TRANSPARENTonline

für die kritische Masse in der Rheinischen Kirche

Alt-Israelitische Traumata und islamistische Wirklichkeit

Bewertung: 4 / 5

Stern aktivStern aktivStern aktivStern aktivStern inaktiv
 

Klaus Schmidt

Manche Menschen sehen in der heutigen Politik Israels die Spuren „Heiliger Kriege“, von denen das Alte Testament erzählt. Dabei wird meist übersehen, dass jene Kriege – wie in der Antike üblich – sagenhaft übertrieben werden. Da werden aus Dutzenden von Toten Hunderte, ja Tausende. Oder: Wenn nach archäologischern Erkenntnissen zur Zeit des sagenhaften Königs Salomo höchstens tausend Menschen in Jerusalem gewohnt haben, Salomo aber nach biblischer Erzählung (1. Könige 11,3) allein 700 Haupt- und 300 Nebenfrauen hatte, dann wird deutlich, dass solche Texte von moderner Recherche meilenweit entfernt sind – und keineswegs Tatsachenberichte.

Viel wichtiger noch: Jene grotesk übertriebenen „Heiligen Kriege“ haben zum größten Teil überhaupt nicht stattgefunden, sondern entstammen der Fantasie traumatisierter Menschen im alten Israel, die physisch und psychisch schwer gelitten haben. Entsprechende Texte werden von Antisemiten blindlings oder trotz besseren Wissens für bare Münze genommen.

Bestürzend aktuell sind allerdings die Ähnlichkeiten alt-israelitischer phantasierter Grausamkeit und grausamer, von terroristischen Kämpfern der Isis produzierten Wirklichkeit  – wobei hier freilich keinerlei direkter Zusammenhang besteht. Zunächst:

Die alt-israelitischen Traumata

Im Jahr 587 v.Chr. wurde der Staat Juda (der Süden Israels) von den Babyloniern erobert. König Zedekia war zuvor von Nebukadnezar als Vasallenkönig eingesetzt worden, hatte sich jedoch später im Vertrauen auf ägyptische Hilfe gegen ihn aufgelehnt. Das führte zur Zerstörung Jerusalems und des Tempels und damit zum Ende des Staates Juda. Die meisten Bewohner wurden ins ferne Babel verschleppt. Der Norden war bereits knapp 200 Jahre vorher von den Assyrern erobert worden.

Die Deportation hatte das Ende der religiöse Identität stiftenden Tempelkultes zur Folge.

An seiner Stelle entwickelte sich der Synagogengottesdienst, und nach der Rückkehr begann man, die Überlieferungen der Vorfahren neu zu formulieren. Die Tora („fünf Bücher Mose“, der Pentateuch), Kernstück des Tanach, der hebräischen Bibel, wird beherrscht vom Konstrukt der mit ethnischer Säuberung verbundenen „Landnahme“ durch aus Ägypten entronnene Hebräer („Israeliten“). In Wirklichkeit wanderten verschiedene Sippen im Laufe von Jahrhunderten überwiegend friedlich ein und verschafften sich mit dem Exodus-Mythos eine gemeinsame Basis als Volk Israel.

Diese fiktionalen Darstellungen erhalten im Buch Josua ihren Höhepunkt. Die Texte vom Buch Josua bis zum 2. Buch der Könige („Deuteronomistisches Geschichtswerk“) kulminieren in den Erzählungen über die Könige von Gottes Gnaden.

Zurück zum babylonischen Exil: Äußerlich bestanden für die Juden in Babylon durchaus günstige Lebensumstände. Sie konnten handeln, Landwirtschaft betreiben und Häuser bauen. Belege über speziell den Juden auferlegte Fronarbeit gibt es nicht. Dennoch löste jene Zeit Traumata aus. Das Gefühl erlittener Demütigungen und Pein und der Verlust des Tempels, des zentralen Heiligtums, führten zu maßlosen religiösen Rachefantasien, wie sie auch Psalm 137 ausdrückt:

„An den Strömen von Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten. 2Wir hängten unsere Harfen an die Weiden in jenem Land. 3Dort verlangten von uns die Zwingherren Lieder, unsere Peiniger forderten Jubel: ‚Singt uns Lieder vom Zion!‘ 4Wie könnten wir singen die Lieder des Herrn,  fern, auf fremder Erde? […] Tochter Babel, du Zerstörerin! Wohl dem, der dir heimzahlt, was du uns getan hast! 9Wohl dem, der deine Kinder packt und sie am Felsen zerschmettert!“ Psalm 137,1ff. Ähnlich Psalm 58 .

