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Heinrich Bauer: In memoriam Horst Thurmann

Am Karfreitag, dem 21. April 2000, fand in der Evangelischen Versöhnungskirche der KZ-Gedenkstätte Dachau zur Todesstunde Jesu ein Gottesdienst statt, in dem man wie in jedem Jahr auch diesmal an einen Menschen erinnerte, der zur Zeit der Hitlerdiktatur hier im KZ inhaftiert war. Sein Name: Horst Thurmann.
Dieser Wuppertaler Pfarrer ist erst am 23. September 1999 in Elberfeld gestorben. Er gehörte der Bekennenden Kirche an und zählte zu den „Finkewaldern“ als Vikar in dem von Dietrich Bonhoeffer geleiteten Predigerseminar und später als Bruderhausmitglied. Weil seine Äußerungen in seelsorgerlichen Gesprächen (!) als Regimekritik verstanden und denunziert wurden, wies ihn die Gestapo in das KZ Dachau ein. Nach dem Kriege wurde er, der aus theologischen Gründen die in der Volkskirche obligate Säuglingstaufe in Frage stellte und sein eigenes Kind nicht taufte, sondern eine Segenshandlung an ihm vollzog, von der rheinischen Kirchenleitung gemaßregelt.
Er war ein Mann, der zurückhaltend und demütig über die Kämpfe seines Lebens schwieg. Ob viele von uns Jüngeren überhaupt wussten, dass es in unserer Mitte, in der rheinischen Kirche auch den Bonhoefferschüler, KZ-Häftling und Säuglings-“Taufverweigerer“ Horst Thurmann gab?
Am Karfreitag 1999 galt das Gedenken in der Evangelischen Versöhnungskirche übrigens auch einem Elberfelder Pastor, nämlich Helmut Hesse, der am 24. November 1943 im Krankenbau des Dachauer KZ gestorben war, weil man ihm infamerweise die überlebenswichtigen Medikamente entzogen hatte. Helmut Hesse hatte in der „radikalen“ Elberfelder Bekenntnisgemeinde – es gab außerdem auch eine „gemäßigte“ ! – aus dem „Münchener Laienbrief“ zitiert, der gegen die Judenvernichtung protestierte, und für die Juden gebetet. Der Bruderrat der Bekennenden Kirche im Rheinland hatte sich wegen seiner auch sonst unbequemen Radikalität vor ihn distanziert. Auch Helmut Hesse. sein Mut und sein Tod im KZ Dachau sind in der rheinischen Kirche heutzutage eher unbekannt.
Transparent dokumentiert im folgenden die Ansprache von Pfarrer Heinrich Bauer, in der er eindrücklich über Horst Thurmann und unter Verwendung bisher unveröffentlichter Aufzeichnungen des alten Pfarrers berichtet. Im Hinblick auf das Anliegen der Solidarischen Kirche im Rheinland, MitarbeiterInnen unserer Landeskirche dem Vergessen zu entreißen, die im Hitlerreich verhaftet und verurteilt, verfolgt und vom damaligen Kirchenregiment zusätzlich in Schwierigkeiten gebracht wurden (man denke an den „Fall Eisele“!), sind wir Pfarrer Heinrich Bauer sehr dankbar, dass er uns seinen Text zur Verfügung gestellt hat. (Bei der Gelegenheit: Transparent-LeserInnen, die einmal die Münchener Region ansteuern, sollten nicht versäumen, die Evangelische Versöhnungskirche auf dem Dachauer KZ-Gelände zu besuchen und die bemerkenswerte Arbeit, die das Team um Pfarrer Bauer leistet, kennenzulernen. In Hinblick auf inhaltliche Wünsche und Führungen können Termine vorher abgesprochen werden. Die Adresse: Alte Römerstraße 87, 85221 Dachau, Tel. 08131 – 13644)
Paul Gerhard Schoenborn,

 

Heinrich Bauer: In memoriam Horst Thurmann

Gottesdienst am Karfreitag, 21. April 2000

in der Evangelischen Versöhnungskirche KZ-Gedenkstätte Dachau – Besinnung zur Todesstunde Jesu:

„Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.“
Johannes 3,16

Seien Sie gegrüßt zu diesem Gottesdienst zur Todesstunde Jesu. Wie in den vergangenen Jahren wollen wir in ihm eines Gefangenen des Konzentrationslagers Dachau gedenken. Diesmal ist es Horst Thurmann, ein Pfarrer aus dem Rheinland, den ich noch persönlich kennengelernt habe. Durch die ganze Stunde wird uns das Passionslied von Paul Gerhardt begleiten: „O Haupt voll Blut und Wunden“

Wir beten: Herr, gib uns ein Herz für dein Wort, und ein Wort für unser Herz. Amen

I.

