Heinrich Bauer: In memoriam Horst Thurmann
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| a) Die Mutter eines der Kinder betonte, der Religionsunterricht als Einrichtung der Kirche sei unwichtig; aber der Führer vertrete ein positives Christentum, und alles, was der Führer tut, ist gut. Ich schränkte ein, dass kein Mensch vollkommen sei. Die Frau wiederholte jedoch ihren Satz. Da schien mir ein Seelsorgefall gegeben. Um die Frau überhaupt ins Gespräch zu bringen, schilderte ich einen erwiesenen Vorgang grauenhafter Judenvernichtung (etwa 80 Juden wurden nach dem deutschen Einmarsch 1939 in einem polnischen Dorf durch SS bestialisch vernichtet). Ich schloss: Ist solche Tat des Führers auch gut? Die Frau antwortete ausweichend und gab das Gespräch ihrem Manne weiter. Dieser verständigte empört die Gestapo, die hierin eine staatsfeindliche Hetze sah. | |
| b) Als eine Mutter die hohe Sittlichkeit der SS rühmte, die kennzeichnend sei für die hohe Sittlichkeit der nationalsozialistischen Erziehung (der kirchliche Religionsunterricht sei daher überflüssig!), zitierte ich einen Artikel des Schwarzen Korps, der SS-Zeitung, um der Frau die Notwendigkeit einer betont christlichen Unterweisung darzulegen. Nach diesem belegten Artikel habe die SS als rassisch hochwertige Größe die Aufgabe möglichst viel Kinder zu erzeugen, auch ohne eheliche Bindung. Sollte der weibliche Teil widerstreben, könne solche Weigerung der Kriegsdienstverweigerung eines Soldaten gleichgesetzt werden. Im Gegensatz dazu betone so fuhr ich fort der Religionsunterricht das biblisch-christliche Ehe- und Sittlichkeitsverständnis. Auch in diesem Falle war der Ehemann über meine kontrastierenden Ausführungen empört. Die verständigte Gestapo sah in meiner Stellungnahme zu dem Artikel der SS-Zeitung eine staatsfeindliche Handlung. | |
| c) Eine Mutter begründete das Fernbleiben ihres Kindes vom Religionsunterricht damit, dass die nationalsozialistische Erziehung in der Hitlerjugend so hochwertig sei, dass sie keiner Ergänzung bedürfe. Ich hob dagegen den Unterschied von weltanschaulicher Schulung und biblisch-christlicher Verkündigung heraus. Dazu sei bekannt, dass in der Schulung der Hitlerjugend die Wertung der Familie herabgesetzt werde; elterliche Anweisungen würden oft lächerlich gemacht. Doch dürfe der Wert der christlichen Familie nicht beeinträchtigt werden; denn das Kind müsse doch zu einer christlichen Persönlichkeit erzogen werden. Daraufhin wich die Mutter aus, indem sie rühmend die Forderung der hohen Kinderzahl durch den Nationalsozialismus betonte. Ich entgegnete wir seien berufen zur christlichen Persönlichkeit, nicht nur zu Kanonenfutter. Meine denunzierten Ausführungen empfand die Gestapo als Beeinträchtigung der totalitären NS-Methodik und sah darin einen staatsfeindlichen Akt. | |
| d) Eine Mutter meinte Hitler-begeistert dass Deutschland ganz gewiss den Krieg gewinnen würde. Dazu äußerte ich mich dahingehend distanziert, dass die Zukunft für einen Christen nur bei Gott liege. Die Gestapo und das Gericht schloss sich dem in gewisser Weise an sah in dieser Distanzierung einen defätistischen Akt, der als staatsfeindlicher Akt strafbar sei. |
Ab Mai 1941 ist Horst Thurmann also Gefangener im Dachauer
Pfaffenblock. Über diese Zeit schreibt er in einem ausführlichen Papier,
dessen Inhalt ich in dieser kurzen Stunde nicht ausbreiten kann. Ich berühre
nur kurz zwei Begebenheiten, in denen Magdalena Splettstößer, spätere
Thurmann, eine besondere Rolle spielt:
Erstens: Der Sohn, Norbert Thurmann, hat mir die Erzählung seiner Eltern so
wiedergegeben: Die Verlobte fährt persönlich ins Reichssicherheitshauptamt
nach Berlin und beschwert sich darüber, dass den inhaftierten Pfarrern die übersandten
Pakete nicht mehr ausgehändigt werden. Sie hat Erfolg. Der verantwortliche
SS-Unterführer wird gemaßregelt, die Pakete erreichen wieder ihre Adressaten,
die Pfarrer dürfen Bibeln bekommen und zudem weitergehend als bislang ihre
innere Ordnung selbst gestalten.