Es entwickelte sich ein von Vergeltungsträumen und mörderischem Größenwahn überwuchertes Geschichtswerk, in dem der Gründungsmythos Israels durch ethnische Säuberungen und Völkermord geprägt ist. Die historische Forschung hat – wie gesagt – längst erwiesen, dass die Vorfahren der Israeliten eher als friedliche Siedler ins Land kamen. Die Mauern von Jericho waren damals längst zerstört. „Keine Posaunen vor Jericho“ ist sogar der Titel eines kürzlich in Israel erschienenen und ins Deutsche übersetzten Bestsellers von Israel Finkelstein und Neil A. Silberman. Die behauptete Gewalt im Gründungsmythos Israels ist – wenn überhaupt – nur hier und da ansatzweise praktiziert worden. –

Auch wenn die Mordtaten des IS mit den hier geschilderten Praktiken in keinerlei ursächlichem Zusammenhang stehen, lesen sich die alten Texte doch in fast gespenstischer Weise wie ein Drehbuch für das heutige, aktuelle Geschehen. Man sollte das nicht verdrängen, sondern wörtlich zur Kenntnis und in seiner Suggestionskraft ernst zu nehmen.

Kriegsgott und Völkermörder?

Im babylonischen Exil entwickelte sich der Monotheismus als ultimative religiöse Macht. In der Fantasie der Traumatisierten ist Gott selber und allein nun ultimativer Urheber und Befehlshaber vielfacher Tötungen, ja Urheber ethnischer Säuberungen. Da geht es nicht mehr um einzelne, am  Felsen zu zerschmetternde babylonische Kinder, sondern um die göttliche Ermordung der ägyptischen Erstgeburt. (Im Neuen Testament unterstellt man dem Herodes ein solches Verbrechen, das ebenfalls in Wirklichkeit nie stattgefunden hat.). Um Todesstrafe für religiös Abtrünnige geht es – wie im Islam – auch schon gegenüber jenen, die das Goldene Kalb anbeten (Buch Exodus 32,26ff). Da befiehlt Mose den Söhnen Levis im Auftrag Gottes:  „Ein jeder lege sein Schwert an die Hüfte! Geht im Lager hin und zurück, von Tor zu Tor, und erschlagt jeder seinen Bruder und seinen Freund und seinen Verwandten! 28Die Söhne Levis nun handelten nach dem Wort des Mose; und es fielen vom Volk an jenem Tage etwa 3000 Mann.“

Vor der sagenhaften Eroberung Kanaans prophezeit Gott einen gründlichen Vernichtungsfeldzug (Deuteronomium 9,3), und der legendäre, zuvor als Befreier aus ägyptischer Fron stilisierte Mose mutiert zum göttlichen Beauftragten für Massenmord, Vergewaltigung und verbrannte Erde. Die Männer wurden getötet. „Dann führten die Israeliten die Frauen und die Kinder Midians gefangen fort, schleppten all ihr Vieh, ihre sämtlichen Habe als Beute mit, steckten alle ihre Städte in ihren Wohngebieten und alle ihre Zeltlager in Brand [...]. Mose fuhr sie an: „Habt ihr wirklich alle Weiber am Leben gelassen? [...] Tötet sofort alle männlichen Kinder, ebenso tötet jedes Weib, das bereits mit einem Manne geschlechtlich verkehrt hat! Alle jungen Mädchen aber, die mit einem Mann noch nicht geschlechtlich zu tun hatten, lasst für euch am Leben. (Numeri 31, 1–2,7–10,15–18)

Wenn eine Stadt sich nicht unterwirft, darf getötet, versklavt und vergewaltigt werden. Damals fantasiert, heute im Irak praktiziert – auch wenn da kein direkter Kausalzusammen-hang besteht. –  Hier ein weiteres Beispiel göttlichen Befehls aus dem „5. Buch Mose“:

„Wenn du gegen eine Stadt anrückst, um sie zu bekriegen, so sollst du ihr zuerst eine friedliche Regelung anbieten. Geht sie auf die friedliche Lösung ein und öffnet sie dir die Tore, dann soll dir die ganze darin befindliche Bevölkerung frondienstpflichtig und untertan sein. Wenn sie aber keine friedliche Übereinkunft mit dir eingeht [...] dann magst du alles Männliche in ihr mit der Schärfe des Schwertes erschlagen. Die Frauen und Kinder jedoch, das Vieh und alles, was sich in der Stadt findet, alles in ihr Erbeutete sollst du an dich nehmen und das von deinen Feinden Erbeutete, welches dir Jahwe, dein Gott, gibt, genießen.“ (Deuteronomium 20,10–14)

An anderer Stelle wird jede „friedliche Regelung“ zugunsten gnadenloser Ausrottung verboten:

„Du sollst alle Völker, welche Jahwe, dein Gott, dir preisgibt, verschlingen; du darfst sie nicht mitleidigen Blickes schonen, und ihre Götter darfst du nicht verehren [...]. (Deureronomium 7, 1,2,5,17)

Undder Prophet Samuel – so heißt es – entthronte dementsprechend König Saul, weil er das Leben von amalekitischen Gefangenen schonte (1. Samuel 15).

