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für die kritische Masse in der Rheinischen Kirche

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Christian Hartung: „… aus einem Kelche trinken …“

Kriminalroman, Pandion Verlag, Simmern 2009, 172 Seiten ISBN978-3-86911-011-0

Vorstellung eines Krimis in der „Zeitschrift für die kritische Masse in der rheinischen Kirche“? Eigentlich nicht. Aber in diesem Fall aus gegebenen Anlässen unbedingt! Denn als ich Christian Hartungs: „… aus einem Kelche trinken …“ in die Hand bekam, nach meiner Gewohnheit zuerst hinten aufschlug und dort las: „Ausdrücklich danken möchte ich … Friedhelm Maurer, dem Vorsitzenden des Rheinischen Pfarrvereins, der mir mit Auskünften über die Praxis der Abberufung von Pfarrern und Pfarrerinnen geholfen hat.“ (Seite 171), pfiff ich nur leise durch die Zähne und fing an zu lesen – wie s sich gehört von vorn nach hinten.
Der Autor ist seit 1992 evangelischer Gemeindepfarrer in Kirchberg/Hunsrück. Er verfasste schon mehrere Kriminalromane, deren Protagonist ein Pfarrer Michael Held ist. Der Ort des Geschehens: Gemeinden und Kleinstädte im Hunsrück. Die Zeit: Unsere Gegenwart. Die gesellschaftlichen Zustände und das soziale Umfeld: Die Evangelische Kirche im Rheinland. Die Personen: Evangelische Pfarrer, Pfarrfrauen, Pfarrerskinder, und Presbyter, KSV- und Gemeindemitglieder. Auslöser: Eine alte Frau stirbt kurz nach dem Krankenabendmahl – natürlicher Tod oder Medikamentenvergiftung? Ein Warteständler fährt nachts vor einen Baum – Suizid oder von anderen herbeigeführter Unfall mit Todesfolge?
Es gibt keine endgültige Klärung der Todesfälle, erst recht kein Happyend, sondern diffuse Schuldgefühle und – gut protestantisch – betroffene Nachdenklichkeit. Pfarrer Held, den die möglichen Hintergründe stark beschäftigen, sagt in seiner ersten Predigt als Vakanzvertreter von der Kanzel des toten Kollegen herab: „… Unschuldig sind wir daran (d.h. am Tode des Warteständlers) alle nicht. Wir verspüren den Drang, uns zu rechtfertigen. Doch Jesus will unsere Rechtfertigungen nicht. …“ (Seite 170)
Der Autor stellt in der Nachbemerkung fest: „Die Praxis der Abberufung von Pfarrern ist eine traurige Realität. Es sind Fälle dokumentiert, die dem hier geschilderten vergleichbar sind – in meinem Kirchenkreis, auf dessen Gebiet dieses Buch spielt, haben die Verantwortlichen jedoch bisher andere Konfliktlösungsstrategien gefunden.“ (Seite 171f) Er verweist auf das Buch: „Berufung Rufmord Abberufung. Der Ungedeihlichkeitsparagraf in der Evangelischen Kirche: Der falsche Weg, Konflikte zu lösen“, Wiesbaden, Berlin 2007.
Der Krimi ist – sehr gekonnt – in einer literarischen Stilmischung geschrieben: man lauscht dem auktoritativen Erzähler, aber manchmal verfolgt man auch den durch die Protagonisten hindurchgehenden Gedankenstrom. Natürlich packt der Handlungsstrang mit seinen vielen Durchblicken durch Gemeinden und Strukturen der EKiR den besonders, der sich in der EKiR engagiert und gerade darum – wie man früher sagte – „an seiner Kirche leidet“.
Paul Gerhard Schoenborn

„Das himmlische Telefon: Nikolaus und der Weihnachtsmann … und andere himmlische Interviews“

Autoren: Friedrich Grotjahn und Anna Barbara Hagin, SWR 2006 und 2008, Herder Audio 2009, 73 Minuten, 978-3-7831-3384-4

