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Charlotte von Kirschbaum und Elisabeth Freiling, Briefwechsel von 1934 bis 1939, hrsg. von Günther van Norden, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen, 1. Auflage 2014, 232 Seiten gebunden, ISBN 978-3-525-55073-1

Dieser bisher unveröffentlichte Briefwechsel ist in mehrfacher Beziehung bemerkenswert – und spannend. „Er erörtert“, so Herausgeber Prof. Günther van Norden, „anschaulich alle Fragen, die zu ihrer Zeit virulent waren: die Judenverfolgung und die aggressive nationalsozialistische Machtausweitung, die Stellung der Frau, das ‚Amt der Vikarin’, die Eidesfrage“. Die Bewertung der Homosexualität und von seelischen Erkrankungen zeige ebenso wie die Stellung der Frau in Kirche und Gesellschaft „eine Position zwischen den Zeiten“. Die höchst lebendigen Einblicke in die (kirchliche) Zeitgeschichte werden durch kundige Anmerkungen des Herausgebers noch intensiviert.

Der Briefwechsel beginnt im August 1934. In diesem Jahr macht die 1908 geborene Theologiestudentin Elisabeth Freiling, die während ihres Bonner Studiums kurzzeitig im Haus der Familie Barth wohnte, ihr erstes Examen vor der Prüfungskommission des staatsloyalen Konsistoriums. Dann aber lässt sie sich von der „Bekennenden Kirche“ (BK) in ein Vikariat einweisen – und wird deshalb vom Konsistorium aus der Liste de Vikarinnen gestrichen. In Barmen-Wupperfeld wird sie in der Gemeinde tätig, vorwiegend in der Mädchenarbeit.

1934 sind bereits acht Jahre der Liebesbeziehung zwischen der 1899 geborenen ehemaligen Krankenschwester Charlotte von Kirschbaum und dem 14 Jahre älteren protestantischen „Kirchenvater“ Karl Barth vergangen. Es sollte eine lebenslange, schöpferische und produktive Arbeitsgemeinschaft zweier Menschen werden, die auch Erfahrungen von Glauben und Denken miteinander teilten. Charlotte von Kirschbaum war bereits im täglichen Arbeitsaustausch mit Barth eine gelehrte, wenn auch nicht examinierte Theologin geworden, deren Mitwirkung über die Tätigkeit einer – offiziell so genannten – „Sekretärin“ weit hinausging.

Da ist „neben“ den beiden Genannten freilich noch Barths Ehefrau Nelly und deren fünf Kinder. Barth hatte sich von ihr entfremdet, er stellte sich sogar die Frage, ob die im Wesentlichen von seiner Mutter arrangierte Ehe nicht von Anfang an ein Fehler gewesen sei. Dennoch wurden Möglichkeiten des Zusammenlebens intensiv untereinander, in der Familie und mit Freunden diskutiert; dieses war immer problematisch und gefährdet, hielt jedoch über 35 Jahre.

„Gerade die Tatsache, welche die grösste irdische Wohltat ist, die mir in meinem Leben geschenkt wurde, ist zugleich das strengste Urteil wider mein irdisches Leben“ hatte er Anfang der dreißiger Jahre an seine „Sekretärin“ geschrieben. „So stehe ich vor Gottes Augen, ohne dass ich ihm auf die eine oder andere Weise entkommen könnte.“

Im März 1935 äußert sich Charlotte von Kirschbaum Elisabeth Freiling gegenüber in etwas anderer Richtung. Für sie kann „wirkliche Ehe nicht anders entstehen als aus gemeinsamer Erkenntnis freier gegenseitiger Liebe“, verstanden als „unbedingtes Bejahen einer bestimmten Person des anderen Geschlechtes“. Jede Ehe,in der diese Liebe nicht oder nicht mehr gegeben ist, sei „in dieser Hinsicht als

gebrochene Ehe anzusehen“. Andrerseits sei freilich auch dies zu sagen: „Wo diese Liebe besteht ohne Ehe, wosie also die Legitimität des Zivil- u. Kirchenrechtes u. der geltenden Moralnicht in Anspruch nehmen kann, da fällt doch auch sie unter das Gebot derEhe, unter seinen Anspruch u. unter seine Verheißung. Was in der Schriftnicht vorgesehen ist, das ist erotisches Spiel, sodaß wohl zu sagen wäre: jedesEreignis im Gebiete des Eros meint Ehe (nicht unbedingt „verheiratetsein“!!) u. steht unter diesem Gebot. Unverantwortliche Entscheidungengibt es hier nicht, hier so wenig wie auf andren Gebieten“ (S. 29).

