wird deutlich: Gütekraft ist weder an einen bestimmten Kulturkreis noch an eine bestimmte religiöse Überzeugung gekoppelt. Wie haben die drei ‚Baumeister‘ sich die Wirkungsweise ihres Ansatzes in der praktischen Konfliktbearbeitung vorgestellt?

2.1 Hildegard Goss-Mayrs christliches Gütekraft-Konzept

Ich gebe zunächst Hildegard Goss-Mayrs Vorstellungen wieder: Der Anfangsimpuls besteht in der Entdeckung der Gütekraftim Eigenen, als eigene Möglichkeit. Wer sich der Gütekraft als eigener Möglichkeit bewusst ist, wird dazu angeregt, anderen Menschen mit Güte zu begegnen. Mit dieser Haltung verbindet sich das Ziel des „Lebens in Fülle für alle“ (Joh. 10,10 Jerusalemer Übersetzung). Dessen Verwirklichung wird durch Gütekraft – die Kraft der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der Liebe – ermöglicht. Sie kommt von Gott. Die ihr entsprechende Einstellung kann durch Persönlichkeitsbildung entwickelt und gestärkt werden: „Es kommt darauf an, wie viel Raum man der Liebe in sich gibt und dass man sie in sich wachsen lässt“.

Größere Missstände gütekräftig abzubauen erfordert Handeln mit Konzept. Demnach muss zur Haltung der Güte Methodenkompetenz hinzukommen, die sich durch Schulung und Erfahrung erwerben lässt. Methodische Hilfsmittel erleichtern die Zusammenarbeit der Engagierten, die Situationsanalyse, den Dialog mit anderen Beteiligten und die selbstkritische Auswertung der Aktivitäten. Das Ziel besteht darin, die ‚ansteckende‘ Interaktionsdynamik Gütekraft in Gang zu setzen. Dies geschieht vor allem durch den eigenen Beitrag der Engagierten: Durch konstruktives Handeln sowie durch Nichtzusammenarbeit bauen sie ihren eignen Anteil am Missstand ab, indem sie den nicht länger dulden oder gar unterstützen. Dieser Beitrag regt andere zur Mitwirkung an, er ‚steckt an‘. Ein derartiger Effekt lässt sich verbal oder auch durch Aktionen verstärken, die andere Beteiligte in ihrem Gewissen ansprechen. Lassen sich mächtige Schlüsselpersonen dennoch nicht zur Mitwirkung anregen, kann der Einsatz intensiviert werden: Massenhafte Nichtzusammenarbeit ist die äußerste Aktionsform. Sie kann zum Abbau des Missstandes führen, weil Machtausübung auf die Zusammenarbeit von Machtinhabern und Machtunterworfenen angewiesen ist. Unterstützungsentzug führt daher zu Machtverlust, der seinerseits die Erfolgschancen der Engagierten erhöht. Ein Beispiel: Auf den Philippinen hoben nach Bekanntgabe eines falschen Wahlergebnisses tausende Menschen ihr Geld von Banken ab, die dem Diktator nahestanden. Das Volk stellte sich massenhaft den Panzern entgegen, durch die die abtrünnigen Militärs getötet werden sollten – und die Panzer hielten an. Marcosʼ Macht war geschwunden, er verließ das Land. Für diese Zusammenhänge wurden auf den Philippinen die Ausdrücke ‚Würde anbieten‘ und ‚People Power‘ geprägt.

2.2       Mohandas K. Gandhis Gütekraft-Konzept Satjāgrah

Mohandas K. Gandhi erklärte Satjāgrah als „die Kraft, die aus Wahrheit und Liebe geboren wird“.Das Konzept basiert auf der Annahme, jeder Mensch neige aus innerer Verbundenheit mit allen Menschen zu Wohlwollen und Gerechtigkeit. Diese könnten daher bei jedem geweckt und entwickelt werden. Das Wertvollste am Menschen sei sein Potenzial zur Selbstlosigkeit. Das schließe den Einsatz von Satjāgrah für eigene Interessen aus.