Wenn heutzutage gefragt wird: Wie können Menschen, die lachend andere enthaupten,

so blutrünstig werden, so stellt sich die gleiche Frage schon im Blick auf die legendären Volksführer Mose und Josua, die da singen: „Meine Pfeile mache ich trunken vom Blut, und Fleisch soll fressen mein Schwert.“ (Deuteronomium 32,42)

Werfen wir einen kurzen Blick auf die Wirkungen, die solche Geschichten auf Kinder und Jugendliche in Israel haben können. Uri Avnery, seit Jahrzehnten  Kopf der Friedensbewe-gung in Israel, schrieb 2009 in der Zeitschrift „Ossietzky“: „Während der letzten Jahrzehnte hat das vom Staat finanzierte religiöse Bildungssystem Rabbiner“ produziert, die eher mittelalterlichen christlichen Priestern ähneln als jüdischen Weisen aus Polen und Marokko. Dieses System indoktriniert seine Schüler mit einem gewalttätigen Stammeskult, der völlig ethnozentrisch ist […] Dies ist die Religion eines Auserwählten Volkes, anderen Völkern gegenüber gleichgültig, eine Religion ohne Mitleid für die, die nicht jüdisch sind – eine Religion, die den von Gott angeordneten Genozid, im biblischen Buch Josua beschrieben, verherrlicht. Die Früchte dieser Erziehung sind die „Rabbiner“, die jetzt die religiöse Jugend unterrichten. Mit deren Ermutigung ist ein systematischer Versuch unternommen worden, die israelische Armee von innen heraus zu übernehmen.“  

Aber vergessen wir nicht: Der „Tanach“, die hebräische Bibel, ist auch ein Buch von unvergleichlicher Menschlichkeit. Es fängt mit der Beschreibung der Erschaffung von Mann und Frau an, indem betont wird, alle Menschen seien nach dem Bilde Gottes geschaffen – und deshalb gleich. „Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde, nach dem Bilde Gottes schuf er ihn, Mann und Frau.“  Und an den profetischen und dissidentischen Rändern des Tanach wird Gerechtigkeit und Frieden für alle Menschen in den Blick genommen – inklusive Rüstungskonversion: „Schwerter zu Pflugscharen“ (Micha 4,3; Jesaja 2,4)!

Wenden wir uns nun der Gewalt im Islam zu:

Gewalt im Islam und der „islamische Staat“ (IS)

In Syrien und im Irak wird heute ein Terror in die Tat umgesetzt, der im Alten Testament nur die fantastische Ausgeburt kollektiver Traumata war. Die Mordtaten des sogenannten „islamischen Staates“ (IS) sind einzigartig. Eine vergleichbare totalitäre Kriegs- und Eroberungsaktion hat es in der gesamten islamischen Geschichte nie gegeben. Doch im Zusammenhang zunehmender islamistischer Militanz spielen demütigende Erfahrungen eine weithin unterschätzte Rolle! Zitat aus islam.de  (27.9.2014): „Es besteht kein Zweifel dass sich verwaiste Habenichtse aus Syrien und Irak blenden und locken lassen durch ein Bild der vermeintliche Stärke des ISIS und nach jahrzehntelangen Kriegen, Demütigungen durch Diktatorengenerationen und westlicher Einmärsche vielleicht nun erstmalig in ihrem Leben so etwas wie Selbstachtung erfahren – darüber hinaus vielleicht viel wichtiger, auch einen ordentlichen Tagessold erhalten.“

Die „Wirtschaftswoche“ schrieb am 6. Oktober 2014: „Die arabischen Muslime fühlten sich durch Niedergang und Kolonialismus gedemütigt. […]  Sie mussten eine weitere Niederlage hinnehmen: Ihre nationalistische Reaktion mit dem Panarabismus eines Gamal Abdel Nassers brachte nicht den erhofften Wiederaufstieg. Aus dieser emotionalen Enttäuschung speisen sich die Flucht in die Religion und die Wut über den Westen, dem sie pauschal die Schuld an der Demütigung geben.“ Die blutigen Auswirkungen Jahrzehnte langer verheerender  US-Politik im Irak werden hier freilich nicht deutlich beim Namen genannt.