Während sie auf diese Weise die harte protestantische Ehelehre weich spült, trifft eben jene Lehre im Rheinland auf kirchliche Wirklichkeit: Der BK-Pfarrer Georg Schulz, den die Frauen in ihrem Briefwechsel besorgt erwähnen, wird von einem BK-Presbyterium wegen Ehescheidung in die Wüste geschickt. (Ein solcher oder ähnlicher Vorgang sollte sich in der rheinischen Kirche noch bis in die Gegenwart hinein wiederholen – ebenso die Titulierung Charlotte von Kirschbaums als „Sekretärin“ des großen „Kirchenvaters“.)

Die Person, die im Briefwechsel neben Karl Barth die größte Aufmerksamkeit erfährt, ist Hellmut Traub (1904-94): Günther van Norden stellt ihn kurz vor: „DerSohn des liberalen Dortmunder Pfarrers und nationalkonservativen Politikers und Publizisten gehörte wie auch Elisabeth Freiling zum engeren Kreis der Schüler Karl Barths. Er wohnte während seines Theologiestudiums zunächst in Tübingen, ab 1931 in Bonn zeitweise im Hause seines Lehrers in der Siebengebirgsstraße. Herbst 1934 1. Theologisches Examen Konsistorium Münster, 1935 Vikar in Honnef. Im gleichen Jahr Verhaftung wegen homosexueller Anklage (§ 175 Strafgesetzbuch). KZ Dachau. Nach Intervention Visser’t Hoofts bei Himmler Freilassung. 1936 kurzfristig Assistent bei Ernst Wolf in Halle, danach Abordnung zum BK-Superintendenten Staemmler nach Großkugel. Wieder Verhaftung. Frühjahr 1937 2. Theologisches Examen BK in Barmen (S. 19, Anm. 9).

Im September 1935 schreibt Charlotte von Kirschbaum an ihre Freundin: „Liebes Fräulein Freiling […] Er ist in München, wartet auf die gerichtl. Untersuchung. Ich habe ihm eben geschrieben. Sobald er Besuche haben darf, fahre ich dorthin. Er bittet flehend darum u. ist natürlich am Ende seiner Kraft. – Um was es sich handelt? Um eine der sinnlosen Härten, wie wir sie kennen. [Unleserlich] u. ich darf sagen: K[arl]. B[arth]. und ich wußten seit Jahren um die besondere Schwierigkeit im Leben unseres Freundes. Wir haben ihn in einer Nähe kennen gelernt, wie das vielleicht sehr selten ist. Und ich

kann Ihnen von daher nur sagen: Vertrauen Sie ihm weiter wie bisher. […] Umso härter ist es, wenn nun aus der Vergangenheit eine Schuld sich an ihm rächen sollte, die als Schuld von ihm selbst erdrückend empfunden wird, die aber mit einem groben Vergehen im gerichtl. Sinn nur infolge einer verantwortungslosen Willkür verwechselt werden könnte“ (S. 42).

Im September kann Charlotte v.K. den Inhaftierten besuchen und stärken. Ihre Briefpartnerin fragt: „Meinen Sie nicht, daß dieser ganze Bann, der auf Herrn T. lag, diese Unruhe und heimliche Angst, von der Verborgenheit dieser Schuld her kam, und sich ja, wenigstens mir ging es so, unwillkürlich auch auf seine Umgebung legte? Ich weiß wohl, was das alles nun für seinen äußeren Weg bedeutet, aber, verzeihen Sie (ist das herzlos oder unbesonnen?), ich kann es nicht für wichtiger halten als gerade die Bereinigung der heimlichen Schuld.“

Sie sei, schreibt Günther van Norden, wie die meisten Menschen damals – auch Charlotte v.K. –

nicht in der Lage, die vermutete Homosexualität „als eine Variante der Natur“ zu erkennen, vielmehr als „Schuld“, die „bereinigt“ werden müsse. „Jedoch waren sie in ihrer Empathie de facto sehr viel weiter, als es die babylonische Gefangenschaft ihrer dogmatisch-ethischen Vorgaben ermöglichte“ (S. 43, Anm. 54).

