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Aufbruchstimmung und Konzentration auf globale soziale Herausforderungen im Weltkirchenrat

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Christina Biere

Aufbruchstimmung und Konzentration auf globale soziale Herausforderungen im Weltkirchenrat

Vom 26. August bis 2. September 2009 tagte in Genf der Zentralausschuss des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) in Genf. Er wählte Pfarrer Dr. Olav Fykse Tveit (48) aus der lutherischen Kirche in Norwegen zum neuen Generalsekretär, entschied sich für die südkoreanische Hafenstadt Busan als Ort der 10. Vollversammlung des ÖRK im Jahr 2013 und befasste sich schwerpunktmäßig mit der weltweiten Situation von Christen in gesellschaftlichen Konfliktsituationen.
„To be one is to stand up for one another.“ Eins sein heißt, einer für den anderen einstehen. Dies war einer der starken Sätze in der Wahlrede von Olav Fykse Tveit, mit der er die Vertreterinnen und Vertreter der 349 Mitgliedskirchen im Weltkirchenrat von seinem fundierten theologischen Verständnis und seiner handlungsorientierten Vision für die globale Kirchengemeinschaft begeisterte. Mit dem Thema der zwischenkirchlichen Solidarität traf Tveit den Puls des diesjährigen stärksten gemeinsamen Anliegens der Delegierten. Sie berichteten u.a. über die rasante Migration von Christen aus und im Nahen Osten aus Gründen von Besatzung, Krieg und Folgen des Klimawandels, die gesetzlich legitimierte Verfolgung religiöser Minderheiten in Pakistan, die systematische Anwendung sexueller Gewalt gegen Frauen in der Demokratischen Republik Kongo, das Ringen um freie Religionsausübung in Fidschi, den Konflikt zwischen Muslimen und Christen in Nigeria oder Sudan, die Verfolgung von Kriegsdienstverweigerern aus Gewissengründen und die mangelnde Wahrnehmung politischer Schutzpflicht gegenüber religiösen Minderheiten. Angesichts dieser Herausforderungen forderte der Zentralausschuss die Kirchen zu verstärkter seelsorgerlicher Begleitung, sowie Gastfreundschaft und finanzieller Solidarität auf. Das ÖRK Programm zur „Begleitung von Kirchen in Konfliktsituationen“ soll ausgebaut werden.
Nach Tveit bedarf es in diesen Konflikten einer Haltung, die sowohl die uneingeschränkte Liebe gegenüber allen Menschen, als auch die klare Positionierung gegenüber jeglichen Missbrauchs von Religion zur Legitimierung von Gewalt deutlich heraus stellt. Diese Überzeugung leitet auch seine Position im Nahostkonflikt, dem sich der ÖRK unter der Leitung von Tveit seit 2007 im „Ökumenischen Forum für Israel und Palästina“ annimmt.
In Bezug auf die interreligiösen Dimensionen weltweiter Konflikte ist sich der ab Januar 2010 amtierende Generalsekretär bewusst, dass der ÖRK verstärkt an einem multilateralen Zugang im Gespräch mit anderen Religionen arbeiten muss, der die kontextuelle Verschiedenheit des Zusammenlebens von religiösen Gemeinschaften und ihre innere Mehrdimensionalität aufnimmt. Damit bringt Tveit die Voraussetzungen mit, um endlich einen deutlichen Schwerpunkt der Programmarbeit auf den Dialog mit anderen Religionen zu setzen.
Dies wird auch den Vorbereitungen auf die nächste Vollversammlung 2013 im südkoreanischen Busan zugute kommen. Der Kontext Südkoreas wird das ökumenische Lernen der Kirchengemeinschaft in mindestens drei Bereichen herausfordern: In der Begegnung mit Buddhismus und Konfuzianismus, in der verstärkten Zusammenarbeit mit evangelikalen Kirchen und Pfingstkirchen und in Bezug auf das Verständnis ökologischer und ökonomischer Gerechtigkeit (dazu gab der Zentralausschuss zwei Stellungnahmen heraus). Diese, seit den 80er Jahren im ÖRK entwickelten Themen, sind – auch durch die Weltversammlung zum „Konziliaren Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ 1990 in Seoul – für die Kirchen in Korea besonders auf der Tagesordnung geblieben und weiter entwickelt worden. Die nordost-asiatische Perspektive auf diese Fragen kann auch deshalb für die Position der gesamten ökumenischen Gemeinschaft entscheidend sein, weil hier die Probleme der wenig und stark industrialisierten Gesellschaften zusammen fließen.
Nicht zuletzt stellt eine Vollversammlung in Korea den ÖRK erneut in die Verantwortung, für Versöhnung zwischen einer durch politischen Zwang geteilten Nation einzutreten. Stellvertretend für die deutsche Delegation erinnerte und dankte Bischof Martin Hein beim Zentralausschuss dem ÖRK für seine Rolle im Prozess zur friedlichen Revolution 1989 in Deutschland. Über den ÖRK – und die Konferenz Europäischer Kirchen – war den Kirchen in BRD und DDR ein kontinuierliches Gespräch im internationalen Kontext möglich gemacht worden. Daran erinnern noch heute im Garten des Ökumenischen Zentrums in Genf die Teile der Berliner Mauer – ein Geschenk aus der ehemaligen DDR.
