TRANSPARENTonline

für die kritische Masse in der Rheinischen Kirche

200 Jahre Preußen am Rhein III

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Klaus Schmidt

Eine Vorbemerkung:

200 Jahre Preußen am Rhein“ nehmen der „Rheinische Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz“ und seine Kooperationspartner zum Anlass, das Jahr 2015 unter das Leitthema „Preußen“ zu stellen. DANKE* BERLIN ist das Motto, mit dem der Rheinische Verein an eine 200-jährige Beziehung mit Folgen erinnert. Durch das ganze Jahr hindurch sollen im gesamten Gebiet der ehemaligen preußischen Rheinprovinz verschiedenste Veranstaltungen unterschiedlichste Aspekte beleuchten. (s. Internet). In einer Serie von Beiträgen geht transparent-online der Frage nach, welche Rolle der Protestantismus in dieser ebenso spannenden wie konfliktreichen Zeit gespielt hat.

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kann sich Widerstand gegen soziale Verelendung seitens der Betroffenen noch kaum entwickeln. Preußisch geprägte Protestanten kritisieren oder verurteilten Protest oder gar Widerstand, versuchten jedoch auf verschiedene Weise, Hilfsmaßnahmen zu organisieren und Nächstenliebe karitativ und sozial umzusetzen. Höchst wirkungsvoll in diesem Zusammenhang ist die diakonische Pionierarbeit von Theodor und Friederike Fliedner in Kaiserswerth, die bis nach Palästina ausgedehnt wird.

6. Ehepaar Fliedner – protestantisch-preußische Diakonie

Theodor Fliedner und die Kaiserswerther Schwesternschaft

Der Eppsteiner Pfarrersohn Theodor Fliedner (1800-1864) wird nach dem Studium von Theologie, Sprachen und Naturwissenschaft Hauslehrer bei einer Kölner Kaufmannsfamilie.  1822 wird er Pfarrer in Düsseldorfs Nachbarort Kaiserswerth. Dort hat gerade eine Seidenweberei – der wichtigste Arbeitgeber am Ort – Bankrott erklärt, und viele Familien geraten in Not. Fliedner hilf bei der Arbeitssuche und eröffnet im Pfarrhaus eine Strick- und Lateinschule. Dann geht auf Kollektenreisen – von Elberfeld bis nach England. Dort lernt er Elizabeth Fry kennen, die Bahnbrecherin weiblicher Gefangenenfürsorge. Nach seiner Rückkehr denkt er über Resozialisierung nach und gründet 1826 die „Rheinisch-Westfälische Gefängnisgesellschaft“, in der er Reformprogramme zur Beseitigung der Missstände in den Gefängnissen vorstellt.

Die Braunsfelser Lehrertochter Friederike Münster (1800-1842) hilft 1826 in der Düsselthaler „Rettungsanstalt“ bettelarme und verwahrloste Kinder zu erziehen und zu unterrichten. Zwei Jahre später heiratet sie Theodor Fliedner- Mit ihm zusammen entwickelt sie (bis zu ihrem Tod nach einer Fehlgeburt) verschiedene sozial-karitative Arbeitsbereiche. Elf Kinder werden ihnen geboren, von denen nur drei das Erwachsenenalter erreichten. 1833 gründet Fliedner mit Hilfe seiner Frau ein Asyl für entlassene weibliche Strafgefangene. Durch Arbeitsmaßnahmen und berufliche Qualifikation wollen sie ihnen zur Reintegration in die Gesellschaft verhelfen. Für Kinder, die unter vielfältigen Defiziten leiden, errichten sie 1836 eine Kleinkinderschule, dann ein Kleinkinder-Lehrerinnenseminar, und für junge Mädchen eine Strickschule.[1]

Zur Förderung seiner diakonischen Arbeit gründet er 1836 den „Rheinisch-Westfälischen Diakonissenverein“ – und das erste Kaiserswerther Krankenhaus, das zugleich die Funktion einer „Bildungsanstalt für evangelische Pflegerinnen“ erhält. Ziel ist die Verbesserung der Krankenpflege in den Krankenhäusern, die eher Versorgungsanstalten für Unversorgte – Kranke, Kinder, Alte, Obdachlose – sind. Fliedner will war Frauen zu Krankenpflegerinnen ausbilden, sie durch Unterricht beruflich so qualifizieren, dass sie Kranke ganzheitlich, im Blick auf Geist, Seele und Körper betreuen können. Friederike Fliedner übernimmt hier das Amt einer Vorsteherin mit vielfältigen Aufgaben.  