Anfang Januar 1997 stieg ich vom Bahnhof in Wuppertal eine steile Straße hinauf: Augustastr. 128 war mein Ziel. Durch einen Hinweis von Anna Andlauer hatte ich erfahren, wer dort wohnte: Horst Thurmann, einer der letzten überlebenden evangelischen Pfarrer des Konzentrationslagers Dachau. Bis dahin hatte ich nichts von ihm gewusst. Bei allem, was uns hier in der Versöhnungskirche beschäftigt, war mir sein Name bisher verdeckt geblieben. Neugierig, aber auch leicht bange drückte ich auf den Klingelknopf. Ein etwa fünfzigjähriger Mann öffnete mir: Der Sohn. Die Mutter fand ich nicht mehr vor. Sie war einige Wochen zuvor gestorben. Wie ich später merkte, hätte sie noch viel erzählen können.
Horst Thurmann saß im Lehnstuhl. Gehen konnte er nicht mehr. Aber wache, klare Augen blickten mich an aus einem markanten Gesicht. Und eine warme, große Männerhand bot sich der meinen. „Guten Tag, Bruder Bauer“ sagte er in freundlichem Ton. Das war keine klerikale Floskel, es war nicht die gönnerhafte Kumpelhaftigkeit eines älteren kirchlichen Amtsträgers gegenüber einem jüngeren, bloß weil der auch Pfarrer ist. Es war die Anrede, die einst die Mitglieder der Bekennenden Kirche, gleich welchen Berufes, untereinander gepflegt hatten. Aber auch etwas Väterliches klang darin, das mir gut tat – noch oft übrigens, zum Beispiel als mir Horst Thurmann bei meinem letzten Besuch zum Abschied seine gute Hand auflegte, wie zum Segen.
Manches habe ich im Lauf der nächsten paar Jahre von ihm selbst oder von seinem Sohn erfahren, der übrigens gerne heute hier wäre, aber nicht hier sein kann, weil er krank ist. Manches, was Horst Thurmann selbst aufgezeichnet hat, habe ich in Kopie. So geht es jetzt auch nicht um die Wiedergabe des Ergebnisses einer biographischen Forschungsarbeit, sondern um die persönlich gefärbte Weitergabe eines Eindrucks aus persönlichen Erzählungen und Aufzeichnungen.
Horst Thurmann verstand sich nicht als volkskirchlicher Funktionsträger. Das wird nachher noch deutlich werden. Er sah sich vielmehr berufen als Christ, ordiniert zum Dienst der Weitergabe der Biblischen Botschaft. Dafür nahm er vieles in Kauf, auch um den Preis einer besonderen Einsamkeit. Alles, was ich schriftlich von ihm habe, ist darauf bezogen. Davon losgelöst schildert er nichts. Seine Gefühle bei allem schimmerten auch in den Gesprächen nur verhalten durch und blieben für mich als Außenstehenden sichtlich gebunden an seinen Dienst. Von allem Lückenhaftem, das ich von dieser streng an seine Berufung gebundenen Person weiß und teilweise nur ahne, will ich ein paar Eindrücke wiedergeben

II.

