|
Jürgen Klute
Zwei vergessene Jahrestage und ihre Bedeutung
Zwei für sie wichtige Termine hat die evangelische Kirche in 2005 kommentarlos verstreichen lassen: Den 50. Jahrestag der EKD-Synode von Espelkamp „Die Kirche und die Welt der Arbeit“ (06.–11. März 1955) und den 50. Jahrestag der „Entschließung des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland zur Frage der Neubildung christlicher Gewerkschaften“ vom 15. Dezember 1955. Mit dem ersten Ereignis hat die Evangelische Kirche von Westfalen (EKvW) nicht nur geographisch zu tun. Die EKvW war maßgeblich an der inhaltlichen Vorbereitung der Synode in Espelkamp beteiligt. Der Beschluss der Synode „Die Kirche und die Welt der industriellen Arbeit“ stellt nüchtern fest: „Die Industrialisierung der modernen Arbeitswelt hat die Beziehungen zwischen den Menschen entscheidend geändert. Was bedeutet das für den Dienst der Kirche?“. In den vier Referaten von Bischof Lilje, Dr. Eberhard Müller, Sozialsekretär Henry Lillich und Pfarrer Horst Symanowski wurde diese Frage ausführlich und aus ganz unterschiedlichen Perspektiven reflektiert. Horst Symanowski, der immer wieder in verschiedenen Industriebetrieben gearbeitet hat, beschrieb die Aufgabe der Kirche in der Arbeitswelt aufgrund seiner eigenen Erfahrungen so: „Das bedeutet zuerst Absage an jede übersteigerte, nervöse, hektische Aktivität, die den Kirchenfremden überzeugen will. Es ist vielmehr etwas ganz Schlichtes: da zu sein, bei dem anderen in seiner Welt zu stehen. Es gilt, den Nächsten in dieser Welt der Arbeit zu lieben, ich möchte übersetzen: ihn ernst zu nehmen in seiner Leistung, in seinem Wunsch, die Lebenshaltung zu verbessern, die Existenz materiell zu sichern; ihn ernst zu nehmen in seiner Angst, immer abhängiger von seinem Betrieb oder Interessenverband zu werden.“ Die vier Referate sowie der zuvor genannte Beschluss der EKD-Synode sind die wichtigsten kirchenlichen Dokumente einer Auseinandersetzung mit der industriellen Arbeitswelt. Mit dem Wort der EKD-Synode „Zur Verantwortung der Kirche für die Arbeitswelt heute“ vom 12. November 1982, das vor allem auf die seinerzeit beginnende Massenarbeitslosigkeit reagierte, fand das Espelkamper Wort eine Fortsetzung. Im Jahr darauf nahm die Synode der EKvW das Thema mit dem Beschluss „Zukunft der Arbeit – Leben und Arbeit im Wandel“ (10. November 1983) ebenfalls einmal auf. Der zweite Jahrestag betrifft den Ratsbeschluss der EKD vom 15. Dezember 1955, in dem der Rat das Verhältnis zwischen EKD und den Gewerkschaften neu beschrieben hat. Entstanden ist der Beschluss im Kontext der Auseinandersetzungen über die weltanschaulich-politische Ausrichtung der Gewerkschaften in der damals noch jungen BRD: Sollen die Gewerkschaften weiterhin weltanschaulich bzw. konfessionell ausgerichtet sein, wie vor der Nazi-Diktatur, oder sollen sie sich als parteipolitisch neutrale, konfessionsunabhängige Einheitsgewerkschaften unter dem Dach des DGB etablieren. Mit ihrem Beschluss hat die EKD sich unmissverständlich gegen die Wiederbelebung christlich-konfessioneller Gewerkschaften und für den DGB ausgesprochen und hat damit zur Anerkennung das Modells der Einheitsgewerkschaft und des DGB beigetragen. Der Espelkamper Synodenbeschluss wie auch der Ratsbeschluss haben zu einer grundlegenden Neubestimmung des Verhältnisses von evangelischer Kirche und Gewerkschaften als Arbeitnehmerselbstorganisation geführt. Der Ausbau des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt (KDA) in den evangelischen Kirchen und die Arbeit des Industrieseminars der Gossner-Mission in Mainz-Kastel unter der Leitung von Horst Symanowski haben in den folgen Jahren zu einer intensiven praktischen und theologischen Auseinandersetzung mit den Fragen der Arbeitswelt geführt. Horst Symanowski ist der einzige der Referenten der Espelkamper Synode, der noch lebt. Am 08. September 2005 ist er 94 Jahre alt geworden. Am 03. November d.J. haben Wilhelm Huft, Jörg Müller und Christian Schröder in Mainz im Rahmen eines Empfangs das Buch „Horst Symanowski. Kirche und Arbeitsleben: getrennte Welten?“ (Lit Verlag, Münster 2005) öffentlich vorgestellt und Horst Symanowski überreicht. Dank der mühevollen mehrjährigen Recherchearbeit der drei Weggefährten und Herausgeber des Buches sind das Wirken Horst Symanowskis, sein kirchlicher Arbeitsansatz, der insbesondere in Großbritannien und auch in den USA auf große Resonanz gestoßen ist, und seine Schriften und Vorträge wieder öffentlich zugänglich gemacht und dem Vergessen entzogen worden. Aus der Rückschau betrachtet fand die Espelkamper EKD-Synode in der Endphase der Industriegesellschaft statt. Die Mehrheit der Beschäftigten ist mittlerweile im Dienstleistungssektor beschäftigt. Ein erheblicher Teil der Menschen im erwerbsfähigen Alter ist von Erwerbsarbeit ausgeschlossen. Kirche und Diakonie gehören zu den größten Arbeitgebern in der Dienstleistungsgesellschaft. Die Dienstleistungspolitik der EU liefert die sozialen Dienstleistungen, die Kirche und Diakonie erbringen, immer stärker dem Markt aus. Die Kirchen und der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt sind damit vor neue Herausforderungen gestellt. Das Vergessen der beiden für die evangelischen Kirchen und den KDA bedeutenden Jahrestage ist daher mehr als bedauerlich. Denn das damals Erkannte ist heute keineswegs bedeutungslos geworden. Es bedarf allerdings der Neu-Interpretation angesichts der heute gänzlich anderen gesellschaftlichen und arbeitsweltlichen Voraussetzungen. Zur Zeit bleibt nur zu hoffen, dass die evangelischen Kirchen nicht die Fehler wiederholen, die sie in der Phase der Industrialisierung gemacht haben. Der Band über Horst Symanowskis kirchliche Praxis und mit seinen theologisch-politischen Reflexionen enthält ein Vielzahl von Beispielen, Anregungen und Impulsen, die Anstöße geben, wie die Kirchen ihren heutigen Herausforderungen begegnen können – ganz im Sinne des Synodenwortes aus Espelkamp: „Der Glaube an die Herrschaft des Dreieinigen Gottes ist eine Macht auch für die Welt der Arbeit. Wo die Kirche in diesem Glauben lebt, erfährt sie zugleich Erneuerung ihrer eigenen Gestalt.“ ☐
|
Es freut mich, daß die Arbeit meines Vaters und seiner Freunde nicht vergessen ist. Mit Horst Symanowski starb unlängst ein weiterer Veteran des christlichen Humanismus. Martin Lillich