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Bevölkerungsschwund als Chance

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Arnold Voß

Bevölkerungsschwund als Chance

Zur Zukunft der Emscherzone

Der wirkliche Bevölkerungsverlust beginnt erst jetzt

Die Daten für das nächsten Jahrzehnt der demographische Entwicklung des Ruhrgebietes sind eindeutig: Alle Schätzungen sprechen davon, dass vom Jahr 2001 bis zum Jahr 2015 350-400.000 weniger Menschen im Ruhrgebiet wohnen werden.1 Das sind 6-7% der Bevölkerung. In räumlicher Hinsicht verteilt sich dieser Bevölkerungsschwund allerdings ungleichmäßig.
Es gibt Städte (z.B. Dortmund), die bis zum heutigen Zeitpunkt überhaupt keine Verluste verbuchen, oder solche wie z.B. Bottrop mit kleinere Gewinnen. Insgesamt jedoch ist der Trend durchgehend und trifft vor allem die Gemeinden der Emscherzone, d.h. die Städte und Stadtteile nördlich des sog. „Sozial-Äquators“, also der Bundesstraße 1 = Autobahn Nr. 40: südlich davon liegen die besser gestellten Stadtzentren und Teilregionen des Ruhrgebiets, während nördlich die schlechter gestellte „Emscherzone“ liegt.
Da der Bevölkerungsschwund hauptsächlich in der gesunkenen Geburtsrate und der damit verbundenen Überalterung begründet liegt und eine massive und vor allem kurzfristige Veränderung der deutschen Einwanderungspolitik völlig unwahrscheinlich ist, ist dieser Bevölkerungsrückgang unabänderlich.
Die diesbezügliche gesellschaftliche Debatte (sie ist wie so oft verspätet, aber jetzt immerhin massiv in Gang gekommen) hat im Gegensatz zur bislang geführten Abwanderungsdebatte also einen realen Kern. Warum? Die früher oft beschworenen Wanderungsverluste waren nämlich zu einem großen Teil der Regionalstatistik selbst geschuldet, weil sie sich an die regionalplanerisch völlig überkommen Gemeindegrenzen halten muss. Fasst man allerdings das Ruhrgebiet als eine zusammenhängende Stadtlandschaft – als die zusammenhängende und zusammengehörende „Ruhrstadt“ – auf2, haben die früheren, sogenannten „Abwanderungen“ eigentlich gar nicht stattgefunden, denn sie waren ja Umzüge innerhalb der „Ruhrstadt“3.
Der wirkliche und zugleich massive Bevölkerungsverlust der Gesamtregion beginnt also erst jetzt.

Von Berlin lernen

Ob der kommende Bevölkerungsverlust für das Ruhrgebiet/die „Ruhrstadt“ allerdings so negativ, ja bedrohlich ist, wie die aktuellen Veröffentlichungen in der Regel behaupten, ist äußerst zweifelhaft. Erst recht wenn man das Ruhrgebiet als Ganzes sieht und auch als Ganzes entwickelt und gestaltet. Selbst wenn man von maximal 400.000 weniger Einwohnern ausgeht, wohnen im Jahre 2015 immerhin viereinhalb Millionen Menschen in der „Ruhrstadt“/im Ruhrgebiet. Im Vergleich dazu hat das bevölkerungsmäßig kleinere Berlin seiner Zeit nach dem Mauerbau 1961 einen viel größeren Anteil seiner Einwohner verloren, dazu viel schneller und unter wesentlich schwierigeren Bedingungen. Und trotzdem hat Berlin „on the long run“ nichts Grundsätzliches an seiner sozialen, kulturellen und städtebaulicher Qualität eingebüßt. Bei aller menschlicher Dramatik, die diesem Berliner Bevölkerungsverlust vorausging und ihn begleitete, und abgesehen von der besonderen Berlin-Subventionierung und der höchst problematischen Fördermentalität kann im Nachhinein sogar gesagt werden, dass Berlin (stadt- und sozialräumlich betrachtet) durch sein jahrzehntelanges Negativ- bzw. Nichtwachstum im Vergleich zu den meisten europäischen Metropolen langfristig an Umwelt- und vor allem Umlandqualität gewonnen hat, ohne an Urbanität zu verlieren. Ein Vorteil, der sich in den kommenden Jahrzehnten mit der verschärften Konkurrenz um Bewohner und Arbeitsplätze als äußerst langfristig und nachhaltig erweisen wird.