Über die Kindheitsjahre Horst Thurmanns habe ich weder schriftlich noch mündlich etwas erfahren. In seinem handschriftlichen „Theologischen Rückblick“ lese ich:
„Nachdem ich im Konfirmandenunterricht … in Düsseldorf zum Glauben gekommen war, wurde mir, unterstützt durch Freizeiten der Schülerbibelkreise … schon als 15-jährigem deutlich das Problem der geistlichen Verantwortung für andere, mithin das gemeindliche Problem. Ich sah für mein Leben in irgendeiner Form eine missionarische Aufgabe… Gleichzeitig gab es wohl kaum ein Wissensgebiet…, dem ich nicht aufgeschlossen gewesen wäre. Als ich mich vor der Reifeprüfung zum Studium der Theologie entschloss, war damit keineswegs der Beruf eines Gemeindepfarrers in Aussicht genommen … so wurde mir die geistliche Unmöglichkeit eines landeskirchlichen Gemeindepfarramts bald deutlich, ebenso wie (die) Korruption einer Kathedertheologie, die im Wettlauf mit der sogenannten exakten Wissenschaftlichkeit mitmachen will, wo sie doch nur in ganz begrenztem Maße Wissenschaft sein darf.
Der so zu Ostern 1930 … in Göttingen … beginnende Theologiestudent betrat die theologische Fakultät ohne allzu viel Erwartungen. Der innere Anlass zum Theologiestudium war bekanntlich das missionarische Interesse, Menschen für Jesus Christus zu gewinnen. Dies wollte ich allerdings tun als ‘approbierter’ Theologe. Das geistig-kulturelle Volumen, das nun einmal mit einem Jahrtausende alten „Christentum“ verbunden ist, machte mir die Kirchengeschichte … besonders lieb.“
Es folgen Semester in Marburg, Leipzig und Bonn. Weil Horst Thurmann Missionar werden will – zeitweise schwebt ihm Indien vor -, treibt er etwas Sanskrit. Im Herbst 1934 legt er die I. Theologische Prüfung ab. Verschiedene Ansätze, sich von Missionsgesellschaften aussenden zu lassen, führen nicht zum Ziel. „Das alles sah ich als Wink des Herrn an, in Deutschland, wo durch Entstehen der Bekennenden Kirche echte Frontarbeit sich bot, zu bleiben.“
Horst Thurmann unterstellt sich der „illegalen“ Bekennenden Kirche im Rheinland zur praktischen Weiterbildung, wird als Vikar in verschiedenen ihrer Gemeinden tätig. „Die anschließende Einweisung in das Predigerseminar der Bekennenden Kirche in Finkenwalde bei Stettin brachte mir eine neue theologische Entdeckung durch die Begegnung mit Dietrich Bonhoeffer (leider lässt sich Horst Thurmann in dem Papier, das mir zur Verfügung stand, darüber nicht näher aus). Viele gute Gespräche führten uns zueinander, war zur Folge hatte, dass er mich nach Ablauf des pflichtmäßigen Halbjahres (Sommer 1936) um ein Verbleiben im ‘Bruderhaus’ bat“ – als Inspektor und Repetitor.
Nach der II. Theologischen Prüfung in Barmen ruft ihn im Herbst 1937 die Bekennende Kirche ins Rheinland zurück, und er wird in der Friedenskirche in Düsseldorf ordiniert. Danach tut er Dienst nach Bedarf in verschiedenen Bekenntnisgemeinden, schließlich ab Januar 1940 in Euskirchen zur Unterstützung des dortigen Bekenntnispfarrers. Inzwischen hat er sich verlobt mit Magdalena Splettstößer. Am 11. März 1940 wird er von der Gestapo verhaftet „aufgrund von Äußerungen, die in drei seelsorgerlichen Gesprächen mit Eltern meiner Unterrichtskinder erfolgt waren“. Als Begründung diente der Heimtückeparagraph. Er bekommt sechs Monate Gefängnis, die er in Bonn verbüßt (das damalige Gerichtsurteil hat er mir gegeben). Anschließend wird er in „Schutzhaft“ genommen und nach Dachau überstellt, wo er Anfang Mai 1941 eintrifft.
Was steht im einzelnen dahinter? Horst Thurmann beschreibt es nach der Haftzeit so:

