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| „Den Sabbattag heiligen“ |
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| Nr. 87 | ||||
| Sonntag, den 20. April 2008 um 22:11 Uhr | ||||
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Okko Herlyn „Den Sabbattag heiligen“
Das vierte Gebot
„Es ist sagenhaft, sensationell. Es macht richtig Spaß. Wir freuen uns.“ Der Prokurist des großen Bochumer Modehauses reibt sich die Hände. Wir befinden uns mitten im Trubel eines verkaufsoffenen Sonntags. In der Fußgängerzone drängen sich die Massen. Vor den Parkhäusern bilden sich Autoschlangen. Nicht nur an den Dönerbuden stehen die Menschen in Dreier-Reihen. „Dieser Sonntag schlägt alle Rekorde.“ Angesichts etwa der allgemeinen Notdienste, angesichts etwa der Hochöfen, die auch über das Wochenende weiter betrieben werden müssen, angesichts etwa mannigfacher Spezialtransporte auf den Autobahnen, die doch den Feiertag nur zum Wohle aller „brechen“, scheint es nur konsequent zu sein, wenn mittlerweile zahllose Tankstellen frische Brötchen am Sonntagmorgen feilbieten und in ihrem Gefolge die Geschäftswelt mehr und mehr darauf dringt, die Ladenschlussgesetze gefälligst weiter zu lockern – zum Wohle aller, versteht sich. Der verkaufsoffene Sonntag sei nämlich, so jener Prokurist, „ein wichtiges Service-Angebot an unsere Kunden“. Könnte er sich damit, sofern bibelfest, nicht sogar auf Jesus selbst berufen: „Bindet nicht jeder von euch am Sabbat seinen Ochsen oder seinen Esel von der Krippe los und führt ihn zur Tränke?“ (Lukas 13, 15) Dem gegenüber scheint uns das biblische Gebot, des Sabbattages zu „gedenken“, ihn zu „halten“, gar zu „heiligen“ (2. Mose 20, 8, 5. Mose 5, 12 u.ö.) merkwürdig fremd anzublicken. Das hebräische Wort „schabbat“ bedeutet schlicht: „unterbrechen“. Gemeint ist die Unterbrechung der Arbeit. Für Israel ist die Arbeit „im Schweiße deines Angesichts“ (1. Mose 3, 19) vor allem Mühsal als eine Folge des Sündenfalls. Das harte bäuerliche Leben auf dem kargen Boden Palästinas wird als Fron empfunden, seine Unterbrechung als eine – zumindest zeitweilige – Befreiung davon. Diese soll nicht nur dem einzelnen, sondern dem ganzen Volk inklusive der Sklaven und „Fremden“, ja sogar den arbeitenden Tieren zugute kommen. Soweit in Kürze der biblische Befund. Aber kann man ihn so einfach auf eine gesellschaftliche Situation übertragen, die unter völlig anderen Bedingungen als zu biblischen Zeiten, lebt? Wovon könnte uns heute das Gebot, den Sabbat – bzw. in seiner Nachfolge den Sonntag – zu „heiligen“, befreien? Das Sabbatgebot befreit zunächst und vor allem von der Wahnvorstellung, alles in unserem Leben hänge an Arbeit, an Leistung, an Erfolg und Profit. Die Brechung der Allmacht des Marktes, die Entgötterung von Arbeit und Wirtschaft, die grundsätzliche Verweigerung der Anbetung von Leistung, Erfolg und Profit als totale, gewissermaßen rund um die Uhr auf dem Thron sitzende Potentaten täten unserer Gesellschaft gut. Das Sabbatgebot befreit zudem von dem geradezu schicksalhaften Zwang zur weiteren Entsolidarisierung unseres Gemeinwesens. Das Gebot galt ja allen. Die Erinnerung an diese zumindest zeitweilige Aufhebung aller sozialen Unter-schiede hält eine wichtige Vision wach, die unserer Gesellschaft gut täte. Das Befreiende des Sabbatgebots liegt auch darin, dass es eben dieser und kein anderer Tag ist. Wer meint, jeder könne doch seine Erholungszeit selber wählen, ist im Grunde schon Opfer der Marktlogik mit ihrer Forderung nach einem „flexiblen“, d.h. den Bedürfnissen der Wirtschaft angepassten Menschen. Die von Gott geschenkte Ruhe hat ihre eigene Würde, ist – entgegen gängiger Wirtschaftsideologie – mehr als bloße Regeneration der Arbeitskraft. Für den christlichen Glauben schließlich bleibt das Sabbatgebot zudem der unverzichtbare Aufruf zum Gottesdienst. Gegenüber einer Öffentlichkeit, die an dieser Stelle der Kirche gerne religiöse Sonderinteressen vorwirft, wäre hier allerdings einmal offensiv ein Gottesdienstverständnis geltend zu machen, das nicht nur Christinnen und Christen, sondern der Gesellschaft im Ganzen gut täte, weil hier nämlich etwas grundsätzlich anderes zu hören ist als in den Werbespots und Chefetagen. Wenn sich also die Kirche im Sinne des Sabbatgebots für den Erhalt der Sonntagsruhe einsetzt, dann wird sie es nicht so sehr um ihrer selbst, sondern vor allem um der Menschen willen tun.
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| Aktualisiert ( Mittwoch, den 23. April 2008 um 16:20 Uhr ) | ||||
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