Karl Barth hatte inzwischen (1934) seine Bonner Professur verloren, nachdem er den Beamteneid „auf den Führer“ verweigert hatte, und war nach Basel umgezogen. Er war nur bereit gewesen, den Eid mit dem Zusatz „… soweit ich es als evangelischer Christ verantworten kann“ zu leisten. Nicht wenige führende Kräfte der BK waren erleichtert darüber gewesen, dass der dem NS-System ungeschminkt widersprechende „Vater der Bekennenden Kirche“ in die Emigration gezwungen wurde. Viele Jüngere hatten mit Zorn und Trauer reagiert – auch E. Freiling und Ch.v. Kirschbaum. Sie sind sehr bewegt von einem Brief, den Barth im Juni 1935 an den BK-Pfarrer Hermann Albert Hesse geschrieben hat. Er beklagte darin, dass sich die BK nach wie vor zu einer Obrigkeit bekenne, die sich zu„einer fluchwürdig gewordenen Tyrannei“ entwickelt hätte. „Sie hat für Millionen von Unrecht Leidendennoch kein Herz. Sie hat zu den einfachsten Fragen der öffentlichen Redlichkeit noch kein Wort gefunden. Sie redet – wenn sie redet – noch immer nur in ihrer eigenen Sache. Sie hält noch immer die Fiktion aufrecht, als ob sie es im heutigen Staat mit einem Rechtsstaat im Sinne von Römer 13 zu tun habe“ (zit. G. van Norden, S. 37f., Anm.49. Informationen zu Hesse ebda.).

Elisabeth („Elli“) Freiling schreibt im Juli über die BK: „Sie begreifen Prof. Barth nicht und deshalb wollen sie ihn nicht, sie haben im Grunde alle Angst vor seinem Wort“ (S. 39).

Im Sommer 1938 sehen sich die Pfarrer – auch der BK – seitens der kirchenleitenden Gremien genötigt, den Eid „auf den Führer“ zu leisten. Karl Barth reagiert „in Ingrimm und Betrübnis“ mit einem „Offenen Brief“, den C. v. Kirschbaum auch an E. Freiling weiter leitete. Noch viel deutlicher schrieb Barth an einige Freunde: „Wann […] wird der liebe Gott euch deutschenTheologen zu eurem nicht genug zu schätzenden Tiefsinn und Scharfsinnhinzu auch noch ein bischen schlichter politischer Vernunft schenken, damit ihrbei solchen Anlässen, statt die Augustana etc. zu wälzen, rechtzeitig riechen –oder doch ein bischen hören möchtet, wenn Andere euch sagen, daß sie von weitem riechen! –, was los ist“ (zit. v. Norden, S. 192, Anm. 254). Viele murrten ob solcher Schelte. Dann wurde auch noch Ende August bekannt, dass Reichsminister Martin Bormann keinerlei Interesse am Pfarrer-Eid habe!

Für Elli Freiling ist neben dem unnötigen Führereid noch eine weitere Herausforderung Anlass zum Zorn: BK-Vikare und -Vikarinnen stehen immer wieder vor der Herausforderung, sich vom staatsloyalen Konsistorium legalisieren und so auch finanziell absichern zu lassen. Sie schreibt einem BK-Vikar: „Ist es nicht der gleiche verhängnisvolle Nebel um unsere Frage, der auch um die Eidesfrage liegt? […] Eine Kirche (und Kirchenleitung), die in der Eidesfrage so in das Gewebe der Lüge und Unwahrhaftigkeit hineingezogen ist, kann in dieser anderen Sache nicht „frei“ handeln. […] Wenn mir der Teufel das Wort Gottes anbietet, lehne ich es ab, geschweige denn sein Brot. Denn es ist Gift!“ (S. 196)

Im Brief an Ch. v. Kirschbaum verschärfte sie ihre Kritik: „ Dies Geld ist in den Händen der Götzendiener, sie bieten es uns an. […] Und längst schleicht dieses Gift in allen Adern der BK und lähmt und tötet langsam ihr Leben. Und nun sollen wir es immer wieder fordern, ja darum bitten?“ Kluges Handeln sei vielmehr „im Glauben auf dem Weg zur finanz. Selbständigkeit unserer Gemeinden“ geboten. „Der Nebel, den ich hasse (auf dem Rigi war er harmlos! Ich bin stattdessen zu den Rehen und Hirschen in Arlpoldau gegangen und habe sie gut trösten können über den Regen, denn es würde bald wieder die Sonne scheinen. Aber hier?), scheint mir seine Ursache darin zu haben: Angst, Angst vor dem Gegner und der Unsicherheit der Existenz“ (S. 197f.)

