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Andreas Buro, Gewaltlos gegen den Krieg

Bewertung: 3 / 5

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Kurz nach Versand des letzten Newsletters (1-2012) ging uns eine weitere Rezension zum Buch von Andreas Buro zu, die wir hier gerne publizieren:

Andreas Buro, Gewaltlos gegen den Krieg, Lebenserinnerungen eines streitbaren Pazifisten, Brandes & Apsel, 2011, ISBN 978-3-86099-709-3, 328 Seiten, 24,90 €

Politische Literatur insbesondere aus dem akademischen Milieu ist oft trocken und abstrakt, sodass die politische Botschaft des Werkes den Lesenden nicht eingeht. Die Autobiografie des  streitbaren und streitfähigen Pazifisten Andreas Buro ist spannend und präzise geschrieben. Sie schildert anschaulich den Werdegang eines Menschen, der sich privat, beruflich im universitären Bereich und in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit argumentativ und deshalb erfolgreich mit Gewalt, Krieg und Frieden auseinandersetzt. Was der Autor denkt und politisch tut, spiegelt sich auch in dem dargestellten persönlichen Leben.  

Andreas Buro, 1928 in Berlin in eine bürgerliche Familie hinein geboren, hat den 2. Weltkrieg als Flakhelfer erlebt und überlebt. In der Ostzone und der frühen DDR machte er nach einem Forstdienst in Eberswalde und einem Studium der Forstwirtschaft an der Humboldt-Universität in Berlin schlechte Erfahrungen mit dem realen Sozialismus und dessen Bildungspolitik. Eine berufliche Zukunft war ihm dort nicht möglich. Anfang 30 engagierte er sich bei der Internationale der Kriegsdienstgegner in Braunschweig gegen die Remilitarisierung der Bundesrepublik. Ihn beeindruckten die Satyagraha-Normen des Mahatma Gandhi, bei denen es „im Kern … um die eigene Haltung dem anderen gegenüber“ ging: „Gib dem Kampf einen positiven Inhalt! Dehne die Ziele des Kampfes nicht aus! Schenke dem Gegner Vertrauen! …“  (S. 84).  Diese Normen prägten fortan Buros pazifistisch geprägtes Reden, Schreiben und persönliches und öffentliches Handeln.

Von München aus arbeitete er in der Kampagne der Ostermarschbewegung für Demokratie und Abrüstung, gegen die Stationierung von Atomwaffen in der Bundesrepublik. 1964 wurde er als Sprecher des Zentralen Ausschusses der Ostermarschbewegung gewählt, die sich selbst als „Außerparlamentarische Opposition“ bezeichnete. Der Vietnam-Krieg spielte eine wichtige Rolle in der Kampagne. Im Jahre 1966 begann Buro ein Zweitstudium der Politologie in München. 1979 habilitierte er sich an der Goethe-Universität Frankfurt/Main.

Beim Entstehen der RAF vermisste er „eine öffentliche Diskussion über grundsätzliche Fragen der Gewaltanwendung. Das war eine gefährliche Situation für linke Politik, wie auch für die Politik der Gewaltfreiheit“ (S.132). Der Kongress „Am Beispiel Angela Davis“ (1972) des Sozialistischen Büros (SB), dessen Mitgründer er war, brach nach Buro die damalige Faszination für Gewalt und machte die „zentrale Frage nach der gewaltsamen Austragung von Konflikten … wieder einer rationalen, ethischen und moralischen Erörterung zugänglich“ (S. 134).  Das SB (Zeitschrift „links“) wandte sich mit dem Pfingstkongress 1976 gegen den unter der rot-gelben Regierung beschlossenen „Radikalenerlass“.