Dabei lassen sich zwei Bedeutungen unterscheiden: Satjāgrah im weiteren Sinne besteht im Einsatz für Wohlwollen und Gerechtigkeit – sei es durch Abbau des eigenen Anteils am Missstand, sei es durch Hilfe oder durch konstruktive Arbeit. Bleibe der gewünschte Erfolg aus, hält Gandhi möglicherweiseSatjāgrah im engeren Sinne für erforderlich. Dies kann „Satjāgrah gegen uns selbst“ sein. Sie wirkt nach seiner Überzeugung wie folgt: Die Inkaufnahme eines Verzichts, eines Verlusts oder von Leiden (z.B. durch Fasten) stärkeSelbstdisziplin und Selbstlosigkeit sowie die Neigung zu allumfassendem Wohlwollen.

Im Folgenden gebe ich Gandhis Einstellung wieder: Sollte zur Behebung des Missstands die Mitwirkung anderer Menschen nötig sein, sind diese Personen auf eine Weise anzusprechen, die sie anregt, aus innerer Neigung zu Wohlwollen und Gerechtigkeit zu handeln. Nicht nur die Hoffnung auf diesen gewünschten Effekt, sondern auch die Achtung ihrer Würde verbietet es, die Angesprochenen persönlich oder öffentlich herabzusetzen oder auf andere Weise zu schädigen. Zunächst gilt es jedoch die Frage zu klären, ob die anderen den Missstand überhaupt als solchen erkennen und sich als daran Beteiligte sehen. Sollte dies nicht der Fall sein, muss die Unterschiedlichkeit Auffassungen gewissenhaft bearbeitet werden. Dabei bietet es sich an, eine allseits anerkannte Instanz hinzuzuziehen, die u. a. die unklare Faktenlage untersucht. Kommt es dabei zu einer Bestätigung sowohl des Missstands als auch der eigenen Beteiligung, dann werden die Betroffenen mitwirken, wenn ihr Wohlwollen und ihre Selbstlosigkeit bereits groß genug sind. Bleibt ihr Engagement weiter aus, so sollen speziell an diese Personen gerichtete Satjāgrah-Aktionen im engeren Sinne ihrenGerechtigkeitssinn, ihr Wohlwollen und ihre Selbstlosigkeit ansprechenund stärken. Dies geschieht, indem die bereits Engagierten ihre eigene Beteiligung am Missstand – etwa den Gehorsam gegenüber einem ungerechten Gesetz– (weiter) abbauen. Dies gilt sogar dann, wenn das für sie mit erheblichen Kosten oder Risiken (z.B. Festnahmen) verbunden ist. Der Abbau eigener Beteiligung kann auch durch Verzicht auf bestimmte Produkte – etwa Speisen – erfolgen, aber auch durch Streik und Boykott als Formen der Nichtzusammenarbeit geschehen. Gerade durch dieseLeidensoll der innere Zwiespalt bei den anderen Beteiligtenherbeigeführt oder verstärkt werden, der dann wiederum den Druck erhöht, dem eigenen Wohlwollen zu folgen und ebenfalls zum Abbau des Missstands beizutragen. Dieser Impuls lässt sich auf indirektem Weg verstärken – etwa durch Öffentlichkeitsarbeit, Gewinnung von Autoritäten oder Anrufung Gottes im Gebet.

Was aber, wenn Satjāgrah bei den Adressaten zur Verhärtung der Position oder gar zur Einleitung von Gegenaktionen führt? Gandhis Antwort lautet: Satjāgrah im engeren Sinne soll bis zur Behebung des Missstandsweiter praktiziert werden. Die Engagierten sollen damit fortfahren, die eigene Beteiligung am Missstand abzubauen. Indem sie hierbei in stärkerem Maß, als es die bisherigen oder zu erwartenden Gegenaktionen verlangen, Furchtlosigkeit, Selbstdisziplin und Leidensbereitschaft gegebenenfalls bis zum Tod zeigen, fordern sie die Angesprochenen so lange unüberwindbar heraus, bis auch diese ihren Teil zur Beseitigung des Missstands beitragen.