Bei der Beurteilung „Islam oder Islamismus“ spielt der Koran natürlich eine entscheidende Rolle. In ihm gibt es bekanntlich vielfältige kriegerische Texte. Doch auch hier kommt – genau wie bei der Bibel – alles darauf an, ob und wie sie im Kontext und in ihren Auswirkungen beurteilt werden können. Exemplarisch ist hier die Sure 5: „Und wenn die heiligen Monate abgelaufen sind, dann tötet die Ungläubigen, wo ihr sie findet, greift sie, umzingelt sie und lauert ihnen überall auf ! Wenn sie sich aber bekehren, das Gebet (salaat) verrichten und die Almosensteuer (zakaat) geben, dann laßt sie ihres Weges ziehen! […] Und wenn einer von den Heiden dich um Schutz angeht, dann gewähre ihm Schutz, bis er das Wort Allahs hören kann! Hierauf laß ihn (unbehelligt) dahin gelangen, wo er in Sicherheit ist!“ (Sure 9,5f).

Diese Verse trug Ali ibn Abi Talib, Mohammeds Vetter und Schwiegersohn, während einer Pilgerfahrt im Jahr 631 auf Mohammeds Anordnung vor. Moderne muslimische Autoren stellen sie in den historischen Kontext: Sie beziehen sich  auf den arabischen Stamm der Koraischiten, die ihr Waffenstillstandsabkommen mit Mohammed gebrochen hatten, und stellen somit - entgegen klassischen Korankommentaren - kein Gebot zu einem allgemeinen Kampf gegen Andersgläubige dar. Die maßgeblichen Koranverse für die Beziehung von Muslimen mit Nicht-Muslimen sind solche wie 8,61:

„Und wenn sie (d.h. die Feinde) sich dem Frieden zuneigen, dann neige (auch du) dich ihm zu (und lass vom Kampf ab)! Und vertrau auf Gott! Er ist der, der (alles) hört und weiß.“

Unabhängig von traditionellen oder modernen Interpretationen kriegerischer Texte im Koran und in den Prophetensprüchen gilt in der islamischen Lehre vom Völkerrecht (siyar) folgender Grundsatz: Verboten ist die Tötung von nicht an Kampfhandlungen Beteiligten,  wie Frauen, Kindern oder Mönchen. Verboten ist ferner die Verstümmelung sowohl menschlicher als auch tierischer Leichen, die unnötige Zerstörung fremden Guts sowie die Tötung von Geiseln. (Vgl. dazu ausführlich Rüdiger Lohlker, Das islamische Völkerrechtsdenken. Kann es einen Beitrag zu einer Friedensvölkerrechtsordnung leisten? In: Wissenschaft & Frieden, 2010/, S. 10-14.)

Insofern verstoßen die gemeingefährlichen Terroristen des so genannten „islamischen Staates“ (IS) massiv gegen das islamische Völkerrecht. Konsequenterweise verurteilt eine langsam steigende Zahl von muslimischen Gelehrten, Imamen und Moschee-Gemeinden die IS-Terroristen  und signalisiert „Not in our name!“  

Im Übrigen sei angemerkt, dass der Islam mindestens so widersprüchlich ist wie die beiden anderen verwandten Buch-Religionen. So seien auch hier abschließend drei Texte zitiert, die Liebes- und Friedensfähigkeit zur Sprache bringen:

„O ihr Menschen! Wir erschufen euch aus einem Mann und einer Frau und machten euch zu Völkern und Stämmen, damit ihr einander kennen lernt.“ (Sure 4,13)

Sure 41,34: Wehre (das Böse) mit Besserem ab, und schon wird der, zwischen dem und dir Feindschaft war, dir wie ein echter Freund werden.“ Und zum Abschluss Sure 5,32: „Wer einen Menschen tötet, ohne dass dieser einen Mord begangen oder Unheil im Lande angerichtet hat, soll wie einer sein, der die ganze Menschheit ermordet hat (Sure 5,32).

Gewiß gehören alle drei Buchreligionen nicht zu den Protagonisten radikaler Kriegsächtung und universaler Menschenrechte. Doch geben wir die Hoffnung nicht auf, dass jene hoffnungsvollen Texte, die Gerechtigkeit und Frieden propagieren, ihre Wirkungskraft noch weiter entfalten als bisher!

Empfehlung

Benutzer-Anmeldung