Die Schwesternschaft – Anfänge einer alternativen Lebens- und Arbeitsform

Fliedner ist im protestantischen Bereich der erste, der die Organisation einer „Schwesternschaft“ ins Leben ruft – nicht ohne seine Frau. Er versteht das Diakonissenamt als Fortsetzung einer altkirchlichen Tradition und begründet es in einem dreifachen Dienstverhältnis: Diakonissen als Dienerinnen Jesu, als Dienerinnen der Kranken und als Dienerinnen untereinander. 1836 tritt Gertrude Reichardt als erste Diakonisse in das von Friederike Fliedner geleitete „Diakonissenmutterhaus“ ein.

Zum Zeichen der Würde ihres Berufs und zum Schutz tragen die Diakonissen die zeitgenössische Tracht der Bürgersfrau und kommen „unter die Haube“, die bis dahin verheirateten Frauen vorbehalten war. Zudem können sie sich damit auch außerhalb des Hauses frei bewegen. Diakonissen adliger oder proletarischer Herkunft werden so auf eine Stufe schwesterlichen Lebens gestellt.  

Im Blick auf das Verhältnis von Mann und Frau bleibt Fliedner der protestantisch-patriarchalischen Familien-Ideologie verpflichtet, die sich bei ihm so anhört: „Der Beruf des ehelosen Weibes und des Eheweibes ist für diese Welt einer: Allemal ist es Hilfe für das männliche Leben und kann nicht anders sein.“  

Fliedner ist kreativ im Erschließen von Geldquellen, sei es durch Lotterien oder den Verkauf von Bildern, durch seine eigenen Schriften oder durch die gewonnene Unterstützung von Seiten der preußischen Königsfamilie, der er auch persönlich begegnet. Die Arbeit expandierte. Seit 1838 werden Diakonissen an viele Orte entsandt.

1843 heiratet er nach dem Tod seiner ersten Frau Caroline Bertheau, die sich ebenfalls an der Arbeit des Werkes beteiligt.

Ist er mit seinen patriarchalischen Auffassungen auch ein Kind seiner Zeit, arbeitet er doch gleichzeitig weiterer Emanzipation vor: Frauen erhalten auf seine Initiative hin eine qualifizierte Berufsausbildung und eine Anleitung zu einem Leben in kommunitärer Gemeinschaft, das an männliche Leitung nicht notwendigerweise gebunden ist.

1849 legt Fliedner sein Gemeindepfarramt nieder und konnte sich nun verstärkt internationalen Kontakten widmen. Schon 1846 hatte er die ersten Diakonissen in ein Hospital nach England begleitet. Er fährt mit Schwestern nach Nordamerika und schließlich 1851 nach Jerusalem. 1857 sind bereits 244 Schwestern im Verband, 165 davon sind eingesegnete Diakonissen. Beim 25-jährigen Jubiläum 1861 gibt es 83 auswärtige Stationen und insgesamt 26 selbstständige Diakonissenhäuser.[2]

Der Monarchist Fliedner lehnt die Forderung der März-Revolutionäre nach Demokratie strikt ab. Dafür genießt er eine bevorzugte Stellung beim preußischen Königshaus, das ihm Orgel und Glocken für seine Kirche schenkt und ihn oft aus finanzieller Not befreit.

