„Mache dich auf und werde licht!“ Ökumenische Visionen in Zeiten des Umbruchs. Festschrift für Konrad Raiser
Hrsg. von Dagmar Heller ua. Verlag Otto Lembeck, Frankfurt am Main 2008. ISBN 978-3-87476-550-3
Weggefährten und Weggefährtinnen schreiben in dieser Festschrift zum 70. Geburtstag von Konrad Raiser. Menschen aus allen Erdteilen kommen zu Wort und das ergibt eine ökumenische Festschrift; daher auch Beiträge in englischer Sprache: „Arise, shine!“ Die Herausgeber haben von den Schreibenden „fragmentarische Visionen und noch nicht abgeschlossene Aufbrüche in der Ökumene“ erbeten, weil Bruchstückhaftes und Unfertiges zur ökumenischen Existenz gehören. In einer Zeit, in der der ökumenischen Bewegung und dem ÖRK Krise und Stillstand attestiert werden, besonders in Deutschland durch die negative Einschätzung der 9. Vollversammlung des ÖRK in Porto Alegre 2006, schaut der Rezensent mit Interesse auf die deutschen AutorInnen und ihre ökumenischen Visionen. Als erstes fällt ihm auf, dass gegenwärtige, kirchenleitende Personen in der Festschrift nicht vertreten sind, also wohl nicht zu Raisers Weggefährten gehören. Bischof Huber, Ratsvorsitzender der EKD, beteiligt sich, aber er lässt uns nicht an seiner ökumenischen Vision teilhaben, sondern speist die Lesenden mit einer „alten“ Predigt aus dem Berliner Dom ab. Viele von Raisers DoktorandInnen kommen in der Festschrift vor. Bischöfin Margot Käsmann fehlt; ihre und Raisers Wege haben sich während der ökumenischen Reise wohl getrennt. Drei pensionierte Bischöfe – Held, Koppe und Renz –kommen zu Wort. Hein Joachim Held, ehemaliger Auslandsbischof der EKD bis 1993 und von 1983 bis 1991 Vorsitzender des Zentralausschusses des ÖRK, entwirft keine ökumenische Vision, sondern plädiert dafür, „die Grenzen ernst zu nehmen, die der ökumenischen Bewegung gesetzt zu sein scheinen, nicht zuletzt unsere eigenen ökumenischen Grenzen, auch wenn es schmerzt. Weder helfen uns Schuldzuweisungen an die ökumenischen „Störenfriede“ weiter, noch ist der ökumenischen Sache mit einem Rückzug aus dem schwierigen Geschäft der multilateralen kirchlichen Ökumene gedient“ (S.54). Es gilt Abschied von ökumenischen Illusionen zu nehmen. „Vor allem müssen wir beherzigen lernen, dass unser eigenes Ökumenemodell nur relativ ist. Das Schwierigste wird freilich die Einsicht sein, dass es keinen Weg zur Einheit gibt, der uns nichts kostet, der uns nichts an Schmerzen und Reue, an Umdenken und Abschieden zumutet“ (S. 56). Rolf Koppe, Helds Nachfolger bei der EKD und von 2002 bis 2006 Mitglied des Zentralausschusses des ÖRK, konstatiert: „An Genf geht kein Weg vorbei“ (S. 58-62). Auch er hat keine ökumenische Vision, sondern richtet seinen Blick auf die gegenwärtigen Realitäten: „Bilateralität mag ihre Vorzüge wegen der kurzen Wege haben, aber Multilateralität ist der weitere Weg im größeren Raum der einen Kirche Jesu Christi um des Zeugnisses und des Dienstes in dieser Welt willen“ (S.62). „Der ökumenische Horizont muss erweitert werden“, unterstreicht Eberhardt Renz, ehemaliger Bischof der württembergischen Landeskirche und von 1998 – 2006 einer der Präsidenten des ÖRK (S.197ff.). Das meint er im Blick auf die Kirchen, die sich bisher nicht dem ÖRK angeschlossen haben („Weite nach außen“), wie auch die Tür der Ökumene den Gruppen nicht verschlossen bleiben darf, die in und neben den institutionellen Kirchen engagiert ihre Ziele verfolgen („Weite nach innen“). Schließlich plädiert er für gemeinsames Eintreten für Evangelisation und für die