bulleta) „Die Mutter eines der Kinder betonte, der Religionsunterricht als Einrichtung der Kirche sei unwichtig; aber der Führer vertrete ein positives Christentum, und ‘alles, was der Führer tut, ist gut’. Ich schränkte ein, dass kein Mensch vollkommen sei. Die Frau wiederholte jedoch ihren Satz. Da schien mir ein Seelsorgefall gegeben. Um die Frau überhaupt ins Gespräch zu bringen, schilderte ich einen erwiesenen Vorgang grauenhafter Judenvernichtung (etwa 80 Juden wurden nach dem deutschen Einmarsch 1939 in einem polnischen Dorf durch SS bestialisch vernichtet). Ich schloss: „Ist solche Tat des Führers auch gut?“ Die Frau antwortete ausweichend und gab das Gespräch ihrem Manne weiter. Dieser verständigte empört die Gestapo, die hierin eine staatsfeindliche Hetze sah.
bulletb) Als eine Mutter die hohe Sittlichkeit der SS rühmte, die kennzeichnend sei für die hohe Sittlichkeit der nationalsozialistischen Erziehung (der kirchliche Religionsunterricht sei daher überflüssig!), zitierte ich einen Artikel des ‘Schwarzen Korps’, der SS-Zeitung, um der Frau die Notwendigkeit einer betont christlichen Unterweisung darzulegen. Nach diesem ‘belegten’ Artikel habe die SS als rassisch hochwertige Größe die Aufgabe möglichst viel Kinder zu erzeugen, auch ohne eheliche Bindung. Sollte der weibliche Teil widerstreben, könne solche Weigerung der Kriegsdienstverweigerung eines Soldaten gleichgesetzt werden. Im Gegensatz dazu betone – so fuhr ich fort – der Religionsunterricht das biblisch-christliche Ehe- und Sittlichkeitsverständnis. Auch in diesem Falle war der Ehemann über meine kontrastierenden Ausführungen empört. Die verständigte Gestapo sah in meiner Stellungnahme zu dem Artikel der SS-Zeitung eine staatsfeindliche Handlung.
bulletc) Eine Mutter begründete das Fernbleiben ihres Kindes vom Religionsunterricht damit, dass die nationalsozialistische Erziehung in der Hitlerjugend so hochwertig sei, dass sie keiner Ergänzung bedürfe. Ich hob dagegen den Unterschied von weltanschaulicher Schulung und biblisch-christlicher Verkündigung heraus. Dazu sei bekannt, dass in der Schulung der Hitlerjugend die Wertung der Familie herabgesetzt werde; elterliche Anweisungen würden oft lächerlich gemacht. Doch dürfe der Wert der christlichen Familie nicht beeinträchtigt werden; denn das Kind müsse doch zu einer christlichen Persönlichkeit erzogen werden. Daraufhin wich die Mutter aus, indem sie rühmend die Forderung der hohen Kinderzahl durch den Nationalsozialismus betonte. Ich entgegnete wir seien berufen zur christlichen Persönlichkeit, nicht nur zu Kanonenfutter. Meine denunzierten Ausführungen empfand die Gestapo als Beeinträchtigung der totalitären NS-Methodik und sah darin einen staatsfeindlichen Akt.
bulletd) Eine Mutter meinte – Hitler-begeistert – dass Deutschland ‘ganz gewiss den Krieg gewinnen’ würde. Dazu äußerte ich mich dahingehend distanziert, dass die Zukunft für einen Christen nur bei Gott liege. Die Gestapo – und das Gericht schloss sich dem in gewisser Weise an – sah in dieser Distanzierung einen defätistischen Akt, der als staatsfeindlicher Akt strafbar sei.“