  Das gesamte Diakoniewerk unterwirft er im Lauf der Zeit mehr und mehr preußischen Ordnungsprinzipien. Die Dienstsanweisungen aller Mitarbeiterinnen fußen bis ins Detail auf Gehorsam und Unterordnung. Die zuvor der Kleidung der Bürgersfrau angeglichene Berufskleidung der Diakonissen erhält nun den Charakter einer unveränderlichen Ordenstracht.

Wenn der König Kaiserswerth besucht, müssen sich die Diakonissen zur Begrüßung in Reih’ und Glied aufstellen. So bringt Fliedner die Verbindung von Thron und Altar sinnfällig zum Ausdruck. Die Beziehung des Königs zu ihm wird immer enger. Einmal schüttet der Monarch ihm sein ganzes Herz aus. „Als ich Abschied nahm“, erinnert er sich, „sprach ich zur Tröstung den Mosaischen Segen über ihm aus. Er legte sein Haupt auf meine Schulter und war innigst gerührt.“

7. Pastorale Vereinsbildung – ein antisozialistisches „Bollwerk“

Der Elberfelder Pfarrer Ludwig Feldner ruft im Mai 1848, zwei Monate nach der Märzrevolution, die auch in Elberfeld zu heftigen Straßenschlachten führte, öffentlich zur Evangelisation von Deutschland auf. 53 Pastoren und Laien gründeten daraufhin im Sommer  1848 „Evangelische Gesellschaft“ – als „Damm“ gegen die Revolution, gegen das „Antichristentum herumziehender Volksverführer“. Und nachdem schon im Vorjahr in den „Stimmen aus und für die streitende Kirche“ festgestellt wurde, es sei „erfreulich zu wissen, dass die Christen Deutschlands durch christliche Jünglingsvereine für Handwerker diesen verderblichen Umtrieben ein Bollwerk entgegenzusetzen bemüht sind“, beginnt der Ronsdorfer Pfarrer Gerhard Dürselen im Juli 1848 mit dem Aufbau eines „Jünglingsbundes“.

Gerhard Dürselen und der antirevolutionäre „Jünglingsbund“

In der von ihm herausgegebenen Zeitschrift „Der Jünglingsbote“ schreibt Düselen: „In unseren Tagen bildet man an vielen Orten patriotische Vereine, die dem wühlerischen Treiben der republikanischen und demokratischen Clubs die Spitze bieten und das Gegengewicht zu halten beabsichtigen. Da ist es aller Gutgesinnten, welche Ruhe und Ordnung wollen, Gesetz und Gerechtigkeit verlangen, König und Vaterland lieben, unabweisbare Pflicht, sich daran zu beteiligen.“[3]

Dürselen warnt vor den „Umsturzleuten“, will dem „gottlosen Treiben der Wühler“ predigend entgegentreten. Eine derartige, auch von der Kanzel herab betriebene Agitation ruft gefährliche Aggressionen hervor. Wie kein zweiter Pfarrer erfährt er das am eigenen Leibe: „Als ich eines Tages durch die Stadt ging, richtete ein Mann aus dem Fenster eine Pistole gegen mich; die Frau fasste aber seinen Arm, so dass der Schuß in die Decke ging. Einige Zeit nachher stand ich abends am Fenster und sah mit betrübtem Herzen in die mondhelle Nacht. Da flog ein Stein durch die Fensterscheibe dicht an meinem Kopf vorüber und ging, die Tür zersprengend, in den gegenüberstehenden Bücherschrank.“[4]

Solche Erfahrungen entmutigen Düselen nicht, sondern stärken im Gegenteil seine Entschlossenheit. Auf seine Initiative hin schließen sich im Oktober 1848 Jünglingsvereine aus Elberfeld, Barmen, Ronsdorf, Cronenberg, Remscheid, Ruhrort, Schwelm, Düsseldorf und Mülheim zum „Rheinisch-Westfälischen Jünglingsbund“ zusammen. Er soll jungen Männern zu besserer Berufsausübung und christlicher Lebensführung verhelfen und vor aufklärerischen, demokratischen und sozialistischen Einflüssen warnen.