Ein weiterer von den beiden Frauen erörterter Problemkreis soll zum Schluss wenigstens noch skizziert werden. Sie plagen sich mit der seit Luther üblichen Interpretation der Frau als „passende Gehilfin des Mannes“ (Genesis 2,18) ab – wobei die Frau aus der Sicht kritischer Exegese eher als überlegene denn als unterlegende Helferin zu verstehen gewesen wäre. So oder so: „Hier bestimmen einerseits immer noch die gängigen Interpretationen alt- und neutestamentlicher Aussagen von der Frau als „Gehilfin“ des Mannes und ihrer Zurückhaltungspflicht in der Gemeinde die tradierte dogmatisch begründete und sozial akzeptierte Vorrangigkeit des Mannes (und also auch des Pfarrers), andererseits verlangen die akademische Ausbildung der Theologinnen und ihr in der Frauenemanzipation gewachsenes Selbstbewusstsein eine mehr oder weniger dem Mann gleichberechtigte Stellung auch im Pfarramt“ ( v. Norden, S. 13).

Verwunderlich bleibt, dass sich die beiden Frauen, die mit Freude und Dankbarkeit, Mitgefühl und Trost kommunizieren, bis zum greifbaren Ende ihrer Korrespondenz mit der Anrede „Liebes Fräulein…“ siezen. Eine der vielen Hellmut Traub betreffenden sorgenvollen Briefe von E. Freiling (8.9.37; S. 143) liefert eine gewisse Erklärung. Traub genießt die Barthsche Gastfreundschaft in der Schweiz, und E. Freiling schreibt: „Es ist ja schade, daß solches Wissen immer erst den Umweg über die Schweiz nehmen muß jetzt, ich gewöhne mich noch schlecht daran, daß der direkte Weg zwischen ihm und mir so verschlossen scheint, aber es ist auch sehr schön, daß ich dann alles in der helfenden Weise von Ihnen erfahre und damit zugleich die Verbindung zu Ihnen bleibt, die ja doch in diesem Mittelsobjekt auch ihren Ursprung sehr stark hat.“

Eine Verbindung zu Traub ist nach 1939 nicht mehr (auf)spürbar. Er leitete in diesem Jahr als Vertreter Dietrich Bonhoeffers ein Predigerseminar in Pommern, war danach in Berlin tätig, wurde dort wegen „hochverräterischer Äußerungen“ verhaftet, zur Wehrmacht eingezogen, vertrat dann Helmut Gollwitzer in Berlin-Dahlem und besorgte hier jüdischen Bürgern gefälschte Pässe und Lebensmittelmarken. 1945–48 war er Pfarrer in Hamburg – und heiratete ein Jahr später die BK-Vikarin Änne Schümer (Zu Weiterem vgl. Anm. 104).

Elisabeth Freiling war 1937 Sprecherin der Vikarinnen in der Leitung der „Bruderschaft rheinischer Hilfsprediger und Vikare“ geworden. Auch als sie in der Frage der Legalisierung schließlich „einknickte“, blieb sie an Barths Seite. 1938-54 arbeitete sie – von kurzzeitiger Pfarrvertretung abgesehen – im Rheinland und wurde danach dort bis zum Ruhestand (1970) Dozentin am Katechetischen Seminar (vgl. v. Norden, S. 12).

Und Charlotte von Kirschbaum? Sie engagiert sich im „Schweizerischen Hilfswerk für die Bekennende Kirche in Deutschland“ für Verfolgte in Deutschland und wird in der Bewegung „Freies Deutschland“ aktiv, die zum Sturz des NS-Regimes und der Bildung einer demokratischen Regierung aufruft. 1949 schreibt sie ein in Ansätzen feministisches Buch („Die wirkliche Frau“), verliert zunehmend das Gedächtnis und kommt 1966 in ein Heim, wo sie der inzwischen gebrechliche, bald 80-jährige Karl Barth regelmäßig besucht. Er stirbt zwei Jahre später, sie 1975, Nelly Barth 1976.

Diese Korrespondenz zweier bedeutender Frauen stellt dank der akribischen Arbeit von Prof. Günther van Norden einen einzigartigen Beitrag zur politischen Zeitgeschichte ebenso wie zur Mentalitäts- und Kirchengeschichte dar. Spürbare Empathie vertieft die Lektüre – und macht sie ebenso spannend wie manche scharfsinnigen Analysen.

Klaus Schmidt

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