2.3       Bart de Ligts Gütekraft-Konzept Geestelijke Weerbaarheid

Es folgt Bart de Ligts[2] Auffassung. Sein Ausdruck‚Geestelijke Weerbaarheid‘[3] bedeutet geistig-sittliche Streitbarkeit. „Geistig-sittlich“ verweist auf Möglichkeiten bzw. Fähigkeiten der Menschheit. Das Geistige, die Vernunft, ermöglicht es, Wahrheit zu erkennen. Und Sittlichkeit, das moralische Gefühl, führt zu Menschlichkeit. Wahrheit und Menschlichkeit wirken als „Kräfte, mit denen […] gerechnet werden muss“. Sie verstärken sich gegenseitig: Beide drängen zum Aufbau menschenwürdiger gesellschaftlicher Verhältnisse in Gerechtigkeit, Freiheit und Menschlichkeit sowie zum Abbau entsprechender Missstände. Dies geschieht sowohl bei Einzelpersonen als auch bei Kollektiven durch Betätigung der eigenen geistig-sittlichen Potenz. Wahrheit und Menschlichkeit bilden die Grundlage sowohl für das Handeln der Engagierten als auch für dessen Wirkung, da sie in der Vernunft und im moralischen Gefühl der anderen Beteiligten Resonanz hervorzurufen vermögen. Arbeit für Freiheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit heißt, selbst frei, gerecht und menschlich zu handeln. Dazu gehören vier Aktivitäten:

a)      Bei sich selbst anfangen: Die Grundlage ist die Bereitschaft zur Selbstverbesserung. Sie beginnt mit dem Erkennen zunächst der eigenen geistig-sittlichen Kräfte, gefolgt von der Einsicht in die Möglichkeit, selbst Teil des Missstands bzw. des ihn produzierenden Systems zu sein. Dem schließt sich die Bewusstwerdung der eigenen Anteile an. Dem Erkennen folgt das Handeln: Dies beginnt damit, eigene Anteile am jeweiligen Missstand abzubauen – etwa durch Verweigerung unwürdiger Arbeit, des Kriegsdienstes oder unmenschlicher Befehle. Die ‚Zusammenarbeit mit dem Missstand‘ wird aufgekündigt. Das Handeln samt der dahinterstehenden inneren Haltung strahlt auf andere Menschen aus, bei denen ähnliche Impulse geweckt oder gestärkt würden. Ein Nachahmungseffekt führt dazu, dass auch andere bei sich selbst beginnen. So lässt sich manches Übel beheben. Bei größeren Missständen gehört jedoch auch Vorbereitung dazu.

b)      Sich und andere vorbereiten: Vielfältige Aktivitäten dienen der kurz- oder langfristigen Stärkung der geistig-sittlichen Fähigkeiten – und zwar sowohl bei sich selbst, in der eigenen Gemeinschaft, als auch in der breiteren Öffentlichkeit und bei der Gegenseite. Mögliche ‚Verstärker‘ werden angesprochen. Dazu zählen z.B. angesehene Persönlichkeiten, potenziell sympathisierende Organisationen und Medien. Insgesamt geht es zum einen um Bewusstseinsarbeit einschließlich Öffentlichkeitsarbeit, aber auch um Wissenschaft und Bildung. Zum anderen bedarf es organisatorischer Vorbereitungen etwa von Streiks, Boykott, zivilem Ungehorsam oder anderen Massenaktionen. Aber auch auf erwartete Gegenreaktionen gilt es sich entsprechend einzustellen.

c)      Mit der gegnerischen Seite kommunizieren: Es gilt, das Geistig-Sittliche, die moralischen Werte, bei der gegnerischen Seite zunächst zu erkennen, um dann daran anschließend bei ihr entsprechende Impulsezu wecken bzw. zu stärken. Dazu gehört es, Bande der geistig-sittlichen Sympathie zu knüpfen. Die Engagierten appellieren mit Worten und Taten an Vernunft und sittliches Gefühl. Sie streben an, immer mit der Gegenseite im moralischen Kontakt zu bleiben. Die erwartete Folge: Die gegnerische Seite, bei einem Kollektiv anfangs oft nur ein Teil davon, fühlt sich innerlich derart zur Zusammenarbeit für mehr Freiheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit gedrängt, dass sie am Abbau des Missstands mitwirkt. Sollte sie jedoch zunächst ablehnen oder gar mit Gewalt reagieren, indem sie etwa den staatlichen Unterdrückungsapparat einsetzt, sind die Aktivitäten in starker geistig-sittlicher Haltung fortzusetzen, um den möglicherweise bei Teilen der gegnerischen Seite bereits vorhandenen inneren Drang zu Wahrheit und Menschlichkeit auf eine Weise zu stärken, die z. B. bei Polizisten oder Soldaten zur Befehlsverweigerung führen kann. Infolgedessen nimmt die Gegenseite sowohl ihr Eigeninteresse als auch ihre geistig-sittliche Verantwortung neu wahr und sie trägt ihrerseits zu mehr Freiheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit sowie zur Überwindung des Missstands bei. Wenn dies noch nicht genügt, ist eine weitere Aktivität angezeigt.