Zweitens: Weil vor der Verhaftung schon das Aufgebot bestellt war, wird die
standesamtliche Trauung in Dachau-Stadt unter Bewachung genehmigt. Sie geschieht
am 10. März 1942. Und dazu ein absolutes Unikum der gesamten KZ-Geschichte: Am
11. September 1943 wird das Paar im Evangelischen Betsaal in der Frühlingstraße
im Beisein eines SS-Mannes kirchlich getraut und darf danach noch ein paar
Wochen zusammen sein. Mit dem SS-Mann bestand nach dem Krieg noch eine
jahrelange briefliche Verbindung.
Magdalena Thurmann hatte aber schon früher eine nicht unwichtige Rolle
gespielt. Ihr Sohn erzählte mir: Nach der Verhaftung ihres Verlobten hatte sie
ein Gespräch mit einem der leitenden Pfarrer der Bekennenden Kirche im
Rheinland, der später an höchster Stelle stand. Dieser habe sie im Blick auf
die Äußerungen Thurmanns zu einer der Mütter bezüglich des Massakers an den
Juden in Polen gefragt: Musste Ihr Verlobter das sagen? Die Empörung über
diese Frage, die sie als Leisetreterei erlebte, veranlasste sie, finanzielle
Unterstützung zurückzuweisen und blieb ein Stachel der Familie Thurmann in
ihrem Verhältnis zur späteren, von BK-Leuten geleiteten rheinischen
Landeskirche.
Aber zurück noch einmal nach Dachau Horst Thurmann schildert das Ende so:
Nach Jahren schwerster Erlebnisse wurden wir am 29. April 1945 durch eine
militärische Einheit der amerikanischen Armee befreit. Der Plan der SS sah vor,
am gleichen Tage abends um 21 Uhr das Lager anzuzünden und die Häftlinge zu
erschießen. Durch einen Häftling war (in Verbindung mit einem SS-Mann) die
noch in Pfaffenhofen stehende amerikanische Einheit von dem Plan verständigt
worden. Im Direktvorstoß gelang es den US-Truppen, die Ausführung des
SS-Planes zu verhindern. Um 17.30 Uhr war am 29. April das Lager befreit.
Nach einmonatiger Quarantäne wurden wir deutschen evangelischen Pfarrer durch
Vermittlung der bayerischen Kirchenleitung in das Schwabinger Krankenhaus in München
am 29. Mai 1945 eingeladen. Einen Monat später konnte ich mit meiner Frau
die mir nach Dachau München entgegengereist war, mit einem von den
amerikanischen Stellen genehmigten Taxikraftwagen Ende Juni in
Wuppertal-Elberfeld eintreffen.
Über seinen Weg seit 1945 hat Horst Thurmann zu mir kaum gesprochen. So
zitiere ich ihn jetzt, auch um ihn nicht zu missdeuten, hauptsächlich selbst:
Nach einiger dringend nötigen Schonung trat die kirchliche Frage erneut an
mich heran. Nachdem ich meinen Plan, als Missionar unter die Heiden zu
gehen, 1939 aufgeben musste, war damals die Bekennende Kirche als
Freiwilligkeitskirche mir eine willkommene Hilfe und Arbeitsmöglichkeit
gewesen. Durch die Synoden von Treysa
hatte nunmehr die Bekennende Kirche
ihre Existenz preisgegeben. Wir, ihre Kandidaten, sahen uns plötzlich
legalisiert durch die neuen Kirchenleitungen, in denen unsere
Bekenntnisleute zwar maßgeblich beteiligt waren. Aber der volkskirchliche
Rahmen war da. Die Frage entstand nun für mich, ob ich bereit sei,
landeskirchlicher Pfarrer zu werden, wo mir die geistliche Unmöglichkeit der
Landeskirche (=Volkskirche) vor Augen stand. Dass ich durch Gottes unfasslichen
Ratschluss aus Dachaus Hölle herausgekommen bin, schien mir ein Vermächtnis,
das mir im besonderen untersagt, ein so gerettetes Leben der verführerischen Tätigkeit
eines religiösen Funktionärs zu opfern. Doch was sollte werden? Wie mir
deutlich war, haben Freikirchen gleichfalls ihre erheblichen Mängel, die ihre
Integrität in Frage stellen, wobei man absieht, dass menschliche Schwäche ja
überall wohnt. (Ein Ruf einer Freikirche erfolgte nicht. Eine
Bewerbung kam für Thurmann nicht in Frage). Im Frühjahr 1946 wurde
ich gefragt, ob ich bereit sei, Pfarrverweser des 1. Bezirks der
Evang.-reformierten Gemeinde Elberfeld zu werden. Da die Elberfelder Reformierte
Gemeinde durch die Machenschaft der Lutherischen Gemeinde, die die zuziehenden
Evangelischen zu Lutheranern erklärt, bezüglich ihrer Seelenzahl sich in
rückläufiger Bewegung befindet, schien sie mir auch etwas wie eine
Freiwilligkeitsgemeinde, der man allenfalls als Gemeindepfarrer zur Verfügung
stehen könne. So dachte ich jedenfalls, als ich mich bald darauf zum Pfarrer wählen
ließ, zumal ich bereits als Pfarrverweser gute Aufnahme in der Gemeinde
gefunden hatte.
