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Balda hängt am Segen der Kirche

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Auf folgenden Sachverhalt und Artikel hat uns ein Leser von transparentonline.de aufmerksam gemacht. Ein Artikel mit weitergehenden Informationen zum Thema war für diese Ausgabe geplant, folgt jetzt aber voraussichtlich erst in der Dezember-Ausgabe von Transparent.

Hier der Eintrag aus dem Gästebuch von transparentonline.de:

Man hat sich ja daran gewöhnt, dass über das Finanzgebaren unserer Kirche eher hinter verschlossenen Türen gesprochen wird und nur ab und an Hiobs-Botschaften über die Versorgungskassen erklingen. Bisher betraf das ja nur die Beamten-Pensionskassen. Aber jetzt trifft es auch alle anderen: die Zusatzversorgungskasse Rheinland-Westfalen geht recht dubios mit unserem Geld um.
(…)
Was soll den das bitte? Kann dieses Verhalten mal jemand erklären, Herr Immel vielleicht?

 

Balda hängt am Segen der Kirche

von Sönke Iwersen
Mitarbeiter und Aktionäre des Handyzulieferers Balda sind Einiges gewohnt. Verunglückte Verkaufsgespräche, die das ganze Unternehmen gefährden, plötzliche Notrufe nach mehr Kapital. Jetzt stellt sich heraus: Sogar die evangelische Kirche ist in den Strudel des angeschlagenen Mittelständlers geraten. Der Grund ist unklar – die Kirche schweigt.
Düsseldorf. Der Handyzulieferer Balda aus Ostwestfalen kann seinen Betrieb derzeit nur mit dem guten Willen der evangelischen Kirche aufrechterhalten. Nach Informationen des Handelsblatts hat die kirchliche Zusatzversorgungskasse Rheinland-Westfalen eingewilligt, die Rückzahlung eines millio­nenschweren Darlehens durch Balda zu verschieben. Ohne diese Vereinbarung wären die Konsortialbanken von Balda zur Beendigung des gemeinsamen Kreditvertrags berechtigt gewesen. Dieser Schritt hätte für Balda das Ende bedeuten können.
Das Büro von Volker Heinke, dem Vorstand der Zusatzversorgungskasse, bestätigte die Existenz des Darlehens, wollte sich aber zu Details nicht äußern. Ein Sprecher von Balda sagte, es handele sich hierbei um die sogenannte Kirchen-Anleihe aus dem Jahr 2003. Das Darlehen über fünf Mio. Euro ist mit 6,5 Prozent verzinst und lief eigentlich im April 2009 aus. Weil die Banken aber darauf bestanden, dass Balda parallel zum Kirchen-Darlehen auch entsprechende Bankverbindlichkeiten in gleichem Maße tilge, habe man sich auf einen Kompromiss einigen müssen, sagte ein Balda-Sprecher. „Ohne dieses Zugeständnis der Kirche wäre es sehr schwer für uns geworden.“
Der Kompromiss sieht nun vor, dass die evangelische Kirche die Hälfte ihres Geldes erst später zurückerhält – ein genauer Zeitpunkt steht noch nicht fest. Ob die Kirche für die Verlängerung ihres Darlehens zusätzlich vergütet wird, sei ebenfalls noch nicht ausgehandelt.
Der Fall wirft einige Fragen auf – vor allem die nach der Anlagestrategie der Kirche. Bei den fünf Mio. Euro geht es um Gelder, die für den Lebensabend der Kirchenangestellten vorgesehen sind. Die Zusatzversorgungskasse Rheinland betreut rund 170.000 Versicherte. Sollte es eine Deckungslücke in der Kasse geben, muss diese laut Satzung vom Steueraufkommen der Kirche gedeckt werden. Deshalb mahnt sich die Kirche auch selbst zu größter Vorsicht. Offiziell heißt es: „Die Kirche muss mit dem Geld, das ihr anvertraut ist, verantwortungsvoll und professionell umgehen.“
Doch weder Balda noch die Versorgungskasse können erklären, wie die Kirchenleute auf die Idee kamen, einem Handyschalenhersteller fünf Mio. Euro aus der Rentenkasse für ihre Mitarbeiter auszuleihen. Den üblichen Maßstab zur Risikoabschätzung – eine Bewertung durch eine anerkannte Ratingagentur – gibt es nicht. Weder Standard & Poor‘s noch Moody‘s oder Fitch geben oder gaben eine Einschätzung zu Balda.
„Ohne Rating wird es natürlich schwierig“, sagt Jens Erhard, der mit seiner Münchener DJE Kapital AG rund neun Mrd. Euro verwaltet. Zwar könnten sich auch die Rating-Experten irren, doch gebe deren Urteil immerhin eine Orientierung. Bei illiquiden Anleihen seien zwei Jahre Laufzeit ohnehin das Maximum. „Mir ist immer unheimlich, wenn man aus einer Sache nur schwer wieder rauskommt“, sagt Erhardt.
Der Vermögensverwalter, der seit 40 Jahren im Geschäft ist, wundert sich sehr über die Bedingungen, zu der die Kirche ihr Geld verliehen hat. „Sechs Jahre sind viel zu lang, wenn man nicht wirklich abschätzen kann, wie ein Unternehmen sich langfristig entwickelt“, sagt Erhard. „Und 6,5 Prozent Zinsen sind für so ein Risiko auf jeden Fall zu wenig.“
Tatsächlich schrammte die Kirche mit ihrer Balda-Anleihe nur knapp am Desaster vorbei. Anfang 2008 warnte das Unternehmen vor einer drohenden Zahlungsunfähigkeit, mehrere Großaktionäre sind nach einem rapiden Kursverfall aus der Aktie geflüchtet. Vorstand und Aufsichtsrat wurden ausgetauscht.
Balda zeigt anschaulich, dass die sechs Jahre, auf die sich die Kirche mit ihrem Darlehen festlegte, gerade im High-Tech-Sektor einen kaum überschaubaren Zeitraum bedeuten. 2003 standen die Aussichten für das Unternehmen durchaus positiv. Doch 2006 riss die Pleite des Großkunden BenQ das Unternehmen tief in die Krise. Missmanagement und Marktverschiebungen taten in der Folge ihr Übriges. 2007 musste sich Balda wegen Liquiditätsschwierigkeiten neues Geld von den Aktionären besorgen. Inzwischen hat sich die Lage gebessert, aber auch im ersten Halbjahr 2009 arbeitete der Handyzulieferer nur knapp profitabel.

Die Verantwortlichen bei der Zusatzversorgungskasse Rheinland-Westfalen in Dortmund geben keinerlei Auskunft zu ihren Motiven, in Balda zu investieren. Auch Fragen zur Finanzsituation und grundsätzlichen Anlagestrategie wollte der Vorstand nicht beantworten. ☐

 

Handelsblatt vom 10.08.2009, http://www.handelsblatt.com/unternehmen/industrie/balda-haengt-am-segen-der-kirche;2443055;0

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