Eine Jahrhundertchance eröffnet sich

Für das Ruhrgebiet heißt das: Die mittelfristig nicht aufhebbare Minusentwicklung der Bevölkerung muss als langfristige und zugleich einmalige historische Chance begriffen werden! Eine Jahrhundertchance, die in enger Verknüpfung mit zwei anderen ebenso weit wirkenden Großprojekten der Region gesehen werden muss: mit dem Umbau der Emscher und mit dem Emscher Landschaftspark. Beide finden zum allergrößten Teil genau in dem Teil der Region statt, in dem die zukünftigen Bevölkerungsverluste am größten sein werden. Also: der Bevölkerungsschwund, der Emscherlandschaftspark und der Emscherumbau bilden erst zusammen den Schlüssel für die Lösung eines der größten und ältesten Strukturprobleme der Region: Ihre fast ein ganzes Jahrhundert währende und in den letzten Jahrzehnten massiv zunehmende innere Nord-Süd-Disparität, also das Auseinanderklaffen der besser gestellten Teile im „Süden“, südlich der Bundesstraße 1 = Autobahn 40 in der sog. Hellwegzone, und dem ärmeren „Norden“ der Emscherzone, nördlich dieser genannten Achse.
Mit ins Kalkül zu ziehen sind unter sozialpolitischen und ökonomischen Gesichtspunkten zwei weitere soziokulturelle und ökonomische Entwicklung, die insbesondere die Emscherzone betreffen: Ihre zunehmende Verarmung und ihr erheblich größer werdender Anteil an MigrantInnen.4. Auch diese Tendenz ist vorerst nicht aufzuhalten, ja sie ergänzt sich sogar sozialpolitisch fatal, denn bei den MigrantInnen ist die Arbeitslosigkeit schon seit längerem fast doppelt so groß wie bei der deutschen Bevölkerung. Angesichts dieser mit dem Bevölkerungsschwund gleichzeitig verlaufenden Entwicklung, deren sozialräumlich Vorbedingungen schon viel früher geschaffen wurden, gilt es, die „Chancen des Schrumpfens“ in der Emscherzone anders zu bewerten als im Rest der „Ruhrstadt“. Dabei sollte zwischen kurzfristigen (bis 2015), mittelfristigen (2030) und langfristigen Strategien unterschieden werden.

Bevölkerungsschwund und Verarmung

Kurzfristig wir die Emscherzone die Rolle weiter und sogar verstärkt übernehmen müssen, die sie zumindest in ihrem Ballungskernbereich schon seit Beginn des Strukturwandels innehat: sozialräumliches Auffangbecken für die Modernisierungsverlierer zu sein5. Die mit dem Bevölkerungsverlusten einhergehenden Senkung von Immobilien- und Mietpreisen insbesondere in den (als zweitrangig geltenden) „B-Lagen“ und in den (als drittrangig geltenden) „C-Lagen“ (z.B. „Stadtteile mit besonderem Erneuerungsbedarf“ oder Armenghettos) wird dabei gerade vorteilhaft sein für diese Bevölkerungsgruppe und auch für die Kommunen, die häufig die Mietkosten dieser Menschen übernehmen müssen. Zugleich wäre aber auch zu überlegen, inwieweit zumindest den Kindern von Sozialhilfe- und Arbeitslosengeld II-Empfängern durch eine Vergrößerung des Wohnraumes in ihrem täglichen sozialen Stress geholfen werden könnte6. Auf jeden Fall: Der Abriss von Wohnraum verbietet sich in dieser Phase von selbst! Vielmehr sollten die Gesetze des Marktes endlich auch dann gelten, wenn sie zu Ungunsten der Vermieter verlaufen und zu Mieten pro Quadratmeter führen, die auch für Künstler und Kulturschaffende, Jungunternehmer und andere Kreative, sprich für alle Menschen mit weniger Geld und vielen Ideen bezahlbar werden7.
Mittelfristig allerdings muss dieser Entwertungs- und Umwertungstendenz ein neue Aufwertungsstrategie entgegengesetzt, bzw. durch sie ergänzt werden. Begonnen hat das mit der IBA = „Internationalen Bauausstellung Emscherpark“ schon in den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts. Wesentliche ökonomische Voraussetzung für den Erfolg einer solchen öffentlich-staatlichen Entwicklungsstrategie ist allerdings die Abnahme der Arbeitslosigkeit. Die Arbeitslosigkeit wird, so ist jedenfalls zu hoffen und zu prognostizieren, in den kommenden 10-15 Jahren aufgrund des momentan so dramatisch erscheinenden Kindermangels auch im Ruhrgebiet abnehmen, wenn auch leider viel zu spät.8 Ab dieser Zeit werden dann auch die aktuell begonnenen städtebaulichen Aufwertungsstrategien durch den Emscherumbau und den Emscher Landschaftspark flächendeckend zu wirken beginnen.