d)     Gesellschaftliche Verstärker von Wahrheit und Menschlichkeit mobilisieren: Nun appellieren die Engagierten direkt an die möglichen ‚Verstärker‘, oder auch an die ‚Massen‘, selbst aktiver zu werden – sei es als vom Missstand Betroffene, sei es aus Solidarität. Die Resonanz in ihrer Vernunft und ihrem sittlichen Gefühl, ihr inneres Mitschwingen, führt dazu, dass sie das geistig-sittliche Moment und den ursprünglichen Appell der Engagierten weiter verstärken – eventuell durch eigene öffentliche Aktivitäten (z.B. Massenveranstaltungen).Dadurch kann der Impuls zu Wahrheit und Menschlichkeit eine Eigendynamik entwickeln. Fällt er nicht stark genug aus, ist der Einsatz so lange fortzusetzen, bis die Zusammenarbeit für Freiheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit den Missstand überwindet.

3.         Idealtypus Gütekraft

Die drei Baupläne stimmen in so vielen und so wesentlichen Punkten überein, dass es möglich ist, ein übergreifendes Konzept mit den typischen Wirkungselementen des Vorgehens zu beschreiben. Damit bietet es unter anderem Grundlagen sowohl für Anleitungen wie auch für Evaluationen ‚gewaltfreier Aktionen‘ – besser formuliert: von ‚Gütekraft-Aktionen‘.

3.1       Zwei Wortbestandteile: ‚Güte‘ und ‚Kraft‘

Warum eignet sich das Wort ‚Gütekraft‘ in besonderer Weise als Konzeptname? Oder anders gefragt: Welche Inhalte transportiert diese Bezeichnung? Sie vereinbart zwei Wortbestandteile, deren Bedeutung in der Regel nicht zusammengedacht werden, die aber zusammengehören: Güte hat Kraft.Sprachlich leitet sich Gütevon ‚gut‘ ab, das ursprünglich „in ein Gefüge passend“ meint. Das Wort hat eine intersubjektive und eine subjektive Bedeutung: Zum einen bezeichnet es eine (intersubjektive) Qualität (z.B. Gütesiegel), zum anderen meint es eine (subjektive) menschliche Einstellung oder Haltung. Inhaltlich liegt bei beiden Aspekten das Bedeutungsfeld von ‚Kraft‘ nicht fern:

  • Güte als Qualität: Bereits die Art und Weise des Handelns, das die gewünschte Verbesserung in Gang setzt, lässt erkennen, dass der erstrebte Zustand besser ist als der zu überwindende Zustand. Gandhis den Gegner schonende Vorgehensweise steht nicht nur moralisch höherals Gegner schädigende Vorgehensweisen. Sie hat auch durch den Umstand eine höhere Qualität, dass sie weniger Schäden verursacht und dass sie direkter und oft auch schneller zum Ziel führt. Höhere Qualität hat die Kraft, geringere Qualität zu verdrängen, wie es im Volksmund heißt: „Das Bessere ist der Feind des Guten“.
  • Güte als menschliche Haltung: In diesem Sinne äußert sich Güte als Wohlwollen und Gerechtigkeit. Sie zeigt sich im Ziel ‚Fülle des Lebens für alle‘. Handeln aus dieser Haltung kann durch ‚Ansteckung‘ Kraft nach außen entfalten.

Beide Bedeutungsinhalte des Wortes Güteund die Vorstellung damit verbundener Kraftfindet in allen drei Einzelkonzepten ihre Entsprechung: Goss-Mayr sieht ‚Gütekraft‘ als ‚Kraft der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der Liebe‘. Gandhi verweist auf die ‚Kraft, die aus Wahrheit und Liebe geboren wird‘. Und de Ligt spricht von den ‚Kräften Wahrheit und Menschlichkeit‘. ‚Gütekraft‘ bietet sich also als gemeinsamer Begriff an, der sowohl die intersubjektiven (darauf deuten ‚Wahrheit‘ und ‚Gerechtigkeit‘) als auch die subjektiven Bedeutungskomponenten (darauf deuten ‚Liebe‘ und ‚Menschlichkeit‘) umfasst.

3.2       Drei Erscheinungsformen

Gütekraft zeigt sich als Interaktionsmuster, als Begegnungs- bzw. Handlungskonzept und als menschliche Potenz (im philosophischen Sinne: als mögliche, aber nicht immer verwirklichte Fähigkeit).