Ähnlich äußert sich der evangelische Kaufmann Anton Haasen, Präsident des Elberfelder „Vereins für christliche Handwerker und Fabrikarbeiter“. Ursachen alles Übels seien „die verderblichen Lehren des Sozialismus oder Communismus, ‚Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!’ im Sinn des Heidenthums in unserer Mitte, nämlich ohne Gott“[5].

Das von einem Theologiestudenten verfasste Bundeslied des „Jünglingsbundes“ bringt dessen antidemokratische Grundhaltung unmissverständlich zur Sprache[6]:

Bekennt es laut und lasst euch nicht erschüttern:
Fluch einem Deutschland, das auf Trug erbaut!
Laßt nur getrost den Lügenbau zersplittern!
Nicht Frankfurt ist’s, wohin das Auge schaut.
Ich kenn’ nur einen Klang, so glockentönig,
Nur ein Bekenntnis, stimmet mit mir ein:
Den letzten Tropfen Blut für meinen König!
Ich bin ein Preuße, will ein Preuße sein.

Die orthodoxen Verdammungsurteile stehen im Einklang mit kirchenamtlichen Verlautbarungen. In Koblenz, dem Sitz des rheinpreußischen Oberpräsidiums wie des landeskirchlichen Konsistoriums, hat Generalsuperintendent Johann Abraham Küpper, der einst als Religionslehrer in Trier den Abituraufsatz des jungen Marx im Fach Religion über „Die Vereinigung der Gläubigen mit Christo nach Joh. 15,1-14“ lobenswert fand, schon im März 1848 seine warnende Stimme erhoben. Er forderte seine Pfarrerschaft auf zu verkünden, „daß die Obrigkeit von Gott verordnet ist, als Grundpfeiler des staatlichen Organismus, der nicht erschüttert werden kann, ohne daß der Staat schwankt und einzustürzen droht“. Zuwiderhandelnde würden „dem höchsten Gericht verfallen“. Seine Mahnungen beschloss Küpper wenige Tage nach dem März-Massaker 1848 in Berlin mit einem Lobpreis des Königs: „Stellen wir ins hellste Licht, was er bis dahin seinem Volk gewesen, wie er mit der huldreichsten Freundlichkeit, der größten Milde, dem tätigsten Erbarmen regiert, in allen Richtungen Mängel und Übel beseitigt, die geistigen und materiellen Kräften des Landes gehoben und sich der Kirche und Schule mit reiner Liebe angenommen.“[7]

8. Adolph Diesterwegs pädagogischer Protest

Der aus Siegen stammende Adolph Diesterweg (1790-1866) wird Lehrer in Mannheim, Worms und Frankfurt und 1818 Rektor an der Lateinschule der reformierten Gemeinde in Elberfeld. Hier wird er kritischer Zuhörer des Pfarrers Gottfried Daniel Krummacher, der gegen Aufklärung und Rationalität predigt. Aufgrund der Erbsünde sei es unmöglich, mittels Erziehung und Schule die Sünde des Menschen zu mindern. Diesterweg notiert in seinem Tagebuch: „Die Pädagogik und alle praktisch wirkenden Menschen werden dieses Ohnmachtssystem nicht aufkommen lassen. Sonst wäre es besser, den ganzen lieben Tag im Bette zu liegen und zu dämmern.“

Als Seminardirektor in Moers, wo er ab 1820 evangelische Lehramtsamtkandidaten ausbildet, betont er die ethische, ja mystische Kraft der Religion. „Eins und einig sei der Charakter des Lehrers, Gemüth, Wille und Vernunft. Dann lehrt er, dessen Herz und Verstand die Religion wie mit einem belebenden Hauch durchdringet, Religion, ohne davon zu schwatzen; Religion durch den Unterricht in der Moral, wie durch Musik; Religion durch die Geschichte, Geographie, Natur-Lehre und Mathesis, und die Einheit des Einzelnen mit dem Ganzen, des Ganzen mit dem Theile ist gefunden in der – Religion. Sie steht da wie eine Central-Sonne im Gebiete des Universums, als eine mächtige Herrscherin, welcher alle anderen Kräfte als untergeordnete dienen.“