Abriss erst, wenn das schlimmste überstanden ist

Erst zu diesem Zeitpunkt , d.h. wenn die schwierigste Phase überstanden ist, scheint es mir sinnvoll, auch an den systematischen Abriss von gänzlich entwerteten Gebäuden und Infrastrukturen zu gehen, um den Freiflächenanteil vor allem der urbanen Emscherzone zu vergrößern. Nicht zuletzt auch deswegen, weil auch nach dem Jahre 2015 der Bevölkerungsschwund wahrscheinlich noch eine Zeit lang weiter anhalten wird.
Die insbesondere für diesen Teil der Ruhrstadt so typische enge Verzahnung von bebauter und unbebauter Fläche und ihre kleinstädtisch bis dörfliche Grundstruktur sind in diesem Zusammenhang weiter zu betonen und durch die schrittweise Vergrößerung des Emscherlandschaftspark noch stärker zu durchgrünen und räumlich zu fassen. Die „türkischen Gärten“ werden dabei genauso zunehmen können wie die Nah- und Selbstversorgungslandwirtschaft, die Freizeitnutzung um und in den alten Industriedenkmälern und die Bespielung der Uferzonen von altem Kanal und neuer Emscher. Das wäre insgesamt eine enorme, nachhaltige und vor allem familienfreundliche Vergrößerung und Verbesserung des Wohnumfeldes bei relativ niedrigen Immobilienpreisen – niedrig im Vergleich zu denen in der Hellwegzone und vor allem in anderen Ballungsgebieten.

Gebaute Friedfertigkeit als langfristiger Standortvorteil

Unter diesen Bedingungen könnte sich dann ab ca. 2030 wieder ein Zuwachs ergeben, zumindest aber eine Stabilisierung der Bevölkerungszahl einstellen, die zugleich auf einem wesentlich besseren ökonomischen Fundament steht. Zugleich hätte das Ruhrgebiet als ganzes den Strukturwandel dann schadloser und friedfertiger überstanden als andere Ballungsräume, die nicht über solche großräumigen, mit vielen Freiflächen durchdrungenen und zugleich nachbarschaftlich kleinteiligen Auffangstrukturen für ihre Bevölkerung mit Modernisierungverlusten verfügen. Für einen „normalen“ Ballungsraum ist diese multizentrale, kleinstädtisch-dörfliche und zugleich stark durchgrünte städtebauliche Gesamt-Struktur eigentlich untypisch. Diese Gesamt-Struktur zeichnet sich aus – zumal in der Emscherzone der „Ruhrstadt“ – durch eine lange, gewachsene Nachbarschafts- und Immigrationstradition und durch eine erstaunlich niedrige Kriminalitäts- und Aggressionsrate (was ja in Anbetracht der sich verschärfenden sozialen Probleme bemerkenswert ist.). Das ist ein strukturelles Plus, das sich in den nächsten Jahrzehnten, in denen auch bislang noch florierende Großstädte in den globalen Sog von Arbeitslosigkeit, Verarmung und Verrohung geraten werden, noch einmal als zusätzlicher und nachhaltiger Standortvorteil erweisen wird.