Die Themen Frieden und Versöhnung, sowie ökonomische und ökologische Gerechtigkeit sollen bereits anlässlich der Internationalen Ökumenischen Friedenskonvokation 2011 in Jamaika einen deutlicheren Schwerpunkt in der Programmarbeit des ÖRK bilden, so der Zentralausschuss. „Klimawandel erzeugt katastrophale Überschwemmungen, Überschwemmungen erzeugen Hungersnot, Hungernot erzeugt Gewalt zwischen Menschen“, erklärte Aaro Rytkönen von der lutherischen Kirche in Finnland in einer Plenaraussprache zur Friedenskonvokation beispielhaft den Zusammenhang. 40% aller weltweiten gewalttätigen Konflikte seien nach Studien durch den Missbrauch von lebenswichtigen Ressourcen zurückzuführen, so Rytkönen. Ofelia Ortega, Präsidentin des ÖRK für die Region Mittel- und Südamerikas, wies auf die Notwendigkeit hin, theologisch Werte für angemessenes wirtschaftliches Verhalten zu benennen. Gegen das menschliche Verlangen, immer mehr haben zu wollen, setze das biblische Zeugnis Maßstäbe für eine Haltung des „Genug für alle“. Diese Haltung könne die ökumenische Gemeinschaft vor allem von den Armen lernen. Der anglikanische Erzbischof Bernard Ntahoturi aus Burundi berichtete von den Friedensmissionen seiner Kirchen in der Region der großen Seen in Afrika, aus denen er die Einsicht gewonnen hat, dass der Aufruf der ökumenischen Gemeinschaft zu militärischer Abrüstung mit einer entsprechenden wirtschaftsethischen Positionierung in Bezug auf den Handel mit Waffen, Bodenschätzen und Grundnahrungsmitteln einhergehen müsse. Fernando Enns, Delegierter der Vereinigung deutscher Mennonitengemeinden, plädierte dafür, nicht nur die sozialethische Arbeit des ÖRK, sondern auch die ekklesiologische Studienarbeit in der Kommission für „Glauben und Kirchenverfassung“ auf das Thema Frieden auszurichten. Gary Harriot, Generalsekretär des Jamaican Council of Churches, betonte vor allem die Entwicklung von Jugendgewalt in Großstädten der Karibik. Kirchen, so Harriot, haben eine große Verantwortung, kontinuierlich mit jungen Menschen neue Antworten auf Fragen zu christlicher Identität und Hoffnung angesichts der Herausforderungen zur Lebensgestaltung in einer globalen Welt zu suchen.
Die Jugendkommission des ÖRK mit Namen „Echos“ empfahl in ihrem Bericht an den Zentralausschuss ebenfalls eine Konzentration der ökumenischen Jugendarbeit auf das Thema Überwindung von Gewalt und die stärkere Einbeziehung der Perspektive junger Menschen in die Vorbereitungen auf die Friedenskonvokation. Dafür habe sich, so Diana Fernandes dos Santos, Moderatorin der Kommission aus Brasilien, die Methode von Jugendkonsultationen bewährt. Sie bat in einem Interview die Mitgliedskirchen des ÖRK darum, solche Konsultationen national und regional durchzuführen, und dann jungen Menschen als Botschaftern dieser Veranstaltungen die Teilnahme an der Konvokation zu ermöglichen. Ursachen, Formen und Auswirkungen von Gewalt seien einerseits durch regionale Unterschiede und andererseits durch generationsspezifische Ähnlichkeiten charakterisiert. Das gegenseitige Verstehen dieser Zusammenhänge fördere in seiner Konsequenz wiederum konkrete Gewaltüberwindung vor Ort. Speziell für diese Arbeit kann auch über einen direkten Kontakt zum ÖRK gespendet werden: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.
Das Bewusstsein, von der jungen Generation auch insgesamt in der ökumenischen Bewegung lernen zu können, eint den scheidenden Generalsekretär Samuel Kobia aus Kenia mit dem neu gewählten Generalsekretär Olav Fykse Tveit aus Norwegen. Die Jugend, so Kobia in seiner letzten Rede an den Zentralausschuss, sei dafür prädestiniert, „die Zukunft, die immer schon im gegenwärtigen Moment angelegt ist, geistlich wahrzunehmen“. Gemeinsam mit der Jugend könne die ökumenische Gemeinschaft der Gefahr widerstehen, sich mit dem status quo zufrieden zu geben. „We can all be changemakers, in all generations”, sagte in gleichem Tenor Tveit in seiner ersten Ansprache und spielte damit auf die norwegische Jugendorganisation „Changemakers“ an, die schon für manche aufrüttelnde Positionierung im ÖRK gesorgt hat. Als selbst noch junger Generalsekretär, der sich dazu bekennt, dass es für ihn die „größte Freude“ sei, „einer Berufung zu folgen und etwas zu tun, das für andere wirklich wichtig ist“, steht Tveit für einen ÖRK, der seine Mitgliedskirchen deutlich dazu herausfordern kann, im 21. Jahrhundert „Kirche für andere“ zu sein. ☐

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