Protest gegen die verelendende Kinderarbeit

Diesterwegs Pädagogik ist praxisorientiert und keineswegs abgehoben von der gesellschaftlichen Wirklichkeit. In diesem Zusammenhang empört ihn das bereits im Wuppertal erlebte Elend der Kinderarbeit, die jede Bildung und Erziehung fragwürdig mache und schon im Ansatz unterminiere. Das gesamte Fabriksystem – so schreibt er in der „Rheinisch-Westfälischen Monatsschrift für Erziehung und Volksunterricht“ – demoralisiere die Fabrikarbeiter. Ihre Kinder degradiere es zu „zweibeinigen Maschinen“, die im Fabriksaal wie in einem Kerker gefangen seien und ihre natürlichen Kräfte nicht entfalten könnten. Gegen die vorherrschende Industriepädagogik, die die Kinder lediglich unter dem Gesichtspunkt nützlicher Vorbereitung für ein zukünftiges Arbeitsleben der Erwachsenen betrachte, entwickelt er im Sinne seines Vorbilds Pestalozzi ein Gegenkonzept – abwechslungsreiche Beschäftigungen, Spiel, Freude an der Natur und „Fröhlichkeit, welche den Ernst der Arbeit keineswegs ausschließt“. Für mangelnden Protest gegen die Ausbeutungs-Pädagogik macht er vor allem die verbreitete „quietistische Frömmelei“ verantwortlich. Der Staat müsse handeln, fordert er. Seine Aufgabe sei es, „Menschen vor Mißhandlung zu schützen“.

Kämpfer für eine freie Schule

Staatliche Gängelung und geistliche Schulaufsicht haben viele Lehrer in Preußen zu heimlichen oder offenen Gegnern der Allianz von Thron und Altar werden lassen. 1844 müssen die Schulinspektoren die Privatbibliotheken der Lehrer überprüfen und von „gefährlichen Schriften“ reinigen. 1846 werden sogar die Feiern zum 100. Geburtstag von Pestalozzi verboten. Diesterweg, unermüdlicher Kämpfer für eine von kirchlicher Schulaufsicht befreite Schule, lässt sich nach zermürbenden Kämpfen 1847 in Berlin suspendieren, freilich ohne seine pädagogisch-publizistische Tätigkeit aufzugeben.

Noch ganz unter dem Eindruck der Märzereignisse appelliert er im April 1848 in seinen „Rheinischen Blättern für Erziehung und Unterricht“ an die Lehrer, „die großen Errungenschaften der Berliner Barrikaden“ zu nutzen: „Das alte System ist seinem Schicksal verfallen; eine einzige Nacht hat es gefällt.“ Schonungslos rechnet er mit den Vertretern der preußisch verfassten Kirche ab: „Die, welche dazu berufen waren, den Menschen durch das Freieste, was es gibt, durch die Religion zu befreien, zu erlösen, dieselben hielten es für ihre Aufgabe, die Menschennatur mit Füßen zu treten, den jungen Menschen zum Kopfhängen und Beseufzen seiner Bestimmung zu erziehen, ihn zu einem Wurm zu machen, der alles, was von oben kam, ruhig über sich nahm. Es war himmelschreiend.“ Doch diese Zeit, so hofft er, sei jetzt vorbei: „Jetzt ist es an der Zeit, dem Lügensystem, der Heuchelei, dem frommen Schein, der Despotie sogenannter Rechtgläubigkeit, der Verdammung oder Verdächtigung der Menschennatur, der Hinweisung auf die Freuden des Himmels bei Fortbestand entwürdigender und abzuändernder Zustände auf der Erde, dem Bestreben, den Menschen zu einem duldenden Pilger zu machen und alle gesunden, frischen und lebendigen Kräfte und Triebe aus ihm auszutreiben, jetzt ist es an der Zeit, um es mit einem Worte zu sagen, dem Pfäffentum ein Ende zu bereiten, es, wo möglich, mit Stumpf und Stiel auszurotten.“