Ab Mai 1941 ist Horst Thurmann also Gefangener im Dachauer „Pfaffenblock“. Über diese Zeit schreibt er in einem ausführlichen Papier, dessen Inhalt ich in dieser kurzen Stunde nicht ausbreiten kann. Ich berühre nur kurz zwei Begebenheiten, in denen Magdalena Splettstößer, spätere Thurmann, eine besondere Rolle spielt:
Erstens: Der Sohn, Norbert Thurmann, hat mir die Erzählung seiner Eltern so wiedergegeben: Die Verlobte fährt persönlich ins Reichssicherheitshauptamt nach Berlin und beschwert sich darüber, dass den inhaftierten Pfarrern die übersandten Pakete nicht mehr ausgehändigt werden. Sie hat Erfolg. Der verantwortliche SS-Unterführer wird gemaßregelt, die Pakete erreichen wieder ihre Adressaten, die Pfarrer dürfen Bibeln bekommen und zudem weitergehend als bislang ihre innere Ordnung selbst gestalten.
Zweitens: Weil vor der Verhaftung schon das Aufgebot bestellt war, wird die standesamtliche Trauung in Dachau-Stadt unter Bewachung genehmigt. Sie geschieht am 10. März 1942. Und dazu ein absolutes Unikum der gesamten KZ-Geschichte: Am 11. September 1943 wird das Paar im Evangelischen Betsaal in der Frühlingstraße im Beisein eines SS-Mannes kirchlich getraut und darf danach noch ein paar Wochen zusammen sein. Mit dem SS-Mann bestand nach dem Krieg noch eine jahrelange briefliche Verbindung.
Magdalena Thurmann hatte aber schon früher eine nicht unwichtige Rolle gespielt. Ihr Sohn erzählte mir: Nach der Verhaftung ihres Verlobten hatte sie ein Gespräch mit einem der leitenden Pfarrer der Bekennenden Kirche im Rheinland, der später an höchster Stelle stand. Dieser habe sie im Blick auf die Äußerungen Thurmanns zu einer der Mütter bezüglich des Massakers an den Juden in Polen gefragt: „Musste Ihr Verlobter das sagen?“ Die Empörung über diese Frage, die sie als Leisetreterei erlebte, veranlasste sie, finanzielle Unterstützung zurückzuweisen und blieb ein Stachel der Familie Thurmann in ihrem Verhältnis zur späteren, von BK-Leuten geleiteten rheinischen Landeskirche.
Aber zurück noch einmal nach Dachau – Horst Thurmann schildert das Ende so:
„Nach Jahren schwerster Erlebnisse wurden wir am 29. April 1945 durch eine militärische Einheit der amerikanischen Armee befreit. Der Plan der SS sah vor, am gleichen Tage abends um 21 Uhr das Lager anzuzünden und die Häftlinge zu erschießen. Durch einen Häftling war (in Verbindung mit einem SS-Mann) die noch in Pfaffenhofen stehende amerikanische Einheit von dem Plan verständigt worden. Im Direktvorstoß gelang es den US-Truppen, die Ausführung des SS-Planes zu verhindern. Um 17.30 Uhr war am 29. April das Lager befreit.
Nach einmonatiger Quarantäne wurden wir deutschen evangelischen Pfarrer durch Vermittlung der bayerischen Kirchenleitung in das Schwabinger Krankenhaus in München am 29. Mai 1945 eingeladen. Einen Monat später konnte ich mit meiner Frau … die mir nach Dachau – München entgegengereist war, mit einem von den amerikanischen Stellen genehmigten Taxikraftwagen Ende Juni in Wuppertal-Elberfeld eintreffen.“

III.