Idee, 2010-2020 eine ökumenische Dekade zur gemeinsamen Evangelisation auszurufen. Visionen sind die bischöflichen Beiträge nicht, wohl deutliche Bestandsaufnahmen, hinter denen langjährige ökumenische Erfahrungen stehen. Eine junge lutherische Pastorin, Christina Kayales, geht den Gründen nach, warum ökumenische Visionen zur Zeit fehlen (S.69ff). Sie benennt gesellschaftspolitische Veränderungen und Ent-täuschungen (z.B. nach dem Ende der Apartheid in Südafrika), die für viele zum Alltag gehörenden Begegnungen mit fremden Kulturen (Reisen), vor allem die Einbindung der ökumenischen Aufbruchsstimmung in kirchliche Strukturen. Sie plädiert für den Mut, „sich Erfahrungen von Fremdheit auszusetzen“, sich unbequemen Anfragen zu stellen. Es sei eine ökumenische Herausforderung, die weltweite Armut nicht nur in Papieren festzuhalten, sondern Arbeitslose und Mittellose in den deutschen kirchlichen Alltag zu integrieren. „Eigenes zur Disposition stellen“ – das ist auch keine Vision, aber eine ökumenische Aufgabenstellung. Visionen bei den Orthodoxen? Georges Lemopoulos, Ökumenisches Patriarchat, stellvertretender Generalsekretär, hat zwar die Stichworte Träume und Hoffnungen im Titel seines Beitrages (S.139ff), aber letztlich entwickelt er keine neue ökumenische Vision. Bestandsaufnahmen und nüchterne Selbsteinschätzung – beachtenswert – schreibt er auf, aber weiter als zur Beschreibung neuer gemeinsamer Aufgaben (Bewahrung der Schöpfung, Bioethik, religiöse Pluralität) kommt er auch nicht. Ebenso wenig visionär ist der Beitrag von Leonid Kishkovsky, Orthodoxe Kirche in Amerika. Er zeichnet noch einmal den Weg nach von den orthodoxen Sorgen und Bedenken seit der Vollversammlungen von Canberra (1991) und Harare (1998) bis zur Errichtung der Sonderkommission mit ihren Ergebnissen und deren Annahme auf der Vollversammlung in Porto Alegre (2006). Entscheidungsfindung durch die Konsensmethode und Unterscheidung von gemeinsamem Beten und Gottesdiensten muss sich bewähren in der Zusicherung, dass der ÖRK eine Gemeinschaft von Kirchen ist und keine ökumenische Agentur, Struktur oder Organisation neben den Kirchen. Kishkovsky bringt die bekannte orthodoxe Position zur Sprache und fordert von den Kirchen im ÖRK, die Empfehlungen der Sonderkommission nicht nur formal anzunehmen, sondern auch mit Leben zu füllen und den ÖRK zu einem Raum zu machen für die zuverlässige Begegnung von kirchlichen Traditionen, Theologien und Weltanschauungen. Ein erhobener Zeigefinger, keine Vision! Wer zu dieser Festschrift greift, wird seine eigenen Entdeckungen machen. Zwei Beiträge seien aber noch empfohlen. Es ist erfrischend, wie Ofelia Ortega, Kuba, eine der Präsidenten des ÖRK, von den Lügen des Imperiums schreibt (S. 347ff), jenem Begriff aus der Ökumene, mit dem wir uns in Deutschland so schwer tun. Erhellend sind die Ausführungen von Heino Falcke (S.116ff), warum sich die Erkenntnisse der Ökumenischen Versammlung von Dresden 1987, die den politischen Aufbruch im Herbst 1989 einleiteten, nicht durchsetzen konnten. Bewahrung der Schöpfung und Option für die Armen blieben auf der Strecke, Gewaltfreiheit hielt sich durch. Die Festschrift für Konrad Raiser ist ein ökumenisches Lesebuch, in dem es sich nicht nur zu blättern, sondern auch zu lesen lohnt.
Klaus Matthes
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Wer zu dieser Festschrift greift, wird seine eigenen Entdeckungen machen ! Hört, Hört!javascript:JOSC_emoticon(%22
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