Doch auch hier trägt er eine innere Last mit sich: Er kann die volkskirchliche
Praxis der Säuglingstaufe nicht bejahen:
So vollzog ich bereits bei unserem ersten Kinde (wir mussten annehmen, dass
es bald sterben würde es verstarb dann als dreiwöchiger Erdenbürger)
Januar 1947 in der Kapelle der Landesfrauenklinik eine Darbringung (oder
Segnung) nach einer von mir zusammengestellten Ordnung, da ich kein Vorbild
entdeckte. Den Umständen des Abscheidens zufolge, wurde die Segnung damals
nicht sehr bekannt
Als die Geburt unseres zweiten Kindes (Norbert für Ende
Februar 1949) zu erwarten war, schien mir die Lage noch gewichtiger. Mir wurde
klar, dass ich nicht durch schlechtes Beispiel eine schlechte Theologie unterstützen
dürfe, die in der Säuglingstaufe eine Begründung für eine nun eben doch unmögliche
Volkskirche behauptet. Gleichzeitig wurde mir klar, dass ich nicht länger
gemeindlicher Pfarrer einer Landeskirche bleiben dürfe, wollte ich nicht der übliche
(und damit verführerische) religiöse Funktionär werden. Der Entschluss fiel
mir schwer, denn einerseits wusste man sich mit vielen Christen der Landeskirche
verbunden, andererseits stand die nun doch wichtige Brotfrage vor Augen
Am 5. Mai 1949 richtete ich ein Gesuch an die Leitung der Evang. Kirche in
Rheinland, mit der Bitte, mir den Vollzug der Segnung unseres Kindes zu
gestatten. Unter dem 23. Mai bittet mich die Kirchenleitung, um Darlegung meiner
theologischen Gründe für das Gesuch
Am 22. Juni teile ich OKR Beckmann
mit, dass die Denkschrift bald eingereicht werde, dass ich aber unabhängig von
einer (doch vorläufig nicht zu erwartenden) Antwort die Segnung bald vollziehen
möchte. Am 26. Juni wird sie vollzogen im Anschluss an einen
Sonntagsgottesdienst. Praktisch waren jedoch alle Gottesdienstbesucher im
kirchlichen Raum geblieben. Am 27. Juni verbietet die Kirchenleitung telefonisch
den geplanten Vollzug der Segnung.
Es geht weiter hin und her, und ab 1. Juni 1950 befindet sich Horst Thurmann im
Wartestand. Zitat: Doch blieb die Frage nach dem Was jetzt?