Über seinen Weg seit 1945 hat Horst Thurmann zu mir kaum gesprochen. So zitiere ich ihn jetzt, auch um ihn nicht zu missdeuten, hauptsächlich selbst:
„Nach einiger dringend nötigen Schonung trat die kirchliche Frage erneut an mich heran. Nachdem ich meinen Plan, als Missionar unter die ‘Heiden’ zu gehen, 1939 aufgeben musste, war damals die Bekennende Kirche als ‘Freiwilligkeitskirche’ mir eine willkommene Hilfe und Arbeitsmöglichkeit gewesen. Durch die Synoden von Treysa… hatte nunmehr die Bekennende Kirche ihre Existenz preisgegeben. Wir, ihre Kandidaten, sahen uns plötzlich ‘legalisiert’ durch die neuen Kirchenleitungen, in denen unsere Bekenntnisleute zwar maßgeblich beteiligt waren. Aber der volkskirchliche Rahmen war da. Die Frage entstand nun für mich, ob ich bereit sei, landeskirchlicher Pfarrer zu werden, wo mir die geistliche Unmöglichkeit der Landeskirche (=Volkskirche) vor Augen stand. Dass ich durch Gottes unfasslichen Ratschluss aus Dachaus Hölle herausgekommen bin, schien mir ein Vermächtnis, das mir im besonderen untersagt, ein so gerettetes Leben der verführerischen Tätigkeit eines religiösen Funktionärs zu opfern. Doch was sollte werden? Wie mir deutlich war, haben Freikirchen gleichfalls ihre erheblichen Mängel, die ihre Integrität in Frage stellen, wobei man absieht, dass menschliche Schwäche ja überall wohnt.“ (Ein Ruf einer Freikirche erfolgte nicht. Eine ‘Bewerbung’ kam für Thurmann nicht in Frage). „Im Frühjahr 1946 wurde ich gefragt, ob ich bereit sei, Pfarrverweser des 1. Bezirks der Evang.-reformierten Gemeinde Elberfeld zu werden. Da die Elberfelder Reformierte Gemeinde durch die Machenschaft der Lutherischen Gemeinde, die die zuziehenden Evangelischen zu ‘Lutheranern’ erklärt, bezüglich ihrer Seelenzahl sich in rückläufiger Bewegung befindet, schien sie mir auch etwas wie eine ‘Freiwilligkeitsgemeinde’, der man allenfalls als Gemeindepfarrer zur Verfügung stehen könne. So dachte ich jedenfalls, als ich mich bald darauf zum Pfarrer wählen ließ, zumal ich bereits als Pfarrverweser gute Aufnahme in der Gemeinde gefunden hatte.“
Doch auch hier trägt er eine innere Last mit sich: Er kann die volkskirchliche Praxis der Säuglingstaufe nicht bejahen:
„So vollzog ich bereits bei unserem ersten Kinde (wir mussten annehmen, dass es bald sterben würde – es verstarb dann als dreiwöchiger Erdenbürger) Januar 1947 in der Kapelle der Landesfrauenklinik eine Darbringung (oder Segnung) nach einer von mir zusammengestellten Ordnung, da ich kein Vorbild entdeckte. Den Umständen des Abscheidens zufolge, wurde die Segnung damals nicht sehr bekannt … Als die Geburt unseres zweiten Kindes (Norbert für Ende Februar 1949) zu erwarten war, schien mir die Lage noch gewichtiger. Mir wurde klar, dass ich nicht durch schlechtes Beispiel eine schlechte Theologie unterstützen dürfe, die in der Säuglingstaufe eine Begründung für eine nun eben doch unmögliche Volkskirche behauptet. Gleichzeitig wurde mir klar, dass ich nicht länger gemeindlicher Pfarrer einer Landeskirche bleiben dürfe, wollte ich nicht der übliche (und damit verführerische) religiöse Funktionär werden. Der Entschluss fiel mir schwer, denn einerseits wusste man sich mit vielen Christen der Landeskirche verbunden, andererseits stand die nun doch wichtige Brotfrage vor Augen…
Am 5. Mai 1949 richtete ich ein Gesuch an die Leitung der Evang. Kirche in Rheinland, mit der Bitte, mir den Vollzug der Segnung unseres Kindes zu gestatten. Unter dem 23. Mai bittet mich die Kirchenleitung, um Darlegung meiner theologischen Gründe für das Gesuch … Am 22. Juni teile ich OKR Beckmann mit, dass die Denkschrift bald eingereicht werde, dass ich aber unabhängig von einer (doch vorläufig nicht zu erwartenden) Antwort die Segnung bald vollziehen möchte. Am 26. Juni wird sie vollzogen im Anschluss an einen Sonntagsgottesdienst. Praktisch waren jedoch alle Gottesdienstbesucher im kirchlichen Raum geblieben. Am 27. Juni verbietet die Kirchenleitung telefonisch … den geplanten Vollzug der Segnung.“
Es geht weiter hin und her, und ab 1. Juni 1950 befindet sich Horst Thurmann im Wartestand. Zitat: „Doch blieb die Frage nach dem Was jetzt?“
Im April 1951 bietet ihm die Reformierte Gemeinde die Verwaltung ihrer Krankenhaus-Pfarrstelle an. Thurmann nimmt an, weil ihn das nicht verpflichtet, Säuglingstaufen zu vollziehen. Die volle Einsetzung als Krankenhauspfarrer, die das Presbyterium dann bald vorschlägt, scheitert zunächst aber am Einspruch der Kirchenleitung. 1957 fragt die Gemeinde erneut dort an, ob jetzt im Fall einer erneuten Wahl durch das Presbyterium mit einer Bestätigung gerechnet werden könne, wenngleich eine Änderung der theologischen Überzeugung Thurmanns nicht eingetreten sei. Nach einer ‘Kampfsitzung’ erklärt sich diesmal das Landeskirchenamt bereit, der Wahl Raum zu geben. Lapidar schließt Horst Thurmann seinen Bericht: „Die Einführung – (durch einen Gottesdienst) – ließ sich leider nicht verhindern, da durch Kirchenordnung geboten; sie fand statt am 29. Juni 1958 …“
Seinen späteren Ruhestand hat Horst Thurmann dann in Wuppertal-Elberfeld verbracht, wo er am 23. September 1999 im Haus Augustastr. 128 starb.