Um sich mehr den Menschenrechten und ihrem Schutz zuzuwenden, gaben Anfang 1980 Wolf-Dieter Narr, Klaus Vack und Andreas Buro den Anstoß zur Gründung des dezidiert gewaltfrei ausgerichteten Komitees für Grundrechte und Demokratie als Teil der wachsenden sozialen Bewegungen. Dessen friedenspolitischer Sprecher ist Buro heute. Das Komitee beteiligte sich an der neuen deutschen Friedensbewegung gegen die Nachrüstung infolge des NATO-Doppelbeschlusses von 1979.  Buro beteiligte sich an den Blockaden am Raketen-Stationierungsort Mutlangen und wurde wegen Nötigung verurteilt. Vor Gericht wandte er sich gegen den Versuch, Gewaltfreiheit zu kriminalisieren. Diese kritisierte Rechtsprechung wurde später von Gerichts wegen aufgehoben.

Buro vertrat wie viele in der Friedensbewegung in der sicherheitspolitischen Auseinandersetzung in Ost und West als Alternative zur Politik der NATO ein striktes Defensivkonzept im Sinne einer „strukturellen Nichtangriffsfähigkeit“, das im Anschluss an E. Afheldt die Bedrohung des Gegners vermied und „Entspannung und Abrüstung“ anregen sollte (S. 185).

Nach dem Ende des Ost-West-Konfliktes 1989  wurde Buro einer der Gründer der Helsinki Citizens Assembly (HCA), eines Netzwerkes von demokratischen Basisgruppen in den KSZE-Staaten. Er engagierte sich für Flüchtlinge, gegen den Irakkrieg und mit der HCA  und dem Komitee für eine grenzüberschreitende Friedensarbeit im ehemaligen Jugoslawien. Zusammen mit anderen aus der deutschen Friedensbewegung gründete er 1992 den Verein „Den Winter überleben“ (später: „Den Krieg überleben“), der bosnischen Flüchtlingen in Deutschland Zuflucht verschaffte.

Seine friedenspolitischen Arbeiten kritisierten einerseits die Ideologien zur Legitimation von Militär und Militärpolitik, skizzierten andererseits die Alternativen im Sinne einer Zivilen Konfliktbearbeitung. Zu den Konflikten Iran, Türkei-Kurden, Israel-Palästina und Afghanistan zeichnete Buro für  aufklärende und meinungsbildende Dossiers verantwortlich. Am Anti-Kriegstag 2008 erhielt Buro den nationalen Aachener Friedenspreis.

Am Ende der Erinnerungen fasst Buro in einem Brief an seinen Freund Volker Böge zusammen, was ihn bei der Zivilen Konfliktbearbeitung umtreibt: „Aus meiner Sicht geht es bei ZKB um einen sehr breiten Sozialisationsprozess von konfrontativen zu kooperativen Verhaltensweisen, die Sicherheit und die wirksame Bearbeitung von Problemen ermöglichen.. ZKB kann auf allen Ebenen von Konflikten gelernt und eingesetzt werden. Sie kann auf kulturelle, philosophische und religiöse Traditionen zurückgreifen. … Die Implementierung des ZKB-Konzeptes erfordert ständige Analysen und Strategieüberlegungen und die Auseinandersetzung mit den Ideologien und Begründungen für die angebliche Schaffung von Sicherheit durch Militär“ (S. 322).

Das Buch ist ein Gewinn für die politologische Fachwelt, weil es Aufschluss über das politische Denken einer ganzen Generation von jetzt schon Älteren gibt, das sich aktiv in „sozialen Bewegungen“ außerhalb der etablierten politischen Parteien, zeitweise in der „außerparlamentarischen Opposition“, bewährte. Es ist ein historisches Buch zur inneren Entwicklung der Deutschen Demokratischen Republik, der alten Bundesrepublik und schließlich der vereinten Bundesrepublik für die jüngere Generation, die über wesentliche Zusammenhänge z.B. der Anti-Atom-Bewegung und der Friedensbewegung nur noch durch die Eltern oder die Großeltern informiert ist. Buro gelingt es auch, seine pazifistische Widerständigkeit glaubwürdig zu begründen. Wer von einem kritischen und zugleich konstruktiven Zeitgenossen lernen möchte, sollte das Buch zur Hand nehmen.    

Ulrich Frey

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