Im April 1951 bietet ihm die Reformierte Gemeinde die Verwaltung ihrer
Krankenhaus-Pfarrstelle an. Thurmann nimmt an, weil ihn das nicht verpflichtet,
Säuglingstaufen zu vollziehen. Die volle Einsetzung als Krankenhauspfarrer, die
das Presbyterium dann bald vorschlägt, scheitert zunächst aber am Einspruch
der Kirchenleitung. 1957 fragt die Gemeinde erneut dort an, ob jetzt im Fall
einer erneuten Wahl durch das Presbyterium mit einer Bestätigung gerechnet
werden könne, wenngleich eine Änderung der theologischen Überzeugung
Thurmanns nicht eingetreten sei. Nach einer Kampfsitzung erklärt sich
diesmal das Landeskirchenamt bereit, der Wahl Raum zu geben. Lapidar schließt
Horst Thurmann seinen Bericht: Die Einführung (durch einen Gottesdienst)
ließ sich leider nicht verhindern, da durch Kirchenordnung geboten; sie
fand statt am 29. Juni 1958
Seinen späteren Ruhestand hat Horst Thurmann dann in Wuppertal-Elberfeld
verbracht, wo er am 23. September 1999 im Haus Augustastr. 128 starb.
Erst im Zuge der Vorbereitung dieses Gottesdienstes habe ich näheren
Einblick bekommen in das lebenslange Ringen Horst Thurmanns um die ihm
gewissensgemäße und zugleich praktisch-lebensmögliche Gestalt seines Dienstes
als Zeuge Jesu. Dieses Ringen hat sein ganzes Leben vor, in und nach Dachau
durchdrungen. Manche Bitternis ist darin enthalten, zugleich aber auch eine
Unerbittlichkeit in der Treue zu seinen Überzeugungen, die er sich manchen
Preis kosten ließ. Nicht die Frage, ob er in allem recht hat, ist hier zu
verhandeln. Wir haben seinen Weg nicht zu beurteilen. Aber wir haben Grund, ihn
zu achten. Und ich denke: Die Kirche und die Gemeinschaft der Menschen überhaupt
braucht Einzelne wie Horst Thurmann, dem Überzeugung wichtiger war als Status
und Karriere, Gewissensbindung wichtiger als Sicherheit und Macht,
unvollkommenes Ringen um einen wahrhaftigen Weg wichtiger als Selbstdarstellung
und der doch auch leben wollte.
So habe ich ihn als ein Geschenk erfahren, als ein lebendiges Beispiel einer Brüchigkeit,
in der wir leben müssen, wenn wir ehrlich sein wollen. Er, der nur im Kreis
seiner Nächsten begraben wurde, ist für mich ein weitgehend einsam stehender
in seiner Beschriftung aber kenntlicher Wegweiser, dem es aufgegeben und gegeben
war, in äußerlich rissiger und knickreicher Lebensbahn auf das österliche
Licht zu weisen, das durch den Lebensbruch des Kreuzes Jesu dringt. In einer im
Schwinden begriffenen volkskirchlichen Substanz kann er vielleicht auch bei
anderer Einstellung zur Säuglingstaufe noch einmal anders und neu gehört
werden. Geschrieben hat er dazu Manches, das in dieser Stunde nicht ausgebreitet
werden konnte.
Ich schließe mit einem Zitat aus einer Passionsandacht, die Pfarrer Horst
Thurmann am 21. März 1945, wenige Wochen vor der Befreiung des
Konzentrationslager, hier im Pfaffenblock gehalten hat. Die Ansprache
bezieht sich auf das letzte Wort Jesu nach dem Johannesevangelium: Es ist
vollbracht. Wir können die folgenden Sätze hören vor dem Hintergrund des
zusammenbrechenden selbstherrlichen Reiches. Wir können sie aber auch hören
angesichts des Lebensweges von Horst Thurmann:
Gehen die gewaltigen Leistungen der selbstherrlichen Menschen zugrunde, der
Herr schaffte am Kreuz das bleibende Werk. Nun sei es am Schluss im Lichte des
Kreuzes noch ausgesprochen, dass
die Klage über den Zusammenbruch alles
Irdischen nicht das Letzte zu sein braucht.
Dank / Fürbitte
Dafür, dass du uns nicht nur uns selbst überlässt, unserer eigenen und
fremder Dynamik dafür danken wir dir, Herr. Wir danken dir für deinen
Zeugen Horst Thurmann und seine Frau, die heute zu uns sprachen von dir, weil
sie in dir gebunden waren.
Wir bitten dich für unsere scheinbar heillose, ziellos nach allen Seiten
zerfahrene Welt.
- für die Menschen, die nach Orientierung suchen
- für die Opfer von Brutalität
- für die christliche Gemeinde, dass sie rechte Worte und Taten und Gestalt
findet vor deinem Kreuz
- für alle Menschen, dass sie in Frieden miteinander leben lernen
- für die Toten, dass sie dich schauen
Vaterunser
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