IV.

Erst im Zuge der Vorbereitung dieses Gottesdienstes habe ich näheren Einblick bekommen in das lebenslange Ringen Horst Thurmanns um die ihm gewissensgemäße und zugleich praktisch-lebensmögliche Gestalt seines Dienstes als Zeuge Jesu. Dieses Ringen hat sein ganzes Leben vor, in und nach Dachau durchdrungen. Manche Bitternis ist darin enthalten, zugleich aber auch eine Unerbittlichkeit in der Treue zu seinen Überzeugungen, die er sich manchen Preis kosten ließ. Nicht die Frage, ob er in allem recht hat, ist hier zu verhandeln. Wir haben seinen Weg nicht zu beurteilen. Aber wir haben Grund, ihn zu achten. Und ich denke: Die Kirche und die Gemeinschaft der Menschen überhaupt braucht Einzelne wie Horst Thurmann, dem Überzeugung wichtiger war als Status und Karriere, Gewissensbindung wichtiger als Sicherheit und Macht, unvollkommenes Ringen um einen wahrhaftigen Weg wichtiger als Selbstdarstellung – und der doch auch leben wollte.
So habe ich ihn als ein Geschenk erfahren, als ein lebendiges Beispiel einer Brüchigkeit, in der wir leben müssen, wenn wir ehrlich sein wollen. Er, der nur im Kreis seiner Nächsten begraben wurde, ist für mich ein weitgehend einsam stehender in seiner Beschriftung aber kenntlicher Wegweiser, dem es aufgegeben und gegeben war, in äußerlich rissiger und knickreicher Lebensbahn auf das österliche Licht zu weisen, das durch den Lebensbruch des Kreuzes Jesu dringt. In einer im Schwinden begriffenen volkskirchlichen Substanz kann er vielleicht – auch bei anderer Einstellung zur Säuglingstaufe – noch einmal anders und neu gehört werden. Geschrieben hat er dazu Manches, das in dieser Stunde nicht ausgebreitet werden konnte.
Ich schließe mit einem Zitat aus einer Passionsandacht, die Pfarrer Horst Thurmann am 21. März 1945, wenige Wochen vor der Befreiung des Konzentrationslager, hier im „Pfaffenblock“ gehalten hat. Die Ansprache bezieht sich auf das letzte Wort Jesu nach dem Johannesevangelium: „Es ist vollbracht.“ Wir können die folgenden Sätze hören vor dem Hintergrund des zusammenbrechenden selbstherrlichen Reiches. Wir können sie aber auch hören angesichts des Lebensweges von Horst Thurmann:
„Gehen die gewaltigen Leistungen der selbstherrlichen Menschen zugrunde, der Herr schaffte am Kreuz das bleibende Werk. Nun sei es am Schluss im Lichte des Kreuzes noch ausgesprochen, dass … die Klage über den Zusammenbruch alles Irdischen nicht das Letzte zu sein braucht.“
Dank / Fürbitte
Dafür, dass du uns nicht nur uns selbst überlässt, unserer eigenen und fremder Dynamik – dafür danken wir dir, Herr. Wir danken dir für deinen Zeugen Horst Thurmann und seine Frau, die heute zu uns sprachen von dir, weil sie in dir gebunden waren.
Wir bitten dich für unsere scheinbar heillose, ziellos nach allen Seiten zerfahrene Welt.
- für die Menschen, die nach Orientierung suchen …
- für die Opfer von Brutalität …
- für die christliche Gemeinde, dass sie rechte Worte und Taten und Gestalt findet vor deinem Kreuz
- für alle Menschen, dass sie in Frieden miteinander leben lernen
- für die Toten, dass sie dich schauen

Vaterunser …

 

Letzte Aktualisierung: 18.12.03

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