Friedrich Grotjahn, Bochumer Theologe und Autor, den TransparentleserInnen wohlbekannt, hatte vor einiger Zeit eine pfiffige Idee: Man könnte doch einmal markante Persönlichkeiten aus der Bibel oder aus Heiligenlegenden, die man mit Recht im Himmel vermutet, dort nach Journalistenart antelefonieren und interviewen. So entwarf er zusammen mit der Journalistin Anna Barbara Hagin spielerisch-humorvolle und zugleich aufklärerisch-lehrreiche Hörbilder. Der Südwestrundfunk strahlte die Interviews in der Reihe „SWR 2 Glaubensfragen“ ab 2006 aus. Das Echo der ZuhörerInnen war überaus positiv.
Nun sind drei der Sendungen als Audio-CD bei Herder erschienen; eine CD mit weiteren „himmlischen Interviews“ ist in Vorbereitung. Auf dem Cover fläzen sich St. Nikolaus mit Bischofsstab und Bischofsmütze und der Weihnachtsmann mit Rauschebart und Zipfelmütze auf einem Wolkensofa, sozusagen auf Wolke 7, zwischen sich ein Telefon. Mit gereiztem, ärgerlichen Gesichtsausdruck diskutieren sie mit einem Anrufer.
Legt man die CD auf, so hört man, wie ein SWR-Redakteur namens Jörg Vins – den gibt es tatsächlich – sich von einer Telefonistin namens Gloria im Paradies erst mit den beiden weihnachtlichen Weißbärten verbinden lässt, dann in zwei weiteren Interviews mit Balthasar, einem der „Heiligen Drei Könige“, und mit Josef aus Nazareth.
Es sind alte Geschichten – neu erzählt, aber – nota bene – nicht einfach aufgehübscht und ins Heute geholt. Himmel und Erde werden telefonisch verbunden, ja gewiss. Doch die „Bühne der Transzendenz“ wahrt historischen Abstand und gewährt zugleich geschichtlichen Überblick. Auf manche säkularisierte Zeitgenossen, sollten sie diese CD hören, warten Aha-Erlebnisse.
Friedrich Grotjahn und Anna Barbara Hagin bringen Zusammenhänge aus abendländischer Kulturgeschichte und Ergebnisse historisch-kritischer Forschung flott und mit einem guten Schuss Humor zu Gehör. Das ist gerade der besondere Reiz, man hört nicht ein dozierendes Referat über Josef aus Nazareth, über Nikolaus von Lyra, über den König Balthasar, nein, die Herrschaften werden vor unseren Ohren befragt. „Der Charme der Interviews besteht darin, dass bisher Ungesagtes zu Gehör kommt und auf diese Weise neue Perspektiven im Blick auf den Interviewpartner eröffnet werden.“ (Jörg Vins im Booklet)
Eine kleine Kostprobe – Jörg Vins mit geübt-vorsichtiger Interviewer-Impertinenz, Josef von Nazareth gereizt mit knorziger Bauhandwerkerstimme:

„JOSEF: Fakt ist immerhin, dass auf mich nicht verzichtet werden kann. Ohne mich wäre die „heilige Familie“ keine Familie. Bei aller Liebe zur Jungfräulichkeit: Die Mutter Gottes als alleinerziehende Mutter – das geht nicht.

INTERVIEWER: Haben Sie eine „Josefs­ehe“ geführt?

JOSEF Sie stellen Fragen! – Aber so geht das zu in der Welt. Es gibt immer wieder Menschen, die können ein Symbol nicht als Symbol stehen lassen, müssen diese Vorstellung von der Jungfrauengeburt als platte Wirklichkeit ausgeben. Und dann kommen sie in Teufels Küche. Denn nun müssen sie immer noch eine neue Erklärung hinterher schieben, so zum Beispiel die Geschichte von der „Josefsehe“. Und daraus ergeben sich wieder offene Flanken. „Wenn nicht Josef“, so fragt der ungläubige Spötter, „wer ist denn dann der Vater von Jesus? Vom heiligen Geist kannst du mir viel erzählen.“ Und so hieß es zum Beispiel, mein Sohn Jesus sei in Wirklichkeit der Sohn eines römischen Soldaten. Man kannte sogar seinen Namen. – Diese Unterstellung hat übrigens eine späte Auferstehung erlebt. Das ist gerade erst 100 Jahre her. – Der Kulturphilosoph Houston Steward Chamberlain …

INTERVIEWER Sie meinen den Schwiegersohn von Richard Wagner?

JOSEF Eben den. Der hat aus dieser Geschichte geschlossen, dass Jesus seines Vaters wegen kein Jude, sondern Arier gewesen sei, eine These, die dann im Deutschland des Dritten Reichs noch einmal aufgewärmt wurde …“


Genug der Worte, man höre selbst alles einmal in Gänze. Die 73 Minuten Hörgenuss dieser Audio-CD sind übrigens ein schönes, ein passendes Weihnachtsgeschenk für Menschen, die man mag.
Paul Gerhard Schoenborn

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