TRANSPARENTonline

für die kritische Masse in der Rheinischen Kirche

Beiträge

Pfusch am Bau

Bewertung: 1 / 5

Stern aktivStern inaktivStern inaktivStern inaktivStern inaktiv
 

Hans-Peter Lauer

Pfusch am Bau

Der Rat der EKD zur Wirtschaftskrise

„Wie ein Riss in einer hohen Mauer“

Der Titel des im Juni erschienen Wortes des EKD-Rates zur Finanzmarkt- und Wirtschaftskrise greift ein Bild Jesajas auf. Ein Riss, der durch eine Mauer immer weiter fortschreitend geht, bis sie einstürzt. Gemeint ist bei Jesaja, dass eigenmächtige Politik anstelle des Vertrauens auf Gottes Wort in die Katastrophe führt. Stand vor 20 Jahren Öffnung und Fall der Berliner Mauer noch für den Zusammenbruch des sozialistischen Systems und den „wind of change“, wird jetzt die einsturzgefährdete Mauer zur Metapher für die Krise des kapitalistischen Weltgebäudes und ausbleibender Umkehr.

Verantwortungslosigkeit und die Aussicht auf schnelles Geld haben zu Pfusch am Bau geführt. Auch kurzfristige Renovierungsmaßnahmen können da kaum noch etwas retten.
Die Gebäudestrukturanalyse der EKD kommt zu dem Schluss, dass nachhaltig saniert werden muss, um den drohenden Einsturz abzuwenden: „Langfristig können Krisen dieses Ausmaßes nur durch ein umfassendes Umsteuern der internationalen Wirtschafts- und Finanzpolitik bewältigt und verhindert werden. Dabei genügt es nicht, die zutage tretenden Risiken heutigen Wirtschaftens in den Blick zu nehmen. Es ist vielmehr überlebenswichtig, auch die Risiken für die zukünftigen Generationen, für die armen Länder und für die natürlichen Grundlagen des Lebens als Kern künftiger Krisen zu erkennen.“ (S. 19) Auch darf es nicht sein, dass ausgerechnet die Schwachen die Sanierungskosten tragen.
Einen kompletten Abriss des bestehenden Gebäudes und Neubau, wie es im Falle des Sozialismus noch weithin begrüßt wurde, empfiehlt man hier nicht. Dies liegt wohl an der Überzeugung, dass das Konzept der Sozialen Marktwirtschaft entwicklungsfähig und global durchsetzbar sei. Während aber die Kirche noch appelliert, Vertrauen zu schaffen, gehen die Investmentbanker schon zum „business as usual“ über und verwirft das politische Krisenmanagement einen neuen Baustein nach dem anderen wieder. So gesehen zeichnet sich die geforderte Umkehr nicht ab.
Aber noch etwas gibt zu denken. Obwohl ansonsten alle Ebenen gesellschaftlicher Verantwortung von Banken und Unternehmen über Politik bis hin zum individuellen Verhalten einer Kritik unterzogen werden, fällt die kirchliche Selbstkritik doch etwas sparsam aus. Dies verwundert, da nach 1. Petrus 4,17 das Gericht zuerst am Haus Gottes anfängt. Aber die eigenen Kirchenmauern sehen seltsam unbeschädigt aus. Es wird wohl eingeräumt, dass in den Kirchen die Stimmen, die vor einer Fehlorientierung warnten, nicht ernst genommen wurden. Aber am Ende steht wie eine Selbstbestätigung bisherigen Redens der Hinweis auf die zuletzt veröffentlichten sozialethischen Publikationen, einschließlich der problematischen Denkschrift „Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive“. Dabei hätte es doch zum Duktus dieses Wortes gut gepasst, auch einige Fragen an das eigenes Haus zu stellen: Rieselt nicht auch der Mörtel vom Konzept der Sozialen Marktwirtschaft? Sind nicht auch so manche kirchliche Verlautbarungen und Programme der jüngsten Zeit auf Sand gebaut? Hat in der Kirche der neoliberale Zeitgeist keine Spuren hinterlassen? Es heißt zwar: „Wenn die Kirchen öffentlich reden, orientieren sie sich an der Heiligen Schrift.“ (S. 11) Aber verhält es sich wirklich so?
Die biblische Rollenverteilung „Hier das Wort Gottes – dort der Prophet“ lässt sich wohl nicht eins zu eins auf die Kirche übertragen. Sie kann dieses Wort nur ausrichten, indem sie sich zuerst unter die Kritik dieses Wortes stellt – mitsamt ihrem Reden und Handeln, ihren materiellen Eigeninteressen und religiösen Bedürfnissen, ihren Rücksichtnahmen und Absicherungen. Davon ist in diesem doch so kritischen Wort wenig zu spüren. Aber das kann ja noch kommen. ☐

 

Empfehlung

Benutzer-Anmeldung