  • Interaktionsmuster Gütekraft: Friedrich Glasl beschreibt die destruktive Abwärtsspirale gewaltsamer Konfliktaustragung. Gütekraft wirkt in die Gegenrichtung: Sie setzt eine ‚Engelsspirale‘ in Gang. Das Interaktionsmuster Gütekraft zeigt sich dann, wenn bis dahin nicht engagierte Menschen auf eine wohlwollende und gerechte Ansprache mit ebenfalls wohlwollend-gerechtem (‚gütekräftigem‘) Handeln reagieren. Dies kommt in Familien oder unter Freundinnen und Freunden häufig vor (Egon Spiegel nennt dies „Gewaltfreiheit in alltäglichen Beziehungen“). Je nach Komplexität des Missstands bzw. der Konfliktlage sind außerdem Kompetenz und Beharrlichkeit nötig.
  • Begegnungs- oder Handlungskonzept Gütekraft: Gütekräftiges Handeln ist durch Wohlwollen und Gerechtigkeitssinn geprägt. Familie und Freundschaften wie auch Kulturen und Religionen formen und tradieren entsprechende Einstellungen. Die Haltung der Güte kann unbewusst vorhanden sein oder durch Persönlichkeitsbildung und als Methodenkompetenz bewusst entwickelt und eingeübt werden. Wo Güte in Verbindung mit Kompetenz im Zusammentreffen mit anderen Menschen oder im Abbau bestehender Missstände praktiziert wird, liegt das Begegnungs- und Handlungskonzept Gütekraft vor. Alle drei Konzept-Baumeister unterscheiden zwischen Personen, die sich für die Verbesserung der Verhältnisse durch den Abbau eines Missstands engagieren, und anderen, die dies noch nicht tun. Zu letzteren gehören zu Beginn der Aktivitäten die Hauptverantwortlichen oder Verursacher des Missstands, die also möglicherweise Gegner in der Sache sind. Sie werden wie andere mehr oder weniger Beteiligte als potenzielle Verbündete angesprochen. Die Anwendung des Begegnungs- und Handlungskonzepts Gütekraft erhöht die Wahrscheinlichkeit der Freisetzung des Interaktionsmusters Gütekraft.
  • Gütekraftpotenz: In der Menschenrechtscharta der Vereinten Nationen werden dem Menschen „Vernunft und Gewissen“ zugesprochen. Naturwissenschaftliche Forschungen der letzten Jahre zeigen: Der Mensch vermag vom frühen Kindesalter an spontan wohlwollend und gerecht zu handeln. Diese ansprechbare und aktivierbare Fähigkeit stellt die Grundannahme des Gütekraftkonzepts über das Menschsein dar. Sie lautet: Alle Menschen – auch Konfliktgegner – möchten wohlwollend und gerecht behandelt werden,sie neigen bewusst oder unbewusst zu Wohlwollen und Gerechtigkeit und sind zu entsprechendem Handeln prinzipiell in der Lage. Durch die Entdeckung dieser Gütekraftpotenz im Eigenen, bei uns selbst, vermögen wir sowohl unser Selbstbild als auch das Bild, das wir uns von anderen Menschen machen, zu verbessern. Wir können diese Potenz dann bewusst verwirklichen und auf sie – zwar ohne Erfolgsgarantie, aber mit guten Gründen – vertrauen.

3.3       Sechs Entfaltungsstufen

Das Gütekraft-Konzept hat sich in unterschiedlichen Situationen und Konfliktlagen bewährt. Dementsprechend lassen sich unterschiedliche Entfaltungsstufen erkennen. Für die jeweils nächsten bleiben alle vorherigen wichtig. Keine Stufe wird übersprungen. Allerdings lassen sich mehrere gleichzeitig nehmen.

1.      Sich selbst erkennen und risikobereit handeln: Gütekräftiges Handeln bedeutet zuerst, sich nach eigenen Anteilen am Missstand zu fragen und diese abzubauenoder aufbauend zu handeln. Dies schließt die Bereitschaft ein, Kosten oder Risiken auf sich zu nehmen. Oft gelingt es bereits auf dieser ersten Stufe, eventuell auch ohne dass andere Personen zur Mitwirkung aufgefordert worden sind, Missstände abzutragen. Wenn nicht, geht es auf der zweiten Stufe weiter.