Qualifizierung der (als zweitrangig geltenden) „B-Lage“ auf dem Wohnungsmarkt

Allerdings will dieser Standortvorteil gepflegt und gefördert sein. Im Kern geht es dabei um die Qualifizierung in der generellen B-Lage. Konkret heißt dies für die nächsten Jahre: die Emscherzone braucht (statt staatlich finanziertem Abriss) eine Politik der Instandsetzung auf niedrigem, d.h. auch für die verarmte Bevölkerung bezahlbarem Niveau. Sie bracht bei der Wohneigentumsbildung mehr Einsatz von „Muskelhypotheken“ und Nachbarschaftshilfe, wenn herunter gekommener und daher preiswerter Immobilienbestand von bisherigen Mietern o.ä. übernommen wird. Sie braucht mehr genossenschaftliche Elemente durch Bildung von Standortgemeinschaften von Immobilienbesitzern und Gewerbetreibenden in den sozial gefährdeten Stadtteilen.
Es heißt aber auch: dort, wo Aufwertung und Neubau möglich ist, hochwertige Wohn- und Gewerbestandorte zu schaffen, bzw. die diesbezüglichen Investitionen zu unterstützen und zu fördern. Die sollte aber nur dort geschehen, wo die langfristige Entwicklungschance zu mehr geschlossenen Freiflächen und deren groß- und kleinräumlicher Vernetzung nicht im wahrsten Sinne des Wortes verbaut wird.

 


Anmerkungen:

1    Siehe z.B. differenzierter bei Strohmeier: Bevölkerungsentwicklung und sozialräumliche Struktur im Ruhrgebiet in der Reihe „Demografischer Wandel im Ruhrgebiet“ der Projekt Ruhr GmbH (Hg.).
2    Siehe ausführlich meinen von der WAZ im Internet veröffentlichen Essay „ Wie real ist die Ruhrstadt“ (www.debatte-ruhrgebiet.de/medienspiegel/Aufsatz_Ruhrstadt.pdf).
3    Dass auch solche Binnen- oder Randwanderungen für die betroffenen Stadtgebiete problematisch sein können, ändert nichts an diese Grundtatsache.
4    Siehe hierzu noch einmal Strohmeier und die Veröffentlichung „Ethnisches Mosaik des Ruhrgebietes“ in der Reihe „Demografischer Wandel im Ruhrgebiet“ der Projekt Ruhr GmbH (Hg.).
5    Dieses ist natürlich nicht ihre einzige Rolle, denn sie ist nach wie vor in großen Teilen für die in „Lohn und Brot“ stehenden Bevölkerung ein immer noch attraktiver Wohnort und für viele Unternehmen ein dauerhafter Standort, aber eben mit abnehmender Tendenz.
6    Was Stadtplanung sonst noch zur Behebung von Armut und Ausgrenzung tun kann habe ich ausführlich auf der Sozialkonferenz in Herne im Jahre 2002 vorgetragen (Siehe die Dokumentation in der Reihe der „Dortmunder Beiträge zur Sozial- und Gesellschaftspolitik“ Bd. 39, herausgegeben von Jürgen Klute und Karl Heinz Bitter).
7    Das ist im Einzelfall für die Immobilienbesitzer zwar ein erheblicher Verlust, aber dem standen im Normalfall auch über viele Jahrzehnte kontinuierliche Renditen gegenüber.
8    Das sich die Arbeitslosigkeit in der Emscherzone vorher erheblich reduzieren wird ist in Anbetracht der hier überdurchschnittlich hohen Langzeit- und/oder Ausländerarbeitslosigkeit und der überdurchschnittlich hohen Zahl der über 50jährigen Arbeitslosen trotz oder gerade wegen der Agenda 2010 nicht zu erwarten.

 

Dr. Arnold Voß, 1949 geboren. Studium der Raumplanung und Pädagogik in Dortmund und Berlin. Wissenschafts- und Lehrtätigkeit an der Technischen Universität Berlin, der Technischen Hochschule Aachen und der Columbia-University New York City in den Bereichen Stadtplanung, Städtebau und Architektur. Promotion zum Doktor der Politikwissenschaften. Praktische und konzeptionelle Beratungs- und Gutachtertätigkeit für Politik/Verwaltung, Bürgerinitiativen und private Investoren. Eigenes Planungsbüro (Office for the Art of Planning-OfaP). Lebt und arbeitet in Herne (Hauptstr.210, 44649 Herne – dort auch sein Planungsbüro).

 

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