Mit dem Scheitern der Revolution scheitert auch das Programm der liberalen Schulreform. Diesterweg gibt jedoch die pädagogische Arbeit nicht auf. „Es versteht sich von selbst“, so schreibt er einem Freund, „dass der Kampf gegen Bureaukratie und Pfaffentum fortgesetzt werden muß, direkt und indirekt“. Erbittert muß er allerdings feststellen, dass sich die überwältigende Mehrheit der Lehrer, denen er 1845 hoffnungsvoll „Mut statt Demut“ zugerufen hatte, „schwach und feige“ mit der nun wieder verschärften bürokratischen und kirchlichen Bevormundung abfindet: „Den Fluch über die“, so schreibt er zornig, „welche dazu beitragen, die Menschen zu fesseln u. in todte Glaubensbekenntnisse hinein zu nötigen.“

Die Empörung konservativer Kreise ob solcher Äußerungen ist groß. Auch an Diesterweg denkt Friedrich Wilhelm IV. wohl, als er im Januar 1849 vor – zumeist ganz und gar nicht revolutionären – Teilnehmern einer Seminarlehrerkonferenz die angeblichen Auswirkungen der liberalen Schulreform beklagt und anprangert: „All das Elend, das im verflossenen Jahr über Preußen hereingebrochen ist, ist Ihre, einzig Ihre Schuld, die Schuld der Afterbildung, der irreligiösen Massenweisheit, die Sie als echte Weisheit verbreiten, mit der Sie den Glauben und die Treue in dem Gemüthe meiner Untertanen ausgerottet und deren Herzen von mir abgewandt haben.“

Angesichts der nun einsetzenden Reaktion ist es kaum verwunderlich, dass die konservative Mehrheit des preußischen Abgeordnetenhauses die Suspendierung des einst so gefeierten Seminardirektors Diesterweg 1850 in eine endgültige Entlassung umwandelt. Der Geschasste reagiert  geradezu erleichtert: „Ich danke Gott, dass mich kein Schulrath, kein Priester mehr maßregeln kann. Ich sage, was ich denke, u. wenn ich Ketzereien denke, so brauche ich an keinen Ministerialrath mehr zu denken. Das ist unschätzbar.“   Zu diesem Beitrag vgl. Klaus Schmidt, Glaube, Macht und Freiheitskämpfe. 500 Jahre Protestanten im Rheinland, 2. Aufl. Köln, 2007, S. 138-141.

 

[1] Vgl. Cornelia Coenen-Marx (Hg.), Ökonomie der Hoffnung, Impulse zum 200. Geburtstag von Theodor und Friederike Fliedner, Düsseldorf 2001. 

[2] Vgl. Ruth Felgentreff, Das Diakoniewerk Kaiserswerth 1836-1998, in: Kaiserswerther Beiträge zur Geschichte und Kultur am Niederrhein, 2. Bd., hrsg. vom Heimat- und Bürgerverein Kaiserswerth e.V., Kaiserswerth 1998; Brigitte Müller, Spuren – Zur Geschichte der Kaiserswerther Diakonie, Kaiserswerth 2000.

[3] Jünglingsbote für christliche Jünglinge und Jünglingsvereine, Juli 1848, S. 53; zit. in: Klaus Schmidt, Glaube, Macht und Freiheitskämpfe. 500 Jahre Protestanten im Rheinland, 2. Aufl. Köln, 2007, S. 107.

[4] Gerhard Dürselen, Geschichte der drei ersten Jahre des Rheinisch-Westfälischen Jünglingsbundes, Elberfeld 1851, S. 38; zit. in: Schmidt, a.a.O., S. 107f.

[5] Jünglingsbote, 3. Bd. 1848, S. 66; zit. ebd.

[6] Jünglingsbote, 4. Bd., 1849, S. 143; zit. ebd.

[7] Zit. ebd., S. 108f.

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