2.      Aktivitäten auswerten und eigene Handlungsmöglichkeiten verbessern: Dies geschieht unter anderem durch Ausbildung, einschließlich Persönlichkeitsbildung. Der Abbau des Missstands kann die Mitwirkung weiterer Personen und damit Aktivitäten der dritten Stufe erfordern.

3.      Mit anderen gemeinsam den Missstand abbauen: Alle irgendwie Beteiligten werden als potenziell Verbündete angesprochen. Daher werden abwertende Äußerungen wie auch andere Schädigungen bzw. Verletzungen vermieden (‚Gewaltfreiheit‘). Erkennen die Angesprochenen die Lage nicht als Missstand oder sehen sie sich als daran unbeteiligte Personen an, bedarf diese Frage der Klärung. In einem respektvoll geführten Dialog werden gegebenenfalls Folgen destruktiver Handlungen verdeutlicht und Kritik geübt. Genügt ein derartiges Ansprechen und gemeinsame Aktionen nicht zur Behebung des Missstandes, beginnt mit der vierten Stufe die gütekräftige Eskalation.

4.      Verbreiterung und Intensivierung des Einsatzes (Eskalation I): Appelle oder auch dramatisierende Aktionen sollen die Angesprochenen zur Unterstützung bewegen. Auf diese Weise wird der Dialog in die Öffentlichkeit getragen. Wohlwollend-gerechtes Streiten regt andere, noch nicht Engagiertezum Handeln an (‚Mitschwingen‘). Je mehr Personen sich beteiligen, desto stärker dürfte sich bei den vorrangig Verantwortlichen der innere Druck erhöhen, zur Behebung des Missstands beizutragen. Wenn sich diese Gruppe jedoch nicht nur gegen die erforderlichen Veränderungen sperrt, sondern noch  dazu gegen die Engagierten oder deren Aktivitäten vorgeht, wird der Einsatz auf der nächsten Eskalationsstufe fortgesetzt.

5.      Ausdauer, Vorbereitung und Erhöhung des Einsatzes (Eskalation II): Persönlichkeitsbildende und methodische Vorbereitung tragen dazu bei, auch unter erschwerten Bedingungen, d.h. bei Schmerzen und Schädigungen, Wohlwollen und Dialogbereitschaft aufrechtzuerhalten. Wenn die vorrangig Verantwortlichen zu extrem schädigenden Gegenmaßnahmen greifen, zeigen die Engagierten durch freiwillige und gut vorbereitete Gütekraft-Aktionen offensiv, dass sie sich nicht einschüchtern lassen und einen hohen Preis zu zahlen bereit sind. So werden die vorrangig Verantwortlichen intensiv auf  ihren Drang zu Wahrheit und Menschlichkeit angesprochen. Dies soll und kann dazu führen, dass einzelne Personen oder auch Gruppen den Missstand nicht weiter stützen wollen – beispielsweise dass sich sogenannte Ordnungskräfte ganz oder teilweise weigern, gegen die Engagierten vorzugehen. Falls Schlüsselpersonen auch nach weiteren Gütekraft-Aktionen unzugänglich bleiben und den Abbau des Missstands blockieren, gehen die Aktiven zur letzten Eskalationsstufe über.

6.      Massenhafte Nicht-Zusammenarbeit (Eskalation III): Diese Stufe basiert auf der Annahme, dass Unrechtssysteme oder auch einzelne Missstände nur dann andauern, wenn Menschen sie stützen. Nichtzusammenarbeit hat das Ziel, dem Missstand bzw. dem System die Unterstützung zu entziehen. Dazu zählen z.B. Ämterrückgabe, Boykott, Streik bzw. Generalstreik, massenhafte Befehls-, Kriegsdienst- und Steuerverweigerung. Hinzu kommen konstruktive Maßnahmen wie etwa die Besetzung und Umwidmung von Gebäuden und Einrichtungen oder der Entwurf einer neuen Verfassung. Nichtzusammenarbeit kann gesteigert und die Macht von Schlüsselpersonen damit so weit untergraben werden, dass sie entweder einlenken oder ihre Macht aufgeben. Allerdings birgt diese Stufe auch Risiken für die gütekräftig Handelnden: Sympathisierende, aber auch Agents Provocateurskönnten zur Gewalt greifen und so die Bewegung schwächen. Deshalb achten die gütekräftig Engagierten stets darauf, den Appellcharakter und die Dialogbereitschaft in den Vordergrund zu stellen, damit sich das Handlungsmotiv des Machtentzugs nicht verselbständigt.

3.4       Drei Hauptwirkungselemente

Die in den sechs Stufen erkennbaren Wirkungselemente lassen sich auf drei wesentliche zurückführen: Eigentätigkeit, ‚Ansteckung‘ und darauf aufbauende massenhafte Nichtzusammenarbeit.

  • Eigentätigkeit: Wer gütekräftig handelt, setzt mit den verwendeten Methoden bereits Verbesserungen in Richtung auf das jeweilige Ziel in Gang. Wer den Missstand nicht länger unterstützt oder aufbauend handelt, bewirkt damit mehr, als wenn er andere zu Taten oder Unterlassungen auffordert. Das bekannte Motto ‚Der Weg ist das Ziel‘ wird durch den umgekehrten Leitgedanken ergänzt: ‚Das Ziel ist der Weg‘.
  • ‚Ansteckung‘: Da es sich hier weder um physiologische noch psychologische Erklärungsversuche handelt, sind im Folgenden Bezeichnungen wie ‚Ansteckung‘ – oder auch ‚Mitschwingen‘ und ‚Kraft‘ – als Metaphern zu verstehen. Demnach sprechen die Engagierten andere Menschen durch gütekräftiges Handeln auf eine Weise an, die deren eigene, vielleicht kaum bewusste Neigung zu Wohlwollen und Gerechtigkeit ‚mitschwingen‘, innerlich aktiv werden und in den Vordergrund rücken lässt, sodass auch sie auf dieselbe Weise handeln.
  • NichtzusammenarbeitDiese dritte Wirkungsweise kann schon bei der Eigentätigkeit beginnen, indem eigene Anteile an einem Missstand abgebaut werden, und sie schließt an die Elemente Eigentätigkeit und ‚Ansteckung‘ an: Wenn sich mächtige Schlüsselpersonen trotz starken öffentlichen Drucks weigern, am Abbau des Missstands mitzuwirken, regen die Engagierten immer mehr Menschen zu organisiertem, gegebenenfalls massenhaftem ‚Mitschwingen‘ in Form von Nichtzusammenarbeit an, sodass die Macht untergraben und damit die Aufrechterhaltung des Missstands unmöglich wird.

3.5 Grenzen

Gütekräftiges Handeln ist für egoistische Ziele auf Kosten anderer, d. h. auch für jegliche Art von Überlegenheits- oder Hegemoniestreben nicht möglich. Missbrauch ist jedoch nicht auszuschließen. Wie für alle anderen Unternehmungen auch gibt es keine Erfolgsgarantie.

4.         Fazit

Aus den letzten Jahren gibt es verschiedene sozialwissenschaftliche Studien über gewaltfreies Handeln für mehr Demokratie – mit erstaunlichen Ergebnissen über viele große Erfolge. Die Frage, wovon Erfolge abhängen, ergab: nicht von der Stärke der Gewaltbereitschaft der Gegner! Als Erfolgsfaktoren wurden u .a. gefunden: Einheit der Bewegung, Vielfalt der Aktionsformen, hohe Anzahl der Aktiven, Nichtschädigung von Personen und Gewinnen von Polizei bzw. Militär. Die Untersuchungen zur Gütekraft bieten hierzu eine im Bild vom Menschen begründete Erklärung. Darin nimmt die konstruktive Arbeit eine zentrale Stellung ein. Um mit Birgit Berg zu sprechen: „Die überzeugendste Form des NEIN zum Unzumutbaren ist das JA zu den reiferen Möglichkeiten.“

 


Anmerkungen:

* Dr. Martin Arnold, seit Mitte der 1980er Jahre Versöhnungsbundmitglied,war bis 2010 Pfarrer der Evangelischen Kirche im Rheinland. Er arbeitet seit 1997 ehrenamtlich am Institut für Friedensarbeit und gewaltfreie Konfliktaustragung sowie seit 1998 in der Arbeitsgruppe Gütekraft. Er ist Trainer für Gewaltfreie Aktion und wirkte vielfach an solchen Aktionen mit. 1997 bis 2005 lehrte er an der Universität Marburg im Studiengang Friedens- und Konfliktforschung.

[1] Das zweite a wird lang gesprochen.

[2] Aussprache: g wie ch in „ach“

[3] Aussprache: G wie ch in „ach“, ee in den ersten Silben lang, danach sehr kurz e und ü: chés